Drei Herzen für Oma
Von Sladoled bis Zastava - die Freuden des kleinen Grenzverkehrs oder Eine Kindheitserinnerung an den Tag, als die Panzer kamen.

Foto © Gernot Eder/Kleine ZeitungDie Mur Ein Fluss der einst Welten trennte
Für meine Oma kam kein anderes Wasser infrage: Es musste ein slowenisches Radenska-Mineralwasser mit den drei Herzen im Logo sein! Und so zückte meine Mutter das graue dicke Büchlein mit der Aufschrift: "Grenzübertrittsschein". Auf dem Weg nach "drüben" die immer gleiche Prozedur, nach der steirischen Grenze wurde das Lachen eingestellt: Es warteten strenge Herren in noch strengeren Uniformen mit einem sehr strengen Unterton: "Dober Dan" (Guten Tag). Belohnung für die überstandene Grenzüberquerung war ein Sladoled (Eis) im staatlichen Kaufhaus - streng, steril, werbefrei; Mleko (Milch) gab es nur in wabernden Plastiktüten.
Ein Fluss, der Welten trennte
Jahrzehnte nach der Abtrennung der Untersteiermark war die Grenze zwar nur ein Fluss, aber in der realen Empfindung lagen Welten dazwischen: Slowenien war zum entfernten "Verwandten" mutiert, auf den man nicht selten gerne herabsah. Während Franz bei uns Opel fuhr, kurvte Franc "drüben" mit dem Zastava; während bei uns Maria Cola trank, gab es in "Jugo" für Marija nur Cockta. Auch der Sprachfluss passte sich jenem der Mur an. Deutsch wurde jenseits beider Grenzen gesprochen, dass ein Südsteirer aber Slowenisch lernte, war undenkbar. Die Mur fließt ja auch nur in eine Richtung.
Doch im Juni 1991 sollte sich vieles nachhaltig verändern: In diesen Sommertagen waren es keine Freuden-Böller, die man so oft über die Grenze gehört hatte, es waren Gewehrsalven und Granaten, der Krieg fand nur wenige Kilometer vor der eigenen Haustür statt. Auf der Straße vor unserem Haus fuhren die Panzer-Kolonnen vorbei, an Schule dachten wir Kinder nicht mehr, unser Wissen hatte sich auch so durch Begriffe wie MiGs, Draken und anderes Kriegsgerät erweitert. Da mögliche Querschläger unseren Radius einschränkten, begnügten wir uns mit dem Zählen der fortwährend fliegenden Draken.
Das lange Warten
Wir warteten, das Bundesheer an der Grenze wartete, alle warteten - auf die Nachrichten am Abend, auf die Zeitung am nächsten Tag. Zu Beginn der Krise, als die Nachrichtenlage diffus war und niemand eine Vorstellung davon hatte, was da noch kommen sollte, griff meine Mutter zum Telefon und fragte bei Bekannten nach, die ihr Haus oberhalb der Spielfelder Grenze hatten, was denn vor sich gehe. Die Antwort war ernüchternd: Es fallen Schüsse. Heute gibt es globale Kriegsberichterstattung in Echtzeit, damals war das Festnetztelefon noch das modernste Kommunikationsmittel. Nicht wenige zogen es somit vor, direkt an die Grenze zu fahren: Krieg schauen, erste Reihe fußfrei.
20 Jahre später ist Slowenien ein Nachbar auf Augenhöhe, der Besuch "drüben" ist reines Vergnügen - bis auf das Radenska-Wasser, das habe ich im Gegensatz zu Oma nämlich nie gemocht.
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