"Brauchen eine mutige Führung, statt Gegackere"
Die aktuelle Europakrise ist auch beim CEE-Wirtschaftsforum Velden präsent. Die größte Gefahr sei die Führungsschwäche in Europa, mahnt Günter Verheugen.

Foto © KLZ/TraussnigEin emotionaler und scharfzüngiger "Mister Europa": Günter Verheugen
Der deutsche Verleger wünscht sich eine Neuauflage. Das Buch "Europa in der Krise" von Günter Verheugen, ehemaliger Vizepräsident der Europäischen Kommission und "Mister EU-Erweiterung" ist vergriffen. "Ich habe es 2005 geschrieben. Das zeigt, dass die Krise in Europa der Normalzustand ist," sagt der Architekt der Osterweiterung beim CEE-Wirtschaftsforum Velden und setzt mit seinen eindringlichen Mahnungen der Veranstaltung des Forums Velden (Mitveranstalter Wirtschaftskammer Kärnten und UniCredit Bank Austria) die Krone auf.
Die größte Sorge
Dennoch will Verheugen nicht abwiegeln, diesmal ist der intime Europakenner echt besorgt. "Was wir jetzt haben, ist keine rein europäische Krise, sondern eine der gesamten Weltwirtschaft." Das Beunruhigende sei das Fehlen einer visionären Führung. "Wir bräuchten eine mutige, ehrliche und überzeugende politische Lenkung." Stattdessen leide Europa und die Mitgliedsstaaten unter durchwegs schwachen Führungspersönlichkeiten. "Das ist meine größte Sorge und macht die Sache schwierig."
"Die Staatsverschuldung ist Ausdruck mangelnder wirtschaftlicher Leistungfähigkeit." Daher brauche es zur Krisenbekämpfung eine ganzheitliche Strategie, aber vor allem brauche es Rezepte, wie Wachstum organisiert werden könne. Verheugens Rezept: Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Staaten, Stärkung des Binnenmarktes und seiner raschen Erweiterung - Verheugen ist einer der wenigen Verfechter einer Integration der Türkei - und Abbau von reichlich bestehenden Hindernissen. "Erweiterungsgedanken sind im Moment nicht populär", so Verheugen, der den Binnenmarkt als "Erfolgsstory" bezeichnet, ohne den Europa in der Krise verloren wäre. Aber er sei noch bei Weitem nicht ausgeschöpft. Weniger als sieben Prozent der Unternehmer nehmen daran teil, die meisten bleiben lokal. Das mag an den Hindernissen liegen oder an den Nationalstaaten, die ihre eigenen Unternehmer schützen wollen ohne zu bedenken, dass "offener Wettbewerb" das Beste sei, sagt der einstige FDPler, der später zur SPD überwechselte.
Reden ist Schrott
Hart ins Gericht geht Verheugen mit seinen eigenen deutschen Politikern, die mit ihren jüngsten Aussagen zu einer möglichen Pleite Griechenlands die Finanzmärkte verunsichert hätten. "Solche Äußerungen reißen zu Spekulationen hin. Hier gilt: Reden ist Schrott, handeln ist Gold." Das "Gegackere wie am Hühnerhof" gehe ihm auf die Nerven. Er zitierte seinen Lehrmeister, Bundeskanzler Helmut Schmidt, der sagte: "Über Währungspolitik redet man nicht, man macht sie, wenn nötig, brutal."
Auch Österreich wird bei der Podiumsdiskussion mit Verheugen, Walter Koren (Außenwirtschaft der Wirtschaftskammer), Michael Loewy (Industriellenvereinigung), Gillian Edgewood (UniCredit) ermahnt (Moderation: Adolf Winkler, Kleine Zeitung). Österreich sollte sich mit seinen enormen Kontakten und dem Verständnis für die EU-Erweiterung in Europa stärker einbringen. "Mit Schüssel hat Österreich eine zentrale Rolle in Europa gespielt. Da hatte das Wort Österreichs noch Geltung", bedauert Verheugen den Verlust an Einfluss und Kreativität.
















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