"Haider-Ausstellung ist unverständliches Signal"
In der Reihe Sommergespräche spricht Siemens-Chef Peter Löscher über sein Verhältnis zu seinem Heimatland Kärnten und seine Sicht der Verehrung des verstorbenen Landeshauptmannes Jörg Haider.

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In Kärnten wird eine Jörg Haider-Ausstellung vorbereitet, haben Sie davon in Deutschland gehört?
PETER LÖSCHER: Ich hab das gelesen, sonst kenne ich das Projekt nicht. Die visionäre Zukunftsausrichtung Kärntens ist aber viel wichtiger als Huldigungen der Vergangenheit. Da ist ein solches Projekt ein mir unverständliches Signal. Und mit dieser Sicht bin ich sicher nicht alleine.
Haben Sie eine Erklärung für diesen Personenkult?
LÖSCHER: Nein, das kann ich nicht nachvollziehen.
Welche Zukunftsvisionen bräuchte denn ihre Heimat?
LÖSCHER: Ich bin stolzer Kärntner. Wir haben hier den Mittagskogel vor uns und sitzen in einem der schönsten Landstriche der Welt. In unserem Dreieck der Kulturen muss man Kärnten zukunftsgerichtet neu positionieren. Der Plan für eine Senza-Confini-Olympiade war zum Beispiel ein fantastisches Projekt.
Warum passiert trotz dieser geografischen Lage eine Horizontverengung?
LÖSCHER: Ich kenne viele Kärntner, da bemerke ich keine Horizontverengung.
Allerdings in der Politik?
LÖSCHER: Die Politik müsste das Land nach vorne bringen. Ortstafelkriege tun das sicher nicht. Das sind Themen von gestern. Heute geht es um kulturelle Öffnung und Einbindung. Ich bin zum Beispiel immer wieder erstaunt, wie wenige Kärntner unsere drei Sprachen sprechen. Die Sprachen der Nachbarn zu sprechen, öffnet neue Dimensionen und darin liegt eine große Chance gerade für die Jugend. Wo sonst gibt es schon die Chance, den Dreiklang von drei Kulturen zur Geltung bringen zu können. Aber dafür muss gerade auch die Politik Signale der Öffnung und der Einbindung setzen und das Miteinander der Kulturen fördern. Das ist der Makrokosmos. Dazu kommt hier am Wörthersee auch die Sicht auf unseren Mikrokosmos. Wie leicht könnte man hier ein internationales Leistungszentrum für Wassersport etablieren! Die Nachtwasserschishow am Wörthersee war einst ein Top-Event. Hier liegt ein großes Potenzial, auf das sich die Region wieder besinnen könnte.
In Kärnten ist nicht nur der Fokus der Politik, sondern auch der finanzielle Handlungsspielraum eingeengt. Wie kann man bei Rekordverschuldung Zukunft gestalten?
LÖSCHER: Man muss sich auf wichtige Projekte konzentrieren. Kärnten hatte immer gute Unternehmer und die Klein- und Mittelbetriebe als tragende Säule. Kärnten hatte nie Großunternehmen - vom Sonderfall Infineon abgesehen. Aber den kann man nicht replizieren. Die Clusterbildung bei Elektronik und Holz ist gut, das würde ich weiter pflegen und stärken. Klagenfurt braucht eine technische Universität, die auf Zukunftstechnologien ausgerichtet ist. Ich würde außerdem den Netzwerk-Charakter in den Vordergrund rücken, auch im Zusammenspiel mit den Nachbarn und in europäischer Dimension. Und zu den Prioritäten gehört wohl auch, dass Technologieorientierung ggf. wichtiger ist als die hundertste Ortsumfahrung.
Werden Sie auf internationalem Parkett noch oft auf Jörg Haider und seine Politik angesprochen?
LÖSCHER: Immer weniger. Das Interesse der Menschen an der Zukunft ist viel größer. Aber wenn das Ausstellungsprojekt kommen sollte, dann würde das sicher Verwunderung auslösen.
Wenn Sie den Blick auf Österreich richten - mit welchem Gefühl verfolgen Sie dann akute Themen wie Justiz-Schonung für Politiker, Spitzel-Affären und Untersuchungsausschüsse, oder Steuergeld-Spekulation?
LÖSCHER: Für die Details bin ich zu weit weg, aber ich beobachte, wie Österreich in der weltweit schwierigen Wirtschaftssituation betroffen ist - auch weil sich viele Unternehmen in Richtung Osten engagiert haben. Wir sind mitten in einigen schwierigen Jahren für unsere Nachbarn, aber Österreich sollte unbedingt an der Strategie festhalten und wir sollten unser kulturelles Verständnis im vereinten Europa weiter konsequent nutzen. Bei Siemens haben wir daher unter meiner Führung die Osteuropa-Zuständigkeit von Siemens Österreich vehement ausgebaut. Brigitte Ederer verantwortet heute 53.000 Menschen und 14 Milliarden Euro Umsatz in 20 Ländern, von Israel und der Türkei bis zu osteuropäischen Ländern. Österreich hat ein ausgeprägtes kulturelles Verständnis für die Geschäfte in diesen Märkten und das ist eine große und überall im Ausland anerkannte Stärke unseres Landes.
Die Kälte der Krise spüren aber auch 900 Mitarbeiter bei Siemens Österreich, die gerade ihre Arbeitsplätze verlieren.
LÖSCHER: Tatsache ist, dass wir rund 600 Mitarbeiter im Bereich der Softwareentwicklung abbauen müssen, weil uns nach dem weitgehenden Wegfall des Telefongeschäftes die internen Aufträge für diese in der Vergangenheit erfolgreiche Struktur fehlen. 200 Mitarbeiter werden in Linz bei der VAI abgebaut, da das internationale Stahlgeschäft stark von der Wirtschaftskrise betroffen ist.
Bei den Großbanken, die Milliarden vom Staat erhielten und das Geld zum Teil nicht einmal retournieren, merkt man aber von einer Redimensionierung nichts. Im Gegenteil, viele weisen schon wieder Buchgewinne aus, als wären ihre gigantischen Verluste gar nicht passiert.
LÖSCHER: Einen Rückfall in die Fehlentwicklungen und das Fehlverhalten, die zu der globalen Finanzkrise geführt haben, darf es auf keinen Fall geben. Wenn es eine eindeutige Lehre aus der Krise gibt, dann die, dass echte Nachhaltigkeit im Verhalten und Handeln erforderlich ist. Und das verlangt Verantwortungsbewusstsein bei jedem, der an führender Position tätig ist - ganz egal ob im Banken- und Finanzwesen, in der Industrie oder in der Politik.
In Österreich regiert recht und schlecht eine große Koalition. Was können Sie einer solchen Regierungsform abgewinnen?
LÖSCHER: Große Mehrheiten sind für das Bewältigen von notwendigen Strukturveränderungen meist ein Vorteil. Aber dazu gehört der Wille, diese Veränderungen konsequent und konstruktiv voranzutreiben. Vergleicht man die politische Situation von heute - auch zwischen Ländern wie Österreich und Deutschland - mit den zurückliegenden Jahrzehnten, so zeigt sich, dass es die stabile Generationenverbundenheit mit bestimmten Parteien nicht mehr in gleicher Form wie früher gibt. Die Parteienlandschaft ist nicht mehr so konturenscharf. Neue Gruppierungen machen das Bild unübersichtlicher, in Deutschland derzeit eher links, in Österreich eher rechts von der Mitte.
Mit welchem Gefühl beobachten Sie die Wahlkämpfe von FPÖ-Chef Strache, die in Slogans wie "Daham statt Islam!" gipfeln?
LÖSCHER: Ich hoffe und bin überzeugt, dass die Mehrzahl der Österreicher nicht Fliegenfängern auf den Leim geht. Die Chance von Österreich ist Europa und Europa basiert auf dem Gedanken der Offenheit, Vielfalt und Integrationsbereitschaft.
Die Politik-Verdrossenheit spielt aber gerade der Radikalisierung in die Hand.
LÖSCHER: Ja, aber trotzdem genießen, jedenfalls in Deutschland - wo ich ja nun lebe und die Dinge unmittelbarer erlebe, gerade Politiker wie Bundeskanzlerin Angela Merkel hohes persönliches Ansehen, die für Kompetenz und Besonnenheit stehen und klug durch schwierige Zeiten führen.
Hielten Sie Werner Faymann mit Angela Merkel vergleichbar?
LÖSCHER: Ich lebe in Deutschland und maße mir keine Vergleiche an.
Wo es auch EU-Verdrossenheit und die Herausforderung beim Thema Integration gibt.
LÖSCHER: Europa muss präsenter werden und bürgernäher. Für viele Menschen ist das, was in Brüssel passiert, einfach fern. Da müssen auch die Europaparlamentarier selbst eine größere Bürgernähe schaffen. Aber auch die Medien müssen Europa mehr Aufmerksamkeit widmen. Region, Nation, Europa, dieser Dreiklang muss erfahrbarer werden. Denn das ist die Wirklichkeit, in der jeder von uns lebt, selbst wenn es nicht allen bewusst ist. Ich zum Beispiel bin Kärntner, der seine Heimat liebt, ich bin Österreicher, aber ich bin zu allererst ein Europäer, der ganz genau weiß: In der Welt erfolgreich behaupten können wir uns nur auf dem Fundament eines starken, vereinten Europas!





