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Zuletzt aktualisiert: 11.03.2010 um 23:56 UhrKommentare

"Wir wollen weltweit einer der größten Spieler sein"

Magna will am Hoffnungsmarkt der Elektromobilität eine globale Führungsrolle einnehmen. Die Fäden laufen in Graz zusammen, wo Peter Reif die neue E-Sparte lenkt.

Foto © Reuters

W ie lautet Ihr Befund über den Ist-Zustand der Autoindustrie, nach Ihrem Besuch auf dem Genfer Salon?

PETER REIF: Emotional ist eine Besserung zu spüren. Die Situation ist natürlich weiterhin schwierig. Es war auch so etwas wie eine Aufbruchstimmung zu bemerken, eine gewisse Akzeptanz, dass Dinge wie Elektromobilität nicht mehr verhindert werden können.

Ist der Wandel schon spürbar?

REIF: Ja. Auch wenn viele - wir nehmen uns da als Magna nicht aus - erst verstehen müssen, wo es hingeht. Mit der Gründung der eigenen Sparte E-Car-Systems haben wir jetzt bei Magna einmal einen richtigen Schritt gesetzt.

Ist man mit der Gründung nicht schon spät dran?

REIF: Nein, auch wenn es nicht geschadet hätte, wenn wir ein Jahr früher dran gewesen wären. Aber ich würde nicht sagen, dass wir jetzt zu spät sind. Am Standort Graz ist ja schon früher viel im Bereich der E-Mobilität passiert.

In Graz entsteht ja das konzerneigene E-Kompetenzzentrum. Wie sehen Sie die Arbeitsplatzperspektive für Graz?

REIF: Wir haben derzeit 150 Mitarbeiter hier in Graz, insgesamt sind es 300. Tendenz steigend. Im Jänner haben wir begonnen, die ersten Mitarbeiter frisch von außen zu holen. Jetzt beginnen wir wirklich, neue Arbeitsplätze in Graz zu schaffen. Wir schauen uns auch jetzt in Graz und Umgebung nach neuen Leuten um. Bei Magna in Graz ist geballte Kompetenz vorhanden, das haben wir in Detroit nicht, dort bauen wir das gerade erst auf. Ein ganzes Auto kann man nur in Graz bauen, das geht bei Magna sonst nirgendwo.

Die meisten Hersteller machen Elektromobilität zur Kernkompetenz und wollen das selbst in die Hand nehmen - eine Entwicklung, die Ihnen Sorgen bereiten müsste.

REIF: Nein. Die größeren Hersteller haben eine Mannschaft, die groß genug ist und auch das Geld, um sich diese Technologie zu eigen zu machen. Das ist schon richtig. Bei kleineren Herstellern ist das nicht so. Die müssen die Verbrennungskraftmaschinen weiterentwickeln. Und zwar in kleinen und sehr teuren Schritten. Dann haben sie zwei weitere Entwicklungsäste zu bedienen - jenen des Hybrids und dann das Gesamtsystem E-Fahrzeug. Das erfordert Ressourcen und wahnsinnig hohe Investitionen. Das heißt, dass vieles über Zulieferer wie uns laufen wird.

Wird es neue Spieler geben?

REIF: Da bin ich eher skeptisch. Ich habe eine Liste von ungefähr 200 Firmen aus Nordamerika gesehen, die alle ein E-Auto bauen wollen. In zehn Jahren werden maximal noch zwei bis drei existieren. Natürlich gibt es im Moment sehr viele neue Spieler. Aber die haben, glaub ich, sehr schnell ausgespielt. Allein die Batterie, die kostet am meisten.

Hat Magna selbst eine Batterieentwicklung?

REIF: Selbstverständlich. Wir machen alle Arten von Battery-Packs. Wir machen alles bis hinauf zum batterieelektrischen Fahrzeug. Wir kommen mit unseren Batterien jeden Tag um 100 bis 200 Meter weiter - das heißt, es bewegt sich was. Es ist nicht revolutionär, es ist evolutionär, jeden Tag ein bisschen was.

Ist es denkbar, dass Magna selbst ein E-Auto auf den Markt bringt?

REIF: Nein, das schließe ich aus. Es wird kein Magna-Auto geben, ich hoffe aber, dass es viele E-Autos made by Magna geben wird.

Wie sieht das Magna-Geschäftsmodell genau aus?

REIF: Wir wollen sowohl das Engineering als auch die Produktion machen, von der einzelnen Komponente bis hin zum ganzen Fahrzeug. Wir wollen einer der größten Spieler weltweit werden. Unser Ansatz ist grundsätzlich, dass die E-Autos sowieso ganz anders gebaut werden müssen. Die Bauart der konventionellen Fahrzeuge ist ein schlechter Kompromiss für Elektrofahrzeuge. Wir brauchen Fahrzeuge, die von vornherein für E-Mobilität konstruiert sind.

Wo liegen die großen Hürden auf dem Weg zur Massentauglichkeit?

REIF: Ich würde sagen, die Hürde zur Markteinführung ist die Emotion. Es gibt keine technische oder kostenmäßige Blockade.

Auf der Kostenseite gibt's die derzeit schon, sind die Konsumenten bereit mehr zu zahlen?

REIF: Das müssen sie nicht. Es ist eher eine emotionale Frage. Beim Autokauf ist der Preis entscheidend. Wenn ich aber die Gesamtkosten ansehe, das heißt vom Betrieb des Fahrzeugs bis hin zum Wiederverkaufswert, dann mache ich eine viel richtigere Kostenbetrachtung. Wir sind der Meinung, das zeigen auch unsere Rechenmodelle, dass wir bei einem Verkauf von 50.000 Autos pro Jahr, wenn man eben auch die Betriebskosten mitberechnet, Kosten haben, die nicht höher als bei einem normalen Golf sind.

Wann sehen Sie den Start für die Massentauglichkeit?

REIF: Ich glaube, dass wir 2020 weltweit eine Neuproduktion von drei bis fünf Prozent E-Autos haben, das wären drei bis fünf Millionen Stück. Das ist ja nicht wenig. Das hängt natürlich von der wirtschaftlichen Situation ab, dem Rohölpreis, der politischen Seite, der Besteuerung. Die nordamerikanische Welt dürfte 2020 eine sehr hybride sein. Europa wird lokal sehr hohe E-Populationen haben. Der wirkliche Volumentreiber ist aber Asien, vor allem China. Ich persönlich glaube, dass spätestens bis 2050 die halbe weltweite Neuwagenproduktion rein elektrisch sein wird. Mindestens 50 Millionen Fahrzeuge.

INTERVIEW: MANFRED NEUPER, GERHARD NÖHRER

Zur Person

Peter Reif, geboren 1953 in St. Gilgen, verheiratet und zweifacher Familienvater.

Karriere: Maschinenbau-Studium an der TU Wien, ab 1984 u. a. Versuchstechniker der LKW-Sparte bei Steyr-Daimler-Puch, seit 1998 bei Magna Steyr, u. a. Entwicklungsvorstand bei Magna und Magna Powertrain.

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