"Wir haben zu viel Fett angesetzt"
Bis 2050 sollte das Pensionsalter auf 70 Jahre hinaufgeschraubt werden, fordert Pensionsexperte Bernd Marin. Vom Kaputtsparen seien wir weit entfernt, Abschlanken sei angesagt.

Foto © APAPensionsexperte Bernd Marin
Derzeit ist viel vom Kaputtsparen die Rede, Sie fordern aber ein "Gesundsparen". Nimmt sich die Regierung diesen Paradigmenwechsel zu Herzen?
BERND MARIN: Das weiß ich nicht. Sicher ist, dass wir vom Kaputtsparen weit entfernt sind. Wir haben einfach zu viel Fett angesetzt. Ein bisschen Abschlanken tut gut. Ich bin gegen eine Palliativpolitik, die Leute betäubt und nur schmerzfrei über die Runden bringt.
Viele Menschen glauben, wenn gespart wird, werden die Leistungen zurückgefahren.
MARIN: Das kann, muss aber und sollte nicht so sein. Es wurde zuletzt viel von den "richtigen Hämmern" geredet. Was ist an "Hämmern" in anderen Ländern passiert? In Italien werden die Frauenpensionen innerhalb von sechs Jahren um sechs Jahre angehoben, in England um fünf Jahre bis 2020. Das sind "Hämmer". Davon sind wir, gottlob, weit entfernt.
Den "Hammer", von dem Spindelegger redet, suchen Sie noch?
MARIN: Na ja, Feinwerkzeuge tun's auch, wenn man sie kundig einsetzt. Im Kopf beginnt man den Schalter zum Glück umzulegen. Dass man bis 2020 das faktische Pensionsalter um vier Jahre anheben will, ist schon einmal gut. Das würde noch immer nicht reichen, aber schon ein ganz großer Erfolg sein und erstmals seit 1945 eine Umkehr in die richtige Richtung.
Reichen die geplanten Maßnahmen bei den Pensionen aus?
MARIN: Die Frage ist, wofür - als erste Überlebenshilfe oder zur Heilung? Bis 2020 steigt allein die Lebenserwartung um zwei bis zweieinhalb Jahre. Ein Großteil des angestrebten Effekts verpufft einfach durch den Umstand, dass wir Männer jährlich um 109 Tage, Frauen um 80 Tage länger leben, Jahr für Jahr - und dass diese Lebenserwartungszuwächse nicht in der Pensionsformel berücksichtigt sind. Das Fehlen dieses Automatismus kostet bis 2020 weitere zwei Milliarden.
Sie schlagen vor, dass das gesetzliche Antrittsalter ab 2025 angehoben wird.
MARIN: Die entscheidende Frage ist: Schenkt man den Menschen reinen Wein ein? Und wenn, wann? Ich bin für drei "geheiligte" Grundprinzipien: für Sanftmut, Transparenz und für Fairness bzw. Gleichbehandlung. Die Dänen sagen ihren Leuten, dass sie 2050 bis 71,5 Jahre arbeiten müssen. Statt zu warten, fangen sie gleich damit an - und machen das in winzigen homöopathischen Dosen. Wir Österreicher lassen uns 40 Jahre lang Zeit - etwa mit dem Übergang bei den Frauenpensionen - aber machen das dann ruckartiger im Jahrzehnt vor 2034.
Die Regierung sollte bereits jetzt verkünden, wie der Pensionspfad bis 2050 aussieht?
MARIN: Ja, um Sicherheit und Vertrauen zu schaffen. Viele Länder legen sich bis 2050 oder sogar 75 Jahre im Voraus fest. Viele Widerstände sind selbst verschuldet. Die Politik schafft ein Klima der Ungewissheit und erzeugt damit jene völlig verständlichen Widerstände, auf die sie sich dann ausredet.
Um wie viele Jahre sollte man das Pensionsalter bis 2020 erhöhen?
MARIN: Bis 2025 könnte man bei 65 bleiben (auch für Frauen), bis 2050 wird man das gesetzliche Pensionsalter auf 68 bis 70 Jahre erhöhen müssen - je nachdem, wie sich die Lebenserwartung und die Erwerbsbeteiligung entwickeln. Entscheidend ist, ob wir es den Menschen heute schon sagen oder bis 2025 warten und dann überfallsartig vorgehen. Ich bin für Ehrlichkeit. Das trifft die heutige Jugend, und die hat dann bis zu vier Jahrzehnten Zeit, sich darauf einzustellen.
Brauchen wir Steuererhöhungen?
MARIN: Aus Tempo- und Fairnessgründen sind sie wohl unvermeidlich. An sich könnten wir das gesamte Sparpaket leicht mit Ausgabenkürzungen erreichen, aber das könnte auch sozial unerwünschte Effekte haben. Ich habe kein Problem mit der Besteuerung von Vermögenszuwächsen, Umwidmungsgewinnen, großen Erbschaften. Man sollte aber auf der Ausgabenseite sparen, denn sonst ist es nicht nachhaltig. Was man strukturell verhindern muss, ist, dass wir Pensionsansprüche haben, die chronisch zu einem Drittel nicht gedeckt sind. Man verspricht eine Lebenspensionssumme von 450.000 Euro, gedeckt sind aber nur rund 315.000.
Sie gehen mit unserem Gesundheitssystem scharf ins Gericht. Haben wir das beste oder vor allem das teuerste System?
MARIN: Das teuerste haben die Amerikaner. Wir haben ein sehr gutes, aber auch ein sehr teures Gesundheitssystem. In manche Provinzkrankenhäuser will man am besten nicht eingeliefert werden, weil es lebensgefährlich ist. In anderen hat man Spitzenmedizin der Sonderklasse. In Feldkirch wird man behandelt wie in einer Schweizer Privatklinik. Die Lage ist sehr fragmentiert.
Muss man nicht auch bei der Gesundheit abspecken?
MARIN: Viele Kapazitäten - Akutbetten, Medizinapparate - sind aufs Doppelte ausgelegt, auf 17 bis 20 Millionen Patienten. Ich brauche nicht, karikierend gesagt, an jeder Straßenbahnstation ein Gamma Knife. Zur gleichen Zeit liegen Leute bis zu einer Woche im Spital, weil sie keinen MRT-Termin bekommen, die Magnetresonanztomografen aber um 15 Uhr bis zum nächsten Tag um neun Uhr früh abgedreht werden. Umgekehrt werden Dialysepatienten um zwei Uhr nachts ins Spital gekarrt. Beides, Inhumanität und Warteschlangen, sind Signale von Missmanagement, nicht von Knappheit.
In der Schlussphase hat man den Eindruck, dass man nicht aufs große Ganze schaut, sondern vor allem auf die eigene Klientel.
MARIN: Das wäre ein katastrophales Zeichen, denn das hieße, dass Einzelinteressen ein vernünftiges Gesamtkunstwerk zu Fall bringen können.
Fehlt den Politikern nicht der Mut, den Menschen reinen Wein einzuschenken?
MARIN: Alle Länder, die ehrlich waren, Schweden, Schweiz, Holland, England, Dänemark, Polen, sind damit gut gefahren. Die Regierungen wurden sogar wiedergewählt, weil die Menschen Sicherheit und Vertrauen haben, wenn ihnen die Wahrheit gesagt wird. Unehrlichkeit mögen die Leute nicht und sind daher misstrauisch, wenn sie nur die halbe Wahrheit hören und beschwindelt werden. INTERVIEW: M. JUNGWIRTH

















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