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Zuletzt aktualisiert: 08.06.2012 um 20:31 UhrKommentare

"Man braucht eine innere Spannung"

Veit Sorger wird 70 und gibt die Leitung der Industriellen-vereinigung ab - ein Gespräch über Geld und Leben.

Foto © Reuters

H err Präsident Sorger, Sie haben alles Mögliche vorgehabt, bevor Sie bei der Industrie gelandet sind. Was treibt Unternehmer eigentlich an?

SORGER: Man muss eine innere Spannung haben. Industrie ist heute sicherlich offener und auch riskanter als damals, als ich im früher sehr abgesicherten Versicherungswesen angefangen habe. Inzwischen hat sich das geändert.

Sie wollten angeblich einmal Unterrichtsminister werden. Was täten Sie anstelle von Frau Schmied?

SORGER: Wir haben gegenüber der Ministerin mit unserem Programm "Schule 2020" signalisiert, wie stark uns die Schule beschäftigt. Über 120 Vorstände und CEOs haben hier mitgearbeitet, das größte Einzelprojekt, das wir in dieser Form je hatten.

Weil die Industrie unter der schlechten Ausbildung der Schüler leidet?

SORGER: Nicht nur deshalb, sondern weil es uns wichtig ist, dass wir die richtigen Mitarbeiter zur richtigen Zeit sehr gut ausgebildet bekommen. Mit unserer Rohstoffknappheit sind wir auf erstklassige Mitarbeiter noch mehr angewiesen als andere Länder.

Würden Sie das Fach Wirtschaft einführen?

SORGER: Ich gehe weiter zurück: Ich habe schon im Kindergarten mit einem Kaufmannsladen gespielt und beim DKT überlegen müssen, wie ich Nahrungsmittel kaufen kann. Meine Kinder haben das in dieser Form in ihrer Ausbildung nicht mehr mit auf den Weg bekommen.

Die spielten "Siedler"?

SORGER: Computer waren damals noch nicht so häufig. Meine Kinder sind heute alle um die 30, in ihrer Ausbildungszeit waren vielmehr ganz andere Aufklärungskoffer populär (lacht).

Welche Fächer würden Sie einführen?

SORGER: Ich würde mich über ein Fach "Ethik und Anstand" freuen, das mit einfachen Beispielen auf das Leben vorbereitet. Das Zweite ist ein kaufmännischer Aspekt, kombiniert mit dem Wecken von Neugierde - in den berühmten zwei Stunden, die wir gerne länger Unterricht hätten.

Was halten Sie von Wachstumspaketen?

SORGER: Wachstum kann man nicht auf Knopfdruck kreieren. Ich muss vielmehr ein wachstumsfreundliches Umfeld schaffen, das heißt Forschung und Entwicklung, Innovation, Bildung und Ausbildung fördern.

Das dauert, in der Krise aber bleibt keine Zeit.

SORGER: In Krisenzeiten helfen Stimuluspakete. Das haben wir gemacht und es war richtig. Aber wir haben es budgetär teuer bezahlt. Unser Wachstum ist sehr schnell angesprungen, damit haben wir gar nicht gerechnet. Die Arbeitslosigkeit ist gesunken, wir sind sehr schnell aus der Krise herausgekommen, weil wir eine starke Industrie haben. Jene Staaten, die wenig Industrie haben, stecken heute noch drin.

Hat die Krise etwas Positives?

SORGER: Wir haben in Österreich endlich erkannt, dass Schulden eines Tages zurückzuzahlen sind.

Auch die der anderen?

SORGER: Die Rechnung für Griechenland zahlt Europa, das ist überhaupt keine Frage. Aber wir zahlen auch für Fehler, für die wir mitverantwortlich sind. Wir zahlen dafür, dass wir die Griechen - gemeinsam mit anderen Südländern - in der Eurozone haben wollten, weil Griechenland als Ursprung der Demokratie einen ganz besonderen Stellenwert hatte. Kontrolliert hat man sie nicht.

Was lernen wir daraus?

SORGER: Sie können nicht Gelder anderer ausgeben und Verpflichtungen eingehen, ohne die Kontrolle zu haben.

Was sollte jetzt geschehen?

SORGER: Das Land zu stabilisieren, ist bisher nicht geglückt. Ich glaube, man sollte es bis zuletzt versuchen. Die Griechen müssen aber ihren Teil erfüllen. Es ist einfach nicht akzeptabel, dass Währungsreserven nicht eingesetzt werden, dass die Privatisierung nicht gemacht wird.

Verstehen Sie die Proteste?

SORGER: Man sollte sich einmal vorstellen, was solche Sparmaßnahmen bei uns auslösen würden: bei Pensionisten, Beamten, Lehrern! So fair muss man sein.

Jetzt droht Spanien . . .

SORGER: . . . Warum erwähnen Sie nicht Portugal oder Irland? Kleine Länder, die gezeigt haben, wie man mit enormen Anstrengungen und großen Kraftakten, die man der Bevölkerung zumuten musste, doch Korrekturen zustande bringen kann.

Wir müssen also Zeit lassen?

SORGER: Ja, aber die Länder müssen auch signalisieren, dass sie die Zeit nützen.

Halten Sie die gemeinsame Schuldenfinanzierung über EuroBonds für sinnvoll?

SORGER: Euro-Bonds sind nicht unser Favorit. Für Herrn Hollande schon. Überall dort, wo genommen wird, sind Euro-Bonds natürlich populär, und überall dort, wo gegeben wird, sind sie es nicht. Ich kann Volkswirtschaften wie Deutschland und Österreich nicht unendlich belasten. Euro-Bonds können vielleicht am Ende kommen, wenn alle umdenken und die Sicherheit da ist, dass die aufgesetzten Programme zur Wettbewerbsfähigkeit führen.

Sie verlassen in einer Woche die Industriellenvereinigung, was machen Sie jetzt? Sie wollen nicht Tauben füttern, haben Sie gesagt.

SORGER: Auf diesen Satz werde ich von allen angesprochen. Ich freue mich, wenn ich ein bisschen mehr Zeit habe. Ich habe eine Reihe von Mandaten in Aufsichtsräten und Beteiligungen, die ich weiter betreuen werde. Ich möchte mich auch mit dem Uni-Rat beschäftigen. Und mit meinem Sozialprojekt.

Mit welchem Sozialprojekt?

SORGER: Das war ein sehr nobles Geschenk seitens meines ehemaligen Arbeitgebers Mondi: Statt mir Bargeld auszahlen zu lassen, ließ ich es in eine Stiftung legen, die 40 jungen Menschen ein naturwissenschaftliches Studium ermöglicht. Das ist eine wunderbare Reflexion eines Industrielebens.

Wenn Sie einen Wunsch freihätten für die Republik, was wäre der?

SORGER: Ich mag meine Heimatstadt Graz sehr. Ich bin in der Steiermark zu Hause. Österreich ist ein großartiges Land im Herzen Europas. Es ist fantastisch - und das hat die Politik zu erhalten und entsprechend zu fördern.

INTERVIEW: THOMAS GÖTZ

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