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Zuletzt aktualisiert: 06.11.2009 um 22:33 UhrKommentare

Wir bleiben dann mal weg

Manchen Regionen Ostdeutschlands droht eine Entvölkerung, die einzigartig in Europa ist. Mehr als 1,5 Millionen Menschen haben seit dem Fall der Mauer die neuen Bundesländer verlassen.

Mauerweg - letzte Erinnerung daran, dass hier einst die Mauer zwischen Ost und West verlief

Foto © APMauerweg - letzte Erinnerung daran, dass hier einst die Mauer zwischen Ost und West verlief

Karin Berndt schaut vorsichtig hinter dem hölzernen Gartentor hervor. Fremde, die auf ihren Hof fahren, das gibt es nicht oft. Das Örtchen Basdorf mit seinen 30 Einwohnern liegt im Ruppiner Land im ostdeutschen Bundesland Brandenburg. Es zu finden, ist gar nicht leicht. Ein Wegweiser zeigt auf eine alte, gepflasterte Straße, die durch einen Wald führt. Davor ein Schild: Sackgasse. In Basdorf, könnte man denken, hört die Welt auf. Frau Berndt wohnt seit ein paar Jahren hier. Sie ist mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter hergezogen. Der Mann stammt aus dem Ort. Das Mädchen ist das einzige Schulkind im Dorf.

"Ja, ruhig haben wir es hier", sagt Karin Berndt und macht eine ausladende Bewegung. Ein paar Häuser reihen sich die Straße entlang. Das Problem der Entvölkerung, das mit wenigen Ausnahme ganz Ostdeutschland droht, zeigt sich hier deutlich. "Für die Kleine ist es blöd", sagt die dunkelhaarige Frau und seufzt. "Sie hätte halt gerne ein paar Nachbarskinder zum Spielen." In Basdorf wurde seit 16 Jahren kein Kind geboren. Wahrscheinlich noch länger, aber die Statistik wird erst seit 1992 geführt.

Die Jungen hält hier kaum etwas. Arbeit gibt es in der Umgebung nicht. In Basdorf gibt es auch kein Gasthaus, keine Bank und kein Geschäft. Der nächste Arzt ist in der Kreisstadt Rheinsberg, 18 Kilometer entfernt, zu deren Gemeindegebiet Basdorf seit der Wende gehört. Allerdings braucht man dazu ein Auto. Es gibt nur den Bus, der ein paar hundert Meter entfernt an der Hauptstraße 20 Kilometer zur Schule fährt. Mit einem Kind. Zweimal pro Woche kommen ein Bäcker- und ein Fleischerwagen vorbei. Es ist ein Dorf der Alten. Die Kinder sind groß geworden und weggegangen, vor allem nach Westdeutschland, wo es Arbeit gibt, wo sie ihre Familien gründen.

Einzigartig in Europa

Brandenburg und anderen Regionen Ostdeutschlands droht eine Entvölkerung, die einzigartig ist in Europa. Das Thema hat zu einer breiten öffentlichen Diskussion geführt, mit polarisierenden Ansätzen: Eine vom Land Brandenburg in Auftrag gegebene Studie rät, den Menschen in entlegenen Gebieten eine Prämie zu zahlen, damit sie in größere Orte ziehen und die Infrastruktur nicht aufrecht erhalten werden muss.

Erich Berndt, Karin Berndts Schwiegervater, hält davon wenig. "Wir wohnen seit 33 Jahren hier, wir gehen sicher nicht mehr weg." Berndt war vor der Wende der Bürgermeister von Basdorf. Jetzt ist er ein betagter Mann, der mit seiner Frau in einem 102 Jahre alten Haus lebt. Ein Sohn lebt hier, die anderen Kinder kommen nur noch auf Besuch vorbei.

Mehr als 1,5 Millionen Menschen haben seit dem Fall der Mauer die neuen deutschen Bundesländer verlassen. Eine Million von ihnen waren Frauen, besonders die jungen, gebildeten, wie die Studie "Not am Mann" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zeigt. Zugespitzt formuliert: Gut ausgebildete Frauen gehen weg, Männer mit schlechter Ausbildung und ohne Arbeit bleiben.

Auch in der Kreisstadt Rheinsberg ist das Problem sichtbar. Zu DDR-Zeiten gab es hier ein Kernkraftwerk, das wurde nach der Wende geschlossen. 700 Arbeitsplätze gingen verloren, dazu 100 Lehrlingsstellen jährlich. In der DDR hatte man viele Produktionsstätten in strategisch ungünstiger Lage geschaffen und die Menschen gleich mit dorthin versiedelt. Nach der Wende rentierten sich viele Werke nicht mehr.

"Natürlich haben wir überdurchschnittlich viele gut ausgebildete, intelligente Leute verloren", sagt Bürgermeister Manfred Richter (SPD). Er sitzt an einem schweren Holztisch in seinem Büro im Rathaus. Er seufzt: "Die meisten kommen nicht wieder." Und ja, man müsse sich wohl daran gewöhnen, dass viele Orte nach der Wende wieder auf ihre "natürliche" Größe zurückscdhrumpfen.

Suche nach Sicherheit

Neue Investoren kommen kaum nach Rheinsberg, das zu weit abseits liegt. Man war mit Robert Rogner in Gespräch, hier sollte eine vom Wiener Künstler Ernst Fuchs gestaltete Therme entstehen. Das 67 Meter tiefe Loch war schon gegraben, doch dann scheiterte es an der Finanzierung. Das Land Brandenburg wollte nach zahlreichen Fehlinvestitionen kein Risiko eingehen. Die Stadt, mit ihren Seen und dem Kulturangebot, setzt weiter auf den Tourismus. Der funktioniert relativ gut. Dennoch hält die Menschen wenig, wenn sie eines nicht haben: Sicherheit. "Solange sie keine feste Arbeitsstelle haben, werden sie hier keine Familie gründen", sagt Richter.

Will ein Schüler das Abitur machen, muss er 30 bis 40 Kilometer Fahrt zur nächsten Oberschule in Kauf nehmen. Und auch die Grundschulklassen schrumpfen jährlich. Aus entlegenen Orten wie Basdorf sind die Kinder mehr als eine Stunde unterwegs. Viele Eltern sind auch deshalb weggezogen. 24 Menschen wohnen hier pro Quadratkilometer. "Laut Uno gilt das schon als entvölkertes Gebiet", sagt der Bürgermeister, "und es gibt Gegenden, in denen es noch weit weniger sind." Das Problem sei den Menschen in Ostdeutschland schon bewusst. "Wir gehen aber noch nicht richtig damit um", sagt Richter.

"Noch mal gut gegangen"

In Rheinsberg versucht man, sich selbst zu helfen. Etwa, wieder eine Gemeindeschwester einzusetzen, wie es in der DDR üblich war, die in die Dörfer fährt und sich um die Kranken kümmert. Denn in den nächsten Jahren werden allein in Brandenburg 700 Landarztstellen unbesetzt bleiben. Die alten Ärzte werden immer weniger.

In Basdorf, dem idyllischen Örtchen an der Sackgasse, hat sich das längst bemerkbar gemacht. "Als ich den Schlaganfall hatte, mussten wir lange auf den Notdienst warten", sagt Erich Berndt, der am Wohnzimmertisch seines 1905 erbauten Hauses sitzt. Aber - er nickt ein wenig trotzig - "es ist ja zum Glück noch mal gut gegangen."

SONJA HASEWEND, RHEINSBERG

Frauenschwund

In manchen Regionen Ostdeutschlands beträgt der Männerüberschuss 25 Prozent.

100.000 Kinder sind dem Osten einer Studie zufolge zwischen 1990 und 1990 in Ostdeutschland verloren gegangen, weil ihre Mütter sie im Westen bekommen haben.

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