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Zuletzt aktualisiert: 23.11.2010 um 23:26 UhrKommentare

"Ich sehe drei Superzyklen kommen"

Wankende Euro-Länder, Währungskrieg, Ressourcen-Kampf. Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung, über ein Drama in fünf Akten.

Foto © AP

In der EU wanken Länder, Euro und Dollar liegen im Währungskrieg mit Chinas Yuan. Kommt die nächste Krise daher?

CHRISTIAN HELMENSTEIN: Es scheint, als befänden wir uns in einem Drama in fünf Akten. Im ersten Akt krachten die Banken, im zweiten traf es die Unternehmen, im dritten die Staaten, da stehen wir noch mittendrin. Mit den Währungen sind wir am Beginn einer vierten Episode.

Was bedeutet die globale Währungsschlacht für die Industrie?

HELMENSTEIN: Im Kalten Krieg hatten wir ein Gleichgewicht des Schreckens. Bei den Währungen haben wir jetzt ein Gleichgewicht der Schwäche. Wir haben es dies- und jenseits des Atlantiks mit enormen Staatsdefiziten zu tun und beide Währungen leiden darunter. Das größte Problem ist die große Schwankungsbreite zwischen Dollar und Euro, weil es die Planbarkeit unserer Exporte unterminiert. Grundsätzlich sind wir in Österreich gut aufgestellt, weil wir durch vernünftige Lohnabschlüsse über Jahre hinweg eine preisliche Wettbewerbsfähigkeit aufgebaut haben. Und wir liefern vor allem Investitionsgüter. Die werden derzeit weltweit nachgefragt.

China hält stärker die Hand auf wertvolle Ressourcen. Auch irritiert die USA zusehends, wie Chinas Seestreitmacht den Hochseetransport von Afrika nach China sichert. Was bedeutet der Kampf um Ressourcen für die Industrie?

HELMENSTEIN: Das ist in der Tat eine sehr junge Entwicklung. Wir kommen wieder in eine Situation wie vor 150 Jahren, hin zu ressourcenorientierten Investitionen. Bei den Seltenen Erden sehe ich ein sehr ernst zu nehmendes Knappheitsphänomen für die kommenden Jahre. Ohne Verfügbarkeit Seltener Erden wird es keine Umwelttechnologien geben. Da müssen wir uns schnellstens den Zugang sichern. Eine Strategie ist, materialeffizienter zu werden, die zweite ist, außer in China in Afrika Ausschau zu halten. Die dritte wäre, bei uns ein High-End-Recycling-Netzwerk aufzubauen. Das könnte für Steiermark und Kärnten interessant sein.

Was wäre denn der fünfte Akt?

HELMENSTEIN: Ein Finale furioso, dass die Marktwirtschaft ihre verdiente Strafe erhält und auf dem Misthaufen der Wirtschaftsgeschichte entsorgt wird - das ist die Version der Weltuntergangspropheten, denen ich nicht zustimme. Ich sehe drei Superzyklen auf uns zukommen: Die Weltwirtschaft wächst weiter enorm. In jedem Monat wächst die Weltbevölkerung um die Bevölkerung von Österreich, in jedem Jahr um die Bevölkerung Deutschlands. Der erste Superzyklus bezieht sich auf die Nahrungsmittelproduktion. Da müssten wir mehr Marken global positionieren. Der zweite Zyklus betrifft die erwähnte Rohstoffverfügbarkeit und Materialeffizienz. Der dritte Zyklus hat mit alternativer Energieerzeugung zu tun und da wird Österreich ein Wort mitreden. Wir sollten Windenergie so energieeffizient machen wie fossile Energieträger, im Alpengebiet allerdings auf Wasserkraft und Pumpspeicherwerke setzen.

China will im nächsten 5-Jahresplan das jährliche Wachstum von zehn auf noch immer enorme 7,5 Prozent drosseln. Muss die Industrie neben den BRIC-Staaten den Fokus nicht auch auf die wachsenden Next-11-Staaten richten wie Malaysia, Vietnam, Mexico?

HELMENSTEIN: Das ist eine enorme Chance. Durch das Wachstum in China und Indien erholten wir uns schneller. Umso besser, wenn der Export auf mehr Beinen steht. Auch Indonesien und Nigeria halte ich für sehr wichtig.

Die wichtigste Inlandsressource für die Industrie sind gut ausgebildete Menschen. Was sagen Sie zu einer Verländerung der Schule?

HELMENSTEIN: Da halten wir uns zurück. Wichtig ist, dass die Qualität stimmt.

INTERVIEW: ADOLF WINKLER

Zur Person

Christian Helmenstein (44), geboren in Köln, studierte an der Uni Köln Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre und promovierte an der Uni Bochum. Er arbeitete von 1992 bis 2004 in verschiedenen Funktionen für das Institut für Höhere Studien.

Seit 2004 ist er Chefökonom der österreichischen Industriellenvereinigung. Spezialgebiete: Finanzwirtschaft, Makroökonomie, Strukturwandel.

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