"ZIB zu schauen reicht nicht"
Hans Christian Voigt ist Soziologe aus Wien mit besonderem Interesse für Social Media und Soziale Bewegungen: Als Herausgeber eines gleichnamigen Buches antwortete er über peinliche Netz-Auftritte von Politikern, große und kleine Revolutionen und die Macht von Facebook.

Foto © Paul SturmHans Christian Voigt am Mikrofon
Herr Voigt, wie ist es Ihrer Meinung nach um die Protest-Freudigkeit der Österreicher bestellt? Ein Volk, das eine Anleitung wie Ihr Buch braucht, um sich aufzustellen und aufzulehnen?
Voigt: Es gibt in Österreich viele Faktoren, die dazu führen, dass wir tendenziell weniger protestieren und Widerstand leisten. Vor allem: Es geht uns vergleichsweise sehr gut. Auch die Einrichtung der Sozialpartnerschaft ist zweifellos ein Mitgrund dafür, dass die Kultur des Widerstandes hier nicht sonderlich weit verbreitet ist. Es gibt keine großartige Tradition den öffentlichem Raum dafür zu nützen. Alle paar Jahrzehnte passieren aber Dinge - wie z.B. Hainburg.
Glauben Sie, dass die Zeit jetzt perfekt, um über Social Media bzw. diverse soziale Bewegungen im Internet Menschen zu mobilisieren?
Voigt: Ich bin sehr skeptisch, dass eine Person eine andere "aktivieren" kann. Als Soziologe sehe ich das als etwas, das vielmehr mit Stimmungslagen, mit Ungleichheit, mit der wirtschaftlichen Lage zusammenhängt. Ich habe das im Zusammenhang mit der Aktion "Uni brennt" (eine auch über das Internet organisierte Protestaktionen an österreichischen Universitäten, Anmerkung) gesehen: Die Bedingungen in Wien zu studieren waren dermaßen katastrophal, dass es einfach nicht mehr ging. Ein Aufstehen, weil es eben nicht mehr geht - wie z.B. auch bei Bürgerinitiativen. Man redet mit Politikern und fühlt sich doch immer wieder ungerecht behandelt. Das mobilisiert meiner Meinung nach.
Was ist Facebook für Sie - ein Mittel, um digital Zeit tot zu schlagen oder wirklich auch ein Instrument um sich politisch zu organisieren?
Voigt: Es ist für sich genommen kaum ein geeignetes Medium. Allerdings besteht Facebook selbst schon aus mehreren Instrumenten, die man nutzen kann und die auch genutzt werden. Es geht selten darum, dass durch Social Media etwas passiert - es gibt aber Anlässe und Bedürfnisse notwendige Dinge damit zu tun. Man will Information weiterleiten, und dafür gibt es heute sehr viele Werkzeuge, die wir allgemein mit Web 2.0 bezeichnen. Ich kann z.B. irgendwo im Waldviertel sitzen und an "Uni Brennt" teilnehmen. Ich bekomme die Daten, die ich brauche und kann mich selbst einbringen. Heute verwenden z.B. auch Betriebsräte die "Chat"-Funktion von Facebook, um relativ unaffällig und an der Überwachungsstruktur vieler Konzerne vorbei Informationen auszutauschen.
Wozu taugt Facebook dann wirklich?
Voigt: Erstens gibt mir Facebook wahrscheinlich einen anderen Überblick über das Weltgeschehen und die Probleme als dies "Mainstream-Medien" tun würden. Durch Kontakte können Dinge auch zu mir gelangen. Facebook ist einer sehr relevanter "Ausschnitt der Welt" - indirekt kann ich so auch zu Protest ermuntert werden. Zweitens ist Facebook ein sehr mächtiger "Distributions-Apparat": Inhalte werden verteilt. Betriebsräte und ihre Blogs werden z.B. von Mitarbeitern oft auf Facebook besucht - alle treffen sich in Netzwerken. Diese Netzwerke können auch bestimmen, welchen Ausschnitt man mitbekommen soll.
Wie wichtig war das Social Web bei den Revolten in der Arabischen Welt wirklich? Wäre es auch ohne diese Instrumente zum Sturz von Diktatoren gekommen?
Voigt: Ja und nein. Ab einem gewissen Grad von Protest waren die Menschen ja schon auf der Straße. In den Jahren davor allerdings war die Empörung anderer mit Hilfe von Social Media wahrgenommen worden und das verstärkte wiederum die eigene Wut. Wenn der "Politiker XYZ" lügt, wenn er nur den Mund aufmacht, werde ich für mich darüber wütend sein. Wenn ich mich allerdings mit anderen darüber austauschen kann - eben über Social Media - dann kann mich das bestärken und sicherer machen. In Ägypten bekam man z.B. mit, was in Tunesien passiert. Netzwerke, die schon über Jahre entstanden waren, erwiesen im nachhinein als wichtig.
Gibt es eine Zielgruppe für Ihr Buch?
Voigt: Das Buch ist ein Setzkasten - eine Sammlung aus sehr unterschiedlichen Bereichen. Es will ohne viel Theorie spürbar machen, dass es oft ähnliche Hintergründe und Handlungsweisen gibt. Die Bandbreite für Protest ist groß und das Buch will Anleitungen dazu geben. Von geübten Kampagnen-Managern, die aber vielleicht "technikfeindlich" sind bis hin zu Internet-Affinen, die aber noch keine Ahnung von Organisation hatten, spricht das Buch alle an. Mut machen, sich zu engagieren, darum geht es - nicht Protest des Protests willen. Die "Zeit im Bild" und die "Sommergespräche" anzuschauen genügt jedenfalls nicht.
Was sagen Sie zu den offiziellen Social-Media-Auftritten der Regierungspolitiker? Vieles wirkt ja halbherzig, langweilig und nicht zuletzt unausgegoren.
Voigt: Ich würde das ganz grundsätzlich bejahen. Die Politiker strahlen auf diversen Ebenen mangelnde Kompetenz aus. Die Unfähigkeit, das Volk zu verstehen ist eine ganz universelle. Dieses Problem zieht sich dann auch auf der Ebene von Social Media weiter.
Die Unfähigkeit wirklich mit dem Wähler zu kommunizieren setzt sich also hier fort?
Voigt: Das Problem wird hier verstärkt wahrgenommen, weil die Struktur dieses Mediums den Dialog ja eigentlich noch mehr verlangen würde. Was hier abgeht, würde ich aber auch nicht überbewerten, denn es ist ja ein Schauspiel für eine relativ kleine Community. Journalisten freuen sich darüber lachen zu können, haben damit ein Thema. Von Relevanz sind aber z.B. Obama-Kampagnen, nicht unbedingt das, was das "Team Faymann" macht.
Was sagen Sie zum "Schattenkanzler Failmann" - eine Verhöhnung des echten Bundeskanzlers?
Voigt: Facebook ist als politische Plattform relativ unbedeutsam. Ein nettes Spiel, vielleicht ein Training für ein paar Leute. Das Team Faymann könnte ja aufgrund seiner Erfahrungen vielleicht beim übernächsten Versuch einen Social-Media-Aufritt hinlegen, der dann nicht mehr peinlich ist. Es geht auch nicht darum, was hier wirklich passiert, es muss aber ein wenig Kompetenz "rüberkommen". Es ist im Grunde völlig egal, ob der Bundeskanzler und sein Team in Nutzung von Twitter wirklich gut sind.
Ist es schwierig Protest-Bewegungen in Schwung zu bringen, ohne dass vorher nicht schon Netzwerke vorhanden waren? Kann man ohne sie "abheben"?
Voigt: Es gibt zwei Pole: Jene Bewegungen, die erst zu etwas heranreifen, weil wenige Personen an einem Thema arbeiten. Das ist der langsame Aufbau, hier kann man nicht von akutem "Abheben" reden. Umgekehrt gibt es solche soziale Bewegungen, die schneller funktionieren, weil vorher schon Netzwerke vorhanden waren. Damit meine ich aber nicht politische Parteien, denn die versagen oft - auch hier.
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Steckbrief
Hans Christian Voigt ist Soziologe und Mitherausgeber von "Soziale Bewegungen und Social Media: Handbuch für den Einsatz von Web 2.0". 2006 setzte er sein erstes Wiki und sein erstes Blog auf und begann sich praktisch mit "Gegen-Öffentlichkeiten", mit Wissens-Management in Netzwerken und Organisations-Entwicklung von politischen Initiativen intensiv zu beschäftigen.









