"Die Energie muss teurer werden"
Wir verschleudern Energie, sagt der deutsche Physiker Ernst Ulrich von Weizsäcker und fordert steigende Preise, die sich trotzdem jeder leisten kann.

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Seit der Katastrophe in Japan diskutiert ganz Europa über einen Ausstieg aus der Atomkraft. Ist das auf absehbare Zeit energiewirtschaftlich zu machen?
ERNST ULRICH VON WEIZSÄCKER: Die Diskussion ist in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich. Die größte Geschwindigkeit in Richtung Ausstieg ist zurzeit in Deutschland zu bemerken. Das hat natürlich mit Parteipolitik zu tun, weil die gegenwärtige konservative Regierung tief erschrocken war, dass im erzkonservativen Baden-Württemberg plötzlich ein grüner Ministerpräsident gewählt wird. In Frankreich ist die Diskussion völlig anders.
Dort erzeugen auch 58 Atomkraftwerke 80 Prozent des Stroms...
WEIZSÄCKER: ...das ist richtig, da ist ein rascher Umstieg nicht möglich. Aber auch in Frankreich sieht man erstmals Plakate, die den Ausstieg von der Atomkraft fordern. Das hat es dort früher nie gegeben. Am wichtigsten erscheint mir aber ohnehin, dass man Abschied von einem Ausbau der Atomenergie nimmt. Und ich glaube, die Entwicklung bewegt sich jetzt in diese Richtung. Ebenso wie man den Traum von der Fusionsenergie beendet.
Was kann die Lücke auffüllen, die sich bei einem Abschied aus der Atomkraft auftut?
WEIZSÄCKER: Ein Drittel der Miete ist die erneuerbare Energie, zwei Drittel die Energieeffizienz - und nicht umgekehrt.
Ist das realistisch?
WEIZSÄCKER: Ich frage meine Studenten häufig: Wie viele Kilowattstunden würdet ihr brauchen, um ein Zehn-Kilo-Gewicht von der Höhe des Meeresspiegels auf den Gipfel des Mount Everest hochzuheben? Da bekomme ich dann immer Schätzungen zwischen 100 und 1000 Kilowattstunden. Die Antwort der Physik lautet: eine viertel Kilowattstunde. Eine Kilowattstunde ist ein unfassbares Kraftpaket, mit dem wir nichts machen, weil es nichts kostet.
Energie ist zu billig?
WEIZSÄCKER: Eigentlich ja.
Wie viel sollte sie denn kosten?
WEIZSÄCKER: Man soll niemanden quälen. Es bringt nichts, jetzt punktuell irgendeinen Preis zu sagen. Sinnvoll wäre es, die Energie jedes Jahr um das Ausmaß zu verteuern, wie im Vorjahr die Effizienz zugenommen hat. Genau wie bei den Lohntarifverhandlungen. Wenn die Arbeitsproduktivität wächst, können die Löhne wachsen. Bei der Energie gibt es diese Logik bisher nicht. Man tut so, als sei das nur ein vom Markt erzeugter Preis. Wenn wir die Dynamik, die wir zum Wohle aller bei der Arbeitsproduktivität erlebt haben, nun beim knappen Gut der Energie auslösen, dann können wir eine Verzwanzigfachung der Energieproduktivität erreichen. Dann kann sich auch der Preis verzwanzigfachen, das tut dann niemandem weh. Es wäre absolut sozialverträglich.
Die Energiekonzerne werden ihre Energiepreise nicht erhöhen, wenn es ihnen betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll erscheint.
WEIZSÄCKER: Richtig, das muss der Staat machen. Er muss die Energiepreise mit Steuern gestalten. In dem Tempo, in dem Effizienz und erneuerbare Energien dann wachsen, kann man auch aus der Atomkraft raus. Da sollte man nichts übereilen und schon gar keine neuen Kohle- oder Gaskraftwerke als Ersatz bauen. Das wäre ein primitiver Ansatz.
Ein Regierungspolitiker, der öffentlich höhere Energiepreise fordert, ist spätestens bei der nächsten Wahl politisch erledigt.
WEIZSÄCKER: Die Politik muss einen Korridor für die Energiepreise festlegen, in dem sie sich nach oben bewegen. Wenn sie Aluminium aus Bauxit schmelzen, brauchen sie 20 Mal mehr Strom, als wenn sie es aus Schrott schmelzen. Wenn die Energiepreise nach oben zeigen, wird man sich überlegen, welche Methode die bessere ist. Solche Tatsachen muss die Politik dem Volk auf sympathische Weise mitteilen. Wenn man das gut verkauft, kann man politisch Karriere damit machen.
Wirtschaftlich sind höhere Energiepreise aber ein beträchtlicher Standortnachteil.
WEIZSÄCKER: Die Frage ist, können wir Europäer es uns leisten, das trotzdem zu machen, auch wenn es die Amerikaner oder Chinesen nicht tun? Meine Antwort ist ein nachdrückliches Ja. Dafür gibt es ein wunderschönes historisches Beispiel. Japan bekam in den 1970er-Jahren Panik, weil es völlig energieimportabhängig war. Also hat das Land die Energie teurer gemacht. Die Strompreise waren in Japan plötzlich doppelt so hoch wie bei der Konkurrenz. Was ist passiert? Die Aluminiumschmelze aus Bauxit ist aus Japan abgewandert. Aber das dadurch frei gewordene Kapital an Geld und Menschen hat sich auf ganz neue Branchen gestürzt. Es wurde die Digitalkamera erfunden, aus Keramik entstand Hochtechnologie, die heutzutage in allen Elektronikgeräten ist. Das ist heute zehnmal so viel wert wie die gesamte Aluminiumindustrie.
Dennoch brachte Wirtschaftswachstum bislang immer Mehrverbrauch bei der Energie mit sich.
WEIZSÄCKER: Es kommt die Zeit, wo aus ökologischen und vermutlich sozialen Gründen ein Sozialproduktwachstum zu Ende sein muss. Nicht abrupt, sondern schleichend. Auch dafür ist der Energiepreispfad die beste Leitplanke.
Die EU hat sich bis 2020 um 20 Prozent mehr Energieeffizienz vorgenommen, ist aber fernab von diesem Ziel. Warum?
WEIZSÄCKER: Das liegt zum Teil eben am Preis. Außerdem wird zwar viel über erneuerbare Energien nachgedacht, aber nur wenig über Effizienz. Erstens weil es für einflussreiche Branchen einfacher ist, am Energiepotenzieren zu verdienen als an Effizienzmaßnahmen. Und zweitens, weil neue Wind- oder Solaranlagen auch für die Medien interessanter sind als Effizienzmaßnahmen. Die kann man nicht fotografieren.
Österreich will daran arbeiten, in Zukunft keinen Atomstrom mehr zu importieren. Geht das überhaupt, solange es in Europa Atomstrom gibt?
WEIZSÄCKER: Das ist eine sehr berechtigte Frage. Wenn Österreich in der Bilanz so viel produziert wie es verbraucht, dann darf es sich autark nennen. Aber durch die internationalen Stromnetze werden gewisse Prozentsätze von Atomenergie trotzdem unvermeidbar sein. Meine Hoffnung ist, dass Österreich die Technologie der Effizienz stärker betont als die Nachbarstaaten. Das kann für das Land eine große Chance sein.
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Ernst Ulrich von Weizsäcker: Ein Drittel der Miete ist die erneuerbare Energie, zwei Drittel die Effizienz Foto © HOFFMANN
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Ein Drittel der Miete ist die erneuerbare Energie, zwei Drittel die Effizienz Grafik © HOFFMANN
Zur Person
Ernst Ulrich von Weizsäcker, geboren am 25. 6 1939 in Zürich.
Karriere: Studium der Chemie und Physik. Danach u.a. Professor für Biologie in Essen, Direktor des UN-Zentrums für Wissenschaft und Technologie in New York, Direktor des Instituts für Europäische Umweltpolitik.














