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Zuletzt aktualisiert: 09.10.2009 um 10:57 UhrKommentare

Großdemo am 9. Oktober 1989 war DDR-Wendepunkt

Laut dem Autor Martin Jankowski ist der 9. Oktober 1989 wichtiger für Ende der DDR als der 9. November. Die Großdemonstration in Leipzig war der entscheidende Wendepunkt für die Öffnung.

70.000 Menschen gingen nach dem montäglichen Friedensgebet in der Nikolaikirche auf die Straße

Foto © AP70.000 Menschen gingen nach dem montäglichen Friedensgebet in der Nikolaikirche auf die Straße

Die Entscheidung über das Ende der DDR fiel nicht mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989, sondern ein Monat davor, am 9. Oktober, als Zehntausende demonstrierend durch Leipzig zogen. Das behauptet Martin Jankowski in seinem Buch "Der Tag, der Deutschland veränderte". Er war als Liedermacher einer der Akteure jener Tage in der Leipziger Nikolaikirche gewesen.

"Waren politische Aktionen und erst recht öffentliche Meinungskundgebungen vor dem Leipziger 9. Oktober stets von der Polizei oder der Staatssicherheit bedroht, lief man bis dahin auf kritischen Veranstaltungen stets Gefahr bedrängt, eingekesselt, geschlagen, verhaftet und verhört zu werden, so herrschte nach dem Leipziger Oktobermontag eine andere Stimmung im Land", schreibt Jankowski. "Über Nacht war es möglich geworden, frei zu gehen, zu atmen, zu reden."

Lebensgefahr für die Bürger

In seinem Buch beschreibt der Autor die Geschichte der allmontäglichen Friedensgebete, aus denen heraus sich die Demonstrationen im Herbst 1989 entwickelt hatten. In genauer Faktenwiedergabe vermittelt er die Gefahr, die sich über jenem 9. Oktober zusammen gebraut hatte. Die Staatsgewalt hatte für diesen Tag die Auflösung jeder sich bildenden Protestaktion zum Ziel, wenn nötig auch mit Waffengewalt. Volkspolizei, Nationale Volksarmee und Betriebskampfgruppen waren um Leipzig zusammengezogen worden. Spitäler waren auf die Einlieferung zahlreicher Verletzter vorbereitet worden.

Den Bürgern der DDR seien diese Vorbereitungen und die Lebensgefahr der Teilnahme bekannt gewesen. Dennoch habe sich nach dem Friedensgebet ein Zug von 70.000 Menschen in Bewegung gesetzt. Die DDR-Führung hatte mit höchstens der Hälfte an Teilnehmern gerechnet. Allein die Zahl der Teilnehmer habe ein bewaffnetes Einschreiten der Staatsmacht unmöglich gemacht, schreibt Jankowski.

"Nicht Einzelpersonen sind verantwortlich für den glücklichen Ausgang des 9. Oktober 1989. Auch Nikolaipfarrer Führer oder Gewandhausdirektor Masur, die zu medialen Symbolfiguren des Volksaufstandes wurden, kann man den Verdienst nicht zuschreiben", meint der Autor in seinem Buch. Auch sei es nicht allein die Tat der Kirchen gewesen, zumal zu jenem Zeitpunkt 70 Prozent der Ostdeutschen konfessionslos gewesen seien. "Die Entscheidungen fanden jedoch auf der Straße statt", so Jankowski. Hilfreich sei gewesen, dass diesmal der sowjetische Staats- und Parteichef Gorbatschow die Truppen seines Landes in den Kasernen belassen habe.

Das Bewusstsein der Demonstranten habe sich nach dem 9. Oktober verändert: Niemand fürchtete mehr, dass die nicht genehmigten Protestmärsche aufgelöst würden. Am 6. November, drei Tage vor dem Mauerfall, erlebte Leipzig die mächtigste aller Montagsdemonstrationen mit 400.000 Teilnehmern.

Für Jankowski ist jener 9. Oktober "einer der raren deutschen Gedenktage, an dem keiner Opfer gedacht werden muss", eine "Geschichte des Zivilen Ungehorsams", an dem "Zehntausende couragierter Deutscher ihr Leben riskierten". Dennoch bedeutet für ihn der Tag einen "blinden Fleck in unserer Selbstwahrnehmung", der nicht ausreichend in seiner Dimension gewürdigt werde. Denn "ohne die Entwicklung, die am 9. Oktober 1989 in Leipzig begann, ist der gemeinsame demokratische Staat, in dem wir heute leben, undenkbar".


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