Keine Champagnerlaune in Moskau
Wenn Michail Gorbatschow und Kremlchef Dmitri Medwedew am Montag an den deutschen Jubiläumsfeiern teilnehmen, dann wohl eher als gute Verlierer des Kalten Krieges denn als glückliche Gäste.

Foto © APMichail Gorbatschow
In Russland macht sich zum 20. Jahrestag des Berliner Mauerfalls trotz Moskaus damaliger Hilfe eher Bitterkeit als Champagnerlaune breit. Viele Russen fühlen sich bis heute vom Westen betrogen. Vor allem aber bedeutete das Ende der Spaltung Deutschlands für die Sowjetunion den Beginn der eigenen Teilung und den Verlust ihres Status' als Weltmacht.
Auch Gorbatschow, der für seine Verdienste um das Ende des Kalten Krieges den Friedensnobelpreis erhielt, beklagt Russlands Außenseiterrolle in Europa. Noch immer würden viele EU-Politiker "oberlehrerhaft" Russland wie einen "Schüler" behandeln. So schürten Länder wie Polen Misstrauen und Klischees von damals und unterstellten Moskau neue "aggressive Großmachtabsichten". Gorbatschow fordert, endlich die Mauern in den Köpfen einzureißen. "Wir sind für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit", betonte er in einem Beitrag für die Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta".
Die Schuld des Michail Gorbatschow
Im eigenen Land aber sieht sich der russische Vater der Deutschen Einheit bis heute dem Vorwurf ausgesetzt, das Ende der Sowjetunion verschuldet zu haben. Russische Militärs lasten Gorbatschow an, er habe "gute Positionen verspielt" und "ernsthafte politische Fehler begangen". So kritisiert etwa der Generaloberst Leonid Iwaschow, dass damals kein Verbot einer NATO-Osterweiterung festgeschrieben worden sei. Gorbatschow habe sich dies nur mündlich zusichern lassen, sagt Iwaschow, der heute im russischen Generalstab arbeitet und zu Sowjetzeiten die Geschäfte im Verteidigungsministerium führte.
Über die Folgen des Mauerfalls wurde dieser Tage bei einigen Foren in Moskau heftig gestritten. Der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maiziere stellte dabei aber klar, dass ein Verbot eines NATO-Beitritts der ehemaligen Staaten des Warschauer Pakts die Selbstbestimmung dieser Länder unzulässig beschnitten hätte. "Das war nicht drin", sagte er in Moskau. Russland sieht dagegen sich selbst durch das Streben etwa der Ex-Sowjetrepubliken Ukraine und Georgien in die NATO in seiner Sicherheit bedroht.
Alles verloren
Auch Präsident Medwedew bedauerte Versäumnisse. Es sei nicht gelungen, "Russlands Platz in Europa neu zu definieren", sagte er im Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Russland habe auf Integration gehofft. "Aber was haben wir bekommen? Nichts von dem, was uns zugesichert worden ist: dass die NATO nicht endlos nach Osten erweitert wird und unsere Interessen stets berücksichtigt werden." Die NATO richte weiter Raketen auf russisches Territorium. Moskau aber schwebe eine neue gesamteuropäische Sicherheitsordnung vor.
Doch nicht nur Moskaus Machthaber sehen ihre Hoffnungen nach dem Mauerfall enttäuscht. Vor allem die liberalen Kräfte in Russland sehnen die Zeit des Aufbruchs von damals zurück, Gorbatschows Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau). Russland hinke der Entwicklung auch 20 Jahre nach dem Mauerfall hinterher, kritisierte der frühere Parlamentsabgeordnete Wladimir Ryschkow. "Russland, das damals so viel für diese Veränderungen getan hat, endete als größter Verlierer der Ära nach dem Kalten Krieg." Das Land habe versagt dabei, seine Wirtschaft und sein Sozialwesen zu modernisieren. Statt einer Demokratie gebe es ein "autoritäres Regime".
Die russische Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa (82) lobte die Deutschen zum Mauerfall-Jubiläum dafür, dass sie innerhalb relativ kurzer Zeit zwei Diktaturen beseitigt hätten: den Nationalsozialismus und den Kommunismus in der DDR. In Russland sei die Sowjetdiktatur in den Köpfen der meisten Menschen jedoch bis heute nicht besiegt.












