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    Zuletzt aktualisiert: 28.11.2011 um 14:54 UhrKommentare

    "Mehr Bedeutung als eine designte Hülle"

    Re- und Upcycling findet auch in der Mode immer mehr Anhänger. Kann Mode in Zeiten von Billiglabels und Wühltischen wieder an Wert gewinnen oder gar Werte vermitteln? Modedesignerin Alexandra Poetz von ap_moDE.SIGN im Gespräch mit Barbara Jauk.

    Aus der Kollektion WingMakers von ap_moDE.SIGN

    Foto © Alexandra PötzAus der Kollektion WingMakers von ap_moDE.SIGN

    Recycling, Upcycling und Redesigning sind wesentliche Merkmale deiner Arbeit. Seit wann hast du diesen Zugang als Modedesignerin?

    Alexandra Poetz: Ich habe schon in der Schule einen Hang für spezielle Sachen gehabt, habe mir silberne Leggins genäht, natürlich mit dem schwierigsten Stoff, den ich finden konnte. Mit etwa 12 Jahren habe ich angefangen, aus Sachen, die meine Mutter nicht mehr gebraucht hat, etwas anderes zu gestalten, zum Beispiel aus einem Schal einen Rock. In der Modeschule ging das so weiter. Meine Kolleginnen meinten, "gib ja nichts der Alexandra, weil die zerschneidet das sofort und macht etwas anderes draus". Ich habe einfach ein spezielles Interesse daran, aus Dingen etwas anderes zu machen, solange man eben etwas aus ihnen machen kann.

    Und heute?

    Alexandra Poetz: Geht es mir um eine gewisse Einfachheit und Reduktion auf die Essenz, verbunden mit maximaler Effektivität und Flexibilität, um die Möglichkeit für Spiel und Spannung zu lassen. Es gibt zum Beispiel Stoffe, die würde ich mir zwar nicht aussuchen, aber wenn mir jemand genau so einen Stoff in die Hand drückt und sagt "mach was", dann erweckt das bei mir nach wie vor das Interesse, auch daraus etwas Besonderes zu gestalten und das Beste aus dem Material rauszuholen.

    Welche Philosophie steckt generell hinter deiner Mode?

    Alexandra Poetz: Ich möchte mit dem, was ich kreiere, keinen Trend schaffen. Warum sich Leute von einem Trend 'angezogen' fühlen oder eine bestimmte Mode tragen, hat ja vielleicht auch den Hintergrund, dass sie für etwas steht, das man kauft und sich dann anzieht, damit man auch für etwas steht. Das will ich nicht. Meine Sachen unterstreichen und begleiten einen Menschen bzw. seine Persönlichkeit - in etwa wie ein guter Rahmen ein gutes Bild. Egal, ob es sich um Arbeitskleidung oder Casual Wear, ein Abend- oder ein Hochzeitskleid handelt - das oberste Credo ist immer, dass man sich wohlfühlt und dass man man 'selbst' sein kann.

    Wie wichtig ist Nachhaltigkeit für dich in deiner Mode-Kollektion? Was ist wichtiger der Look oder die Nachhaltigkeit?

    Alexandra Poetz: Was wichtiger ist, sollte man nicht bewerten, da es immer eine Frage der Sichtweise und des Blickwinkels und somit subjektiv ist. Ich kann nur sagen, für mich ist es derzeit ein vorrangiges nachhaltiges Ziel mit dem zu arbeiten, was da ist. Ich habe so viele Stoffe, die verarbeitet werden müssen. Irgendwann wird es vielleicht dahin gehen, dass ich nur mehr Bio-Stoffe verwende. Was mir natürlich auch wichtig ist, ist eine bestimmte Ästhetik. Das heißt, ich habe einen gewissen Zugang und eine gewisse Vorstellung und das Endprodukt muss dem entsprechen, sonst bin ich nicht damit zufrieden.

    Wie arbeitest du konkret?

    Alexandra Poetz: Ich entwerfe nicht am Papier, sondern arbeite mit dem Stoff, nehme ihn in die Hand und schau, was er mir sagt, wie er sich anfühlt und spüre mich einfach hinein. So entstehen meine Kreationen.

    Du bist Mitglied von The Good Tribe und earth.re.create, beides Plattformen, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Ein Schlagwort, das dabei immer wieder vorkommt, lautet "Change" (Anm.: Veränderung). Mit welchen Mitteln könnte man deiner Meinung nach einen "Change" erreichen?

    Alexandra Poetz: Ich glaube, Mittel gibt es extrem viele und Ideen vielleicht so viele wie Menschen. Für mich, ist es vor allem wichtig, Bewusstsein zu schaffen. Ich bewege mich in einem Kreis, wo sehr viele bereits ein Bewusstsein entwickelt haben (Anm.: für die Umweltproblematik, soziale Ungerechtigkeiten, etc.), das ist aber lange noch nicht die ganze Welt. Man vergisst einfach oft, dass ein riesengroßer Prozentsatz der Welt überhaupt keine Ahnung bzw. kein Interesse bzw. Bedürfnis hat sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen.

    Was könnte man dagegen tun?

    Alexandra Poetz: Eine Veränderung passiert dann, wenn man immer wieder Menschen erreicht, ihnen die Wichtigkeit klarmacht, dass wir alle aufeinander schauen müssen. Veränderung passiert auch nur dann, wenn man das lebt, was einem wichtig ist und es nicht predigt. Ich finde das für mich immer wieder als große Herausforderung und immer wieder auch schwierig.

    Themenwechsel: Du bietest auch Do-it-Yourself-Workshops an. Hast du keine Angst, dass du dir sozusagen deine eigene Konkurrenz heranzüchtest?

    Alexandra Poetz: Wenn ich zuviel Angst hätte, würde ich zu nichts kommen. Ich glaube, Angst ist kein Motor, der einen weiterbringt. Außerdem dient diese Arbeit der Bewusstmachung, Sensibilisierung, aber auch der Förderung eines nachhaltigen Lebensstils und der ist mir wichtig! Hinzu kommt, wenn ich es nicht mache, dann macht es ein anderer und dann wäre das die Konkurrenz, wenn man das so sehen will. Ich sehe meine Workshop-TeilnehmerInnen sowieso nicht als Konkurrenz. Ich glaube, dass die, die das bei mir machen, sich Designermode entweder nicht leisten wollen oder können bzw. einfach den Wunsch haben, ihre Mode selber zu kreieren.

    Wie kann man sich so einen Workshop vorstellen?

    Alexandra Poetz: Es handelt sich dabei um keinen normalen Nähkurs, sondern um einen Workshop mit einem freien, freudvollen und lustvollen Zugang. Meine Fähigkeit ist es, die Menschen zu begleiten, dass sie ein Gefühl dafür bekommen, "wer bin ich, was ist meine Schönheit?" Jeder Mensch trägt eine Schönheit in sich, die man sichtbar machen kann! Kreativität ist ein Ausdruck von dem, was wir aufnehmen, was durch uns durch geht und dann wieder aus uns heraustritt. Die Frage ist, wie kann ich diesen Fluss in Gang bringen? Es kommen viele, die sagen, ich habe ein Stück gesehen, das würde ich gerne nachnähen. Hier begleite ich dann, um den Wunsch in die eigene Sprache zu übersetzen. Das bringt dann den gewissen Mehrwert.

    Du bietest auch Workshops für Kinder an. Was ist das Besondere daran?

    Alexandra Poetz: Ich arbeite momentan mit der Kunst- und Maltherapeutin Alexandra Engelmayer-Pendl zusammen und ich glaube, diese Mischung aus Kunst, Malen und Mode, bei der wir einen sehr tiefen Zugang mit den Kindern verfolgen, ist das Besondere. Dass es sich bei Mode um eine zweite Haut handelt und was man mit ihr aussagen kann und auch wie sie einen beschützen kann. Es geht mir um ein Bewusstsein, das nicht in Zusammenhang mit einer Marke oder mit irgendeinem Trend steht. Außerdem ist es wichtig, dass Kinder erfahren, wie Kleidung entsteht und auch fertig gemacht wird.

    Wie reagieren die Kinder? Gibt es Rückmeldungen?

    Alexandra Poetz: Die Teile, die sich die Kinder selber nähen, sind so schön, dass sie auch wirklich tragbar sind, auch zu besonderen Anlässen. Die meisten Kinder haben nach dem letzten Workshop ihr Selbstgenähtes eine Woche lang nicht mehr ausgezogen. Sie haben so eine spezielle Freude an dem, was sie selbst und für sich selbst gemacht haben.

    Die TeilnehmerInnen sind zwischen 6 und 15 Jahren. Wie kann so ein Workshop funktionieren?

    Alexandra Poetz: Wir haben unterschiedlich mit ihnen gearbeitet. Die, die noch nie an einer Nähmaschine gearbeitet haben, haben wir auf den Schoß genommen und mit ihnen gemeinsam genäht. Manche haben am Ende des Workshops bereits ganz allein genäht. Wichtig ist, dass sie überall mitgeholfen haben, dass sie die Schritte dabei von A bis Z erlernen. Wichtig dabei ist es auch, den Kindern nichts abzunehmen, sondern sie in diesem Prozess des Schaffens "reifen" zu lassen, auch wenn es manchmal hart ist, da durchzugehen und alles fertig zu machen. Es geht um mehr als nur nähen zu lernen, es ist eine Auseinandersetzung mit sich selbst.

    Selbst stricken und nähen etc. sind wieder in. Wie stufst du diese Entwicklung von einer Nische zum Trend ein? Wo liegt die Motivation dafür?

    Alexandra Poetz: Die Motivation dahinter ist vielleicht, sich selbst auszudrücken und zu präsentieren, das heißt, wenn ich etwas selber mache, kann ich etwas von mir zeigen. Andererseits ist es auch einfach eine Art von Erdung und Entspannung, weil handwerkliches Arbeiten einen raus aus dem Kopf ins Spüren bringt. Wenn man strickt oder näht, ist man im Jetzt. So viele Menschen sind nicht im Jetzt, sondern in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Ein weiterer Punkt ist: Die Menschen beschäftigt, wie Dinge produziert werden. Es gibt mehr und mehr das Bewusstsein, dass man manche Dinge erstens selber machen kann und sie nicht um die halbe Welt einschiffen lassen muss, wo vielleicht auch noch Kinder dran arbeiten müssen, und zweitens geht man anders mit den Dingen um, die man sich selber macht. Solche Sachen rangiert man nicht so schnell aus. Es geht um einen Prozess der Bewusstwerdung, wie man mit Dingen umgeht.

    Was ist das Charakteristische an deinem Modelabel ap_moDE.SIGN?

    Alexandra Poetz: Bei mir ist nichts "nur" Mode. Wenn ich zum Beispiel eine Präsentation mache, dann schaue ich immer, dass ich sie gleichzeitig auch als Kommunikationsplattform nutze. Bei meiner letzten Modenschau habe ich etwa die vier Elemente mit Models repräsentiert, um darauf hinzuweisen, dass jedes Element das andere nährt und ein Element nur ein Element ist, wenn es auch ein Ganzes gibt. Oder eine Aktion vor ein paar Jahren als ich die T-Shirts bei meiner Modepräsentation mit "Free Tibet" besprüht habe. Ich gebe dem Ganzen mehr Bedeutung als nur einer designten Hülle.

    Barbara Jauk

    Foto

    Foto © Martin Schoberer

    Bild vergrößernAlexandra PoetzFoto © Martin Schoberer

    Alexandra Poetz: Kurzprofil

    Alexandra Poetz betreibt seit 1996 das Modelabel ap_moDE.SIGN. Sie war u.a. Mitbegründerin von Pell Mell Graz und im Auftrag der Stadt Graz und der Creative Industries Styria war sie 2010 zuständig für das FASHIONLAB Graz.

    2010 gründete sie als Ko-Gründerin mit Evelina Lundqvist earth.re.create, eine Plattform, die der Bewusstmachung, Sensibilisierung, aber auch der Förderung eines nachhaltigen Lebensstils dient, bei dem es um nachhaltige Mode, Produkte und Design im weitern Sinne geht.

    Seit 2011 ist Poetz auch Teil des Teams von The Good Tribe, einer Plattform, die ihren Hauptfokus auf Nachhaltigkeit in verschiedenen Bereichen setzt.

    Seit längerem leitet sie Do-it-yourself-Workshops für Erwachsene, seit dem Sommer 2011 gemeinsam mit Alexandra Engelmayer-Pendl Do-it-yourself-Workshops für Kinder.

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