Wenn Kommerzialräte um ihr Leiberl rennen
Der Wahlkampf in der Wirtschaftskammer kommt in Schwung. Vor allem in Kärnten und Wien muss der ÖVP-Wirtschaftsbund um seine Vorrangstellung zittern.

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Raue Sitten in den smarten Chefbüros: In den gerade schwierigen Zeiten blicken viele Unternehmer weniger in die Zukunft ihrer Firma als in das Innere ihrer Standesvertretung. Wahlkampf in der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) ist angesagt, und zwar mit (fast) allem, was dazu gehört. Omnipräsent ist der dominierende ÖVP-Wirtschaftsbund (WB). Mehr oder weniger geschickt versuchen Christoph Leitl und sein Team mit Themen zu punkten, welche die Unternehmerschaft ansprechen.
Der Sozialdemokratische Wirtschaftsverband (SWV) gibt sich zwar als Sprachrohr der Kleinunternehmer und ist bemüht, den Wirtschaftsbund ins Eck des Großkapitals zu rücken, doch ist die Linie von SWV-Präsident Christoph Matznetter eher ein Kuschelkurs gegenüber dem Wirtschaftsbund.
Hoffnung im RFW
Eine Art Neustart versucht der Ring Freiheitlicher Wirtschaftstreibender (RFW). 2005 war er als Opfer der damaligen Parteispaltung in FPÖ und BZÖ auf die Hälfte seiner einstigen Größe geschrumpft. Jetzt hofft der RFW bundesweit auf den Aufstieg zu einstiger Größe. Doch er wird wieder von parteiinternen Querelen geplagt, und zwar gleich in seinen zwei stärksten Landesgruppen. So ist in Kärnten unklar, ob die gemeinsame Kandidatur von ansonsten spinnefeind gewordenen FPK- und BZÖ-Honoratioren unter dem Dach des RFW (Farbe: Orange!) endlich die lang ersehnte Absolute des Wirtschaftsbundes brechen kann. Angesichts einstiger 38 Prozent will Spitzenkandidat Matthias Krenn wenigstens im x-ten Anlauf doch noch erster nicht-schwarzer WK-Präsident werden.
Alte Geschichten
Geradezu wild geht es in Wien zu, wo Heinz-Christian Strache den RFW schlicht aus der FPÖ verstoßen hat und seine Anhänger mit einer eigenen Liste - "FPÖ pro Mittelstand" - antreten lässt. Alte Geschichten zwischen Strache und der Wiener RFW-Führung sind die Ursache der Spaltung, die auch vom Dritten Nationalratspräsidenten Michael Graf aktiv betrieben wird. So sind Anmeldungen zu Veranstaltungen der RFW-Abtrünnigen direkt an Grafs Büro im Parlamentsgebäude zu richten.
Diese FP-internen Querelen könnten für die Wiener WK-Wahl gravierende Folgen haben. Die schwarze Kammerpräsidentin Brigitte Jank muss um ihre knappe Absolute von 2005 bangen, die sie nur wegen des damals stark geschwächten RFW hatte retten können. Ohne solche Probleme bringt sich die Grüne Wirtschaft durchaus wirksam in Stellung. Ihre Wahlkampfrhetorik entspricht der Parteilinie, wenn etwa Spitzenkandidat Volker Plass dem Wirtschaftsbund "nordkoreanischen Personenkult" bescheinigt.
418.000 Wahlberechtigte
Die solcherart punzierten schwarzen Unternehmer stellen derzeit alle Kammerpräsidenten und scheinen manchmal zu vergessen, welches Werbemittel von der Kammer oder vom Wirtschaftsbund zu bezahlen ist. Das jedenfalls - und vieles andere - behaupten die Widersacher der schwarzen Kammerherren, die 2005 bundesweit auf 70,4 Prozent der Stimmen gekommen waren.
Nicht nur, weil es um 418.000 Wahlberechtigte geht, ist so eine WK-Wahl im Kammerstaat Österreich ein Politikum ersten Ranges. Die Kammerherren sind die offizielle Nebenregierung und tief verankert im System: Sie steuern die Kranken- und Pensionsversicherung, bilden die Vorfeldorganisationen der Parteien, haben ihre Hände im Rundfunk oder bei der Wirtschaftsforschung, prägen die Beraterstäbe der Politik, besetzen Posten und Pfründe in allen möglichen Körperschaften, finanzieren offiziell und inoffiziell das Parteiensystem und halten für zahlreiche Funktionäre mehr oder weniger wichtige Politikerposten bereit.
Features
Berufstitel
Auf dreierlei Art können Unternehmer oder Manager Kommerzialrat werden. So auf Antrag der Wirtschaftskammer wegen besonderer Verdienste. Verleihung durch den Bundespräsidenten. Mindestalter: 50 Jahre.
Laienrichter
Fachmännische Laienrichter bei Gericht werden vom Justizminister ernannt. Damit ist der Titel Kommerzialrat verbunden. Mindestalter 30 Jahre, Dauer der Funktionsperiode: fünf Jahre.
Wirtschaftskurie
Besonders verdiente Fachleute werden vom Bundeskanzler zum Mitglied der Wirtschaftskurie bestellt. Damit können sie den Titel "Kommerzialrat für die Statistik" führen: Mindestalter 50 Jahre.















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