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Zuletzt aktualisiert: 23.10.2010 um 05:10 UhrKommentare

"Budget ist tickende Zeitbombe"

Ist Kärnten noch zu retten? Volkswirt Gottfried Haber beschäftigt sich in seinem neuen Buch mit dieser Frage und übt heftige Kritik an der Landesregierung.

Berät die Landesregierung in Wirtschaftsfragen: Gottfried Haber

Foto © KLZ/KOSCHER Berät die Landesregierung in Wirtschaftsfragen: Gottfried Haber

Noch heuer wird Ihr Buch mit dem Titel "Kärnten bist du noch zu retten? - Ein Wiederbelebungsversuch" erscheinen. Warum ist diese Frage zu stellen?

GOTTFRIED HABER: Kärnten ist mit negativen Sonderfällen - Stichwort Hypo-Verstaatlichung und gleichzeitige Auszahlung von Geldgeschenken - immer wieder in den Medien. Daher die Frage, wie steht es wirklich?

Also, wie steht es wirklich? Hat Kärnten ein Imageproblem?

HABER: Ja. Abgesehen von jenem nach außen, ist es auch das mangelnde Vertrauen der Kärntner in die Politik. Es fußt darin, dass die Menschen sehr oft für dumm verkauft werden. Das gibt es zwar überall, aber in Kärnten besonders. Es geht der Politik darum, Dinge "schönzuverkaufen". Inhaltliches fehlt.

Sie sitzen aber selbst im Wirtschaftspolitischen Beirat, dessen Referent Josef Martinz (ÖVP) ist - wie passt das zusammen?

HABER: Da gibt es keine Abhängigkeit oder einen Grund nur zu sagen, was die Politik hören will. Die Tätigkeit ist ehrenamtlich und kritisch. Der Beirat ist von der gesamten Landesregierung, die er berät, bestellt. Nur ehrliche Beratung macht Sinn. Wir arbeiten ein Leitbild für Kärnten aus, das noch heuer vorgestellt wird.

Was sind weitere brennende Probleme des Landes Kärnten, die sie im Buch behandeln?

HABER: Die Abwanderung junger, qualifizierter Kärntner ist sehr schlimm. Die Wirtschaftsleistung eines Landes besteht aus verschiedenen Faktoren, einer der wichtigsten ist der menschliche. Kärnten könnte ohne Abwanderung viel stärker im hoch qualifizierten Produktions- und Dienstleistungssektor punkten.

Und das marode Landesbudget?

HABER: Eine tickende Zeitbombe! Es wird systematisch über den Verhältnissen gelebt. Die Politik glaubt, die Kärntner mit Geldgeschenken wie dem Jugendstartgeld kaufen zu müssen. Wenn das Aus aber gut kommuniziert würde, verstehen es die Bürger. Bei Transferleistungen ist zu überlegen, welchen Zweck sie verfolgen - handelt es sich nur um ein Körberlgeld, das ohnehin alle bezahlen, oder schafft man Mehrwerte? Das Jugendgeld würde irgendwann jeder erhalten haben - also bezahlt man sich selbst.

Haben Sie eine konkrete "Budgetvision" für Kärnten?

HABER: Ja. Man könnte sagen, wann immer die Politik etwas beschließt, das einen gewissen Kostenpunkt überschreitet, ist zu veröffentlichen, was die Aktion jeden Kärntner pro Kopf kostet.

Wo kann noch gespart werden?

HABER: Die Hälfte der Gemeinden würde reichen. Nicht jedes Tal braucht sieben. Wenn das nicht möglich ist, muss verstärkt interkommunal zusammengearbeitet werden. Bei der Wirtschaftsförderung sollte man Zuschüsse teilweise rückzahlbar machen: Firmen brauchen vorwiegend Risikokapital - wenn die Förderung im Branchenvergleich später hohe Gewinne bringt, spricht nichts dagegen, Teile der Förderung wieder zurückzuzahlen.

Und im Gesundheitsbereich?

HABER: Da sind Schwerpunktsetzungen nötig. Das heißt, nicht zusperren. Akut-Versorgung ist überall zu halten, dann sollte sich aber jedes Spital spezialisieren. Nicht jeder soll alles anbieten.

Sonst ist alles im Land in Butter?

HABER: Keineswegs. Im Tourismus ruht sich Kärnten immer noch auf dem Image der 60er- und 70er-Jahre aus. Man verlässt sich nur auf natürliche Ressourcen, Infrastruktur für Allwetter- und Ganzjahrestourismus fehlen aber. Die City Arkaden sind etwa eine positive Ausnahme. Auch Betriebe selbst haben oft veralterte Infrastruktur.

Kärnten verliert auch den Frühflug von und nach Wien - wie steht es um die öffentliche Erreichbarkeit des Landes für Unternehmer und Touristen?

HABER: Die Erreichbarkeit ist sehr schlecht, der Wegfall des Frühfluges, ein klassisches Beispiel. Um 10:30 in Klagenfurt zu sein, ist für den Geschäftsmann zu spät. Tagesrandverbindungen für die Wirtschaft fehlen. Auch ist der Flughafen nicht an die Stadt angebunden. Für Unternehmer und Reisende ist es uninteressant - egal ob per Bahn oder Flugzeug - öffentlich nach Kärnten zu reisen, obwohl wir Mitten in Europa liegen.

Werden die Chancen der Alpen-Adria-Region ausreichend genutzt?

HABER: Nein, zwar steht Alpe-Adria schnell wo drauf, Chancen liegen aber brach. Wir müssen uns weiter internationalisieren und die Wirtschaftsräume Oberitaliens, Sloweniens und Kärntens vernetzen.

PHILIP STOTTER

Zur Person

Gottfried Haber (38) ist Volks- und Betriebswirt und lehrt seit 2007 als außerordentlicher Professor an der Universität Klagenfurt

Funktionen. Er ist Mitglied im Aufsichtsrat der Entwicklungsagentur und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Tourismusholding

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