Michael Otto: "Wir sind immer Teil der Lösung"
Michael Otto, Aufsichtsratschef der Otto-Group, über Verantwortung, Expansionspläne und dem Zusammenhang zwischen Gewinnorientierung und nachhaltigem Wirtschaften.

Foto © APAMichael Otto
Die Otto Group ist nach Amazon weltweit größter Versandhändler. Welchen Zukunftstrend möchten Sie setzen?
MICHAEL OTTO: Dass alle Unternehmer nachhaltig wirtschaften, über den Tellerrand ihres Geschäfts schauen und sich für Mensch und Natur verantwortlich fühlen.
Wie verbinden Sie dieses humanistische Grundverständnis mit ihrem profitabhängigen Geschäft?
OTTO: Ich sehe keinen Gegensatz zwischen Gewinnorientierung und nachhaltigem Wirtschaften. Bei Befragungen von Konsumenten zu ethischem Konsum stellen wir stark steigendes Interesse an dem Thema fest. Lieferanten sage ich gerne, dass wir in die Zukunft investieren. Was heute ein Zusatznutzen ist, wird irgendwann der Standard, unter dem man gar nichts mehr verkaufen kann.
Was ist die größte Herausforderung für einen global einkaufenden Versandhändler?
OTTO: Die gesamte Produktionskette nicht nur analysieren, sondern auch überprüfen zu können. Bei einigen Tausend Lieferanten aus 40 Ländern ist das eine Riesenaufgabe. Wir lassen unsere Sozialstandards durch unabhängige Auditoren prüfen.
Ihr Plan, mit Nobelpreisträger Mohammed Yunus ein Unternehmen in Bangladesch aufzubauen, ist vorerst gescheitert.
OTTO: Nicht gescheitert, nur verschoben. Wir haben die Bürokratie unterschätzt. Erst wollten wir ein Stück Land kaufen, aber einen Gasanschluss hätten wir erst in fünf bis acht Jahren bekommen. Dann wollten wir ein Unternehmen kaufen. Dafür brauchte es 14 Genehmigungen und gut ein halbes Jahr Zeit. Wegen der Firmengröße hätten wir als Aktiengesellschaft firmieren und eine allfällige Kapitalerhöhung über die Börse machen müssen. Das wollten wir nicht. Die in Aussicht gestellte Ausnahmegenehmigung wurde uns verwehrt. Jetzt machen wir vielleicht ein kleines Konfektionsunternehmen.
Wenn Sie an solche Grenzen stoßen, was denken Sie sich da?
OTTO: Wir wollten dort einen zweistelligen Millionenbetrag investieren, Jobs schaffen, keinen Gewinn abziehen, alles für die Versorgung und Weiterentwicklung der Mitarbeiter mit freiem Mittagessen, Kindergarten und Gesundheitsversorgung verwenden. Dass Bürokratie das verhindert, ist erschütternd. Wir wollen aber in jedem Fall mit Yunus ein social business aufbauen. Wenn wir es in Bangladesch nicht zügig hinbekommen, überlegen wir, es in Afrika oder Indien zu machen.
Warum wollen Sie das machen?
OTTO: Wir sind immer Teil des Problems wie Teil der Lösung. Jeder kann zur Lösung der globalen Probleme beitragen, man muss nur bei sich selber anfangen.
Wo sehen Sie Otto in 20 Jahren?
OTTO: Sicher werden wir unsere internationale Expansion fortsetzen. Nach den erfolgten Starts in Russland und Brasilien wollen wir jetzt auch deutlich stärker in die Türkei gehen. Langfristig sind neben China und Indien auch Indonesien, Malaysia und Mexiko interessant. Natürlich wollen wir das Online-Business, in dem wir heute schon führend sind, weiter ausbauen und den Servicebereich ausweiten. Wir machen schon jetzt das Inkasso für 50 Banken, wickeln Lagerhaltung, Importtransporte und Auslieferung für große Firmen wie H&M, Ikea oder Amazon ab.
Ihre Tochterunternehmen in Österreich sind sehr erfolgreich. Gibt es Pläne, ihnen mehr Zuständigkeiten für Nachbarländer zu geben?
OTTO: Das könnte mittelfristig passieren. Wir sind in den osteuropäischen Ländern tätig, aber es gibt immer die Überlegung, wer es zum Schluss besser machen kann. Es gibt keine Entscheidungen, aber das steht im Raum.
Kürzlich ist Ihr Vater im Alter von 102 Jahren gestorben. Gibt es ein Otto-Vermächtnis?
OTTO: Er hat permanent nach Verbesserungen gestrebt und den Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Das ist Teil der Firmenkultur. Wir denken langfristig und nehmen auch einmal eine Ergebnisdelle in Kauf. INTERVIEW: CLAUDIA HAASE
Features
Zur Person
Michael Otto, geboren am 12. 4. 1943 in Kulm (Westpreußen).
Karriere: Der Sohn von Versandhaus-Pionier Werner Otto studierte in München und Hamburg Volkswirtschaft. Seit 1971 ist er im Konzern tätig, 1981 wurde er Vorstandschef, seit 2007 ist er Aufsichtsratschef.















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