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Zuletzt aktualisiert: 20.08.2010 um 21:53 UhrKommentare

"Wer aufzeigt, ist kein Denunziant"

Eva Geiblinger, Österreich-Chefin der Antikorruptionseinheit Transparency International, über Kronzeugen, Kavaliersdelikte und den legeren Umgang mit Moral und Anstand.

Geiblinger: "Hatte immer das Glück, in sauberen Firmen zu sein"

Foto © KLZ/ WeichselbraunGeiblinger: "Hatte immer das Glück, in sauberen Firmen zu sein"

S ie kämpfen als Vorstandsvorsitzende von Transparency International Österreich gegen Korruption - warum hat sich noch immer nicht die Ansicht durchgesetzt, dass es bei Korruption auch Geschädigte gibt?

EVA GEIBLINGER: Weil es nicht schick ist, gegen den Strom zu schwimmen. Aber man muss beachten, dass wir in Europa eine andere Art der Korruption haben als in Entwicklungsländern. Da kassiert nicht ein armer Zöllner Bakschisch, damit er seinen Buben auf die Schule schicken kann. Die Korruption in Europa läuft anders ab, sie fußt am legeren Umgang mit Moral und Anstand.

In Deutschland müssen Politiker wegen ein paar Flugmeilen zurücktreten, in Österreich kann man sich von einer Lobbyisten-Truppe eine Homepage im Gegenwert eines Einfamilienhauses zahlen lassen - und keinen schert's.

GEIBLINGER: Wir bei Transparency International arbeiten systemisch und kommentieren daher Einzelfälle nicht. Aber das Beispiel Deutschland zeigt, dass Transparency Arbeit leistet, die Früchte trägt. Dort hat man schon Regelungen und Pflöcke eingeschlagen. In Österreich - hier ist das erst im Aufbau - wählen wir den Weg über das Bildungswesen, gehen an Schulen und an die Universitäten und betreiben Aufklärung. Ein erster Erfolg ist etwa die Korruptionsstaatsanwaltschaft.

Die heillos unterbesetzt ist.

GEIBLINGER: Sie ist ein wichtiger Anfang! Und mittlerweile weiß man auch in Österreich: Wenn Korruption rauskommt, dann lande ich vor dem Kadi!

Apropos Justiz: Eine Kronzeugenregelung soll beim Kampf gegen Korruption helfen. Ein adäquater Weg?

GEIBLINGER: Whistleblower, also Hinweisgeber, sind ein Schritt in die richtige Richtung. Das sind Menschen, die der Meinung sind, da läuft etwas schief in ihrem Unternehmen und sie wollen nicht mitmachen. Die darf man nicht als Denunzianten abtun. Wer den Mut zum aufrechten Gang hat, darf nicht zum Bauernopfer werden. Wir müssen auch weg von diesem Bedenkenträgersein - lieber nicht die Karriere opfern und sich dafür ducken und schweigen. Stehen Sie auf und sagen Sie es direkt, das ist eine Frage der Zivilcourage. Man sollte jeden Tag aufs Neue mit einem reinen Gewissen vor den Spiegel treten können.

Was treibt einen Täter eigentlich zur Korruption an?

GEIBLINGER: Eine deutsche Universität hat eine Studie erstellt: 83 Prozent sind Männer, über 30 Jahren, mit stabiler Familiensituation und einem vertrauensvollen Standing in deren Unternehmen.

Treibt die Täter die Fadesse in die Kriminalität?

GEIBLINGER: Nein, aber eine Erklärung könnte der Kick sein: ,Ich mit meinem Wissen und meinem Netzwerk kann das schaffen.' Aber in der Industrie ist für Manager der tägliche Blick auf den Aktienkurs auch ein starkes Motiv. Eines muss man klar sagen: Die Täter sind keine Stümper und Dilettanten, sie sind hochgebildet und verfügen über Insiderwissen. Und gerade das macht die Sache so gefährlich.

Wie kann man effizienter gegen Korruption vorgehen: mit strengen Gesetzen oder Bewusstseinsbildung?

GEIBLINGER: Dieses Gefühl bei den Leuten, dass sie eigentlich nichts Verurteilenswürdiges gemacht haben, muss aufhören. Niemand soll mehr denken, Korruption sei ein Kavaliersdelikt. Außerdem darf man nicht übersehen, dass Korruption dem Image und der Marke eines Unternehmens schweren Schaden zufügen kann.

Kann man den Schaden für die heimische Gesamtwirtschaft, der durch Korruption entsteht, beziffern?

GEIBLINGER: Alleine in Österreich versickern jedes Jahr über 26 Milliarden Euro durch Korruption. Das sind rund zehn Prozent des Bruttosozialprodukts.

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