Obamas Schwierigkeiten mit dem Vorsprung
Präsident Barack Obama wirft Mitt Romney politischen Wankelmut vor und hat den Zustand seines Herausforderers als 'Romnesie' bezeichnet. Doch nicht nur die Versprechen des Republikaners haben sich gewandelt, auch die Umfragewerte sehen anders aus als vor ein paar Monaten. Eine Kolummne von Jonathan Mann

Foto © APBarack Obama
Obama hat Schwierigkeiten, seinen einstigen Vorsprung zu halten. "Mich anzugreifen, ist keine Strategie", sagte Romney diese Woche während des dritten und letzten TV-Duells vor der Wahl am 6. November. Eine ganz neue Situation hat sich ergeben: Nachdem Romney in den Umfragen wochenlang hinter Obama lag, führt er nun, weniger als zwei Wochen vor der Wahl, oder liegt mit dem Präsidenten gleichauf.
Sieht man sich die Sache genauer an, wird das Bild zwar komplizierter, aber doch nicht unbedingt beruhigender für Obama. Die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl in Amerika setzen sich aus dem Mehrheitswahlrecht und nicht aus der Summe aller Stimmen zusammen. Abhängig von Größe und Bevölkerungszahl entsenden die Bundesstaaten eine bestimmte Anzahl an Wahlmännern, die schließlich den Präsidenten bestimmen. Der Fokus richtet sich daher vor allem auf das Abstimmungsergebnis in den einzelnen Staaten.
Neuesten Umfragen zufolge liegt Obama in Ohio, dem wohl wichtigsten Staat unter den Swing States, vorne. Laut jüngster Schätzungen von CNN führt Romney allerdings in North Carolina mit einem kleinen sowie in Indiana und Missouri mit deutlichem Vorsprung. All diese drei Staaten gehören zu den wichtigen und hart umkämpften Swing States. Obama weiß, dass in den letzten Tagen noch viel passieren kann und startete daher seinen Endspurt, der eher einem Marathon gleicht: eine Wahlkampftour durch acht Bundesstaaten in 48 Stunden.
Hochrechnungen von CNN zufolge sollte der Präsident an Bord der Air Force One diese Woche etwa 10.000 Kilometer in zwei Tagen zurücklegen, mit Zwischenstopps in einigen ausgewählten und wahlentscheidenden Staaten2. Doch auch Romney hat sich in den letzten Wochen gewandelt, und das mag den Präsidenten sehr überrascht haben.
Die Reihe von Patzern, die Romneys Wahlkampf über Wochen begleitet hatten, riss plötzlich ab. Der Kandidat der Republikaner wurde zudem von den meisten als redegewandt und überzeugend wahrgenommen, als er sein bislang größtes Publikum ansprach: Millionen Fernsehzuschauer, die sich seine drei TV-Duelle mit Obama ansahen. Nachdem er mit einem überzeugenden und souveränen Auftritt bei der ersten Debatte überrascht hatte und danach einen Höhenflug in den Umfragen erlebte, verwandelte sich Romney bei dem letzten TV-Duell mit Obama in eine wesentlich ruhigere und versöhnlichere Figur.
"Heute so, morgen so"
Er sagte, er stimme mit dem Präsidenten in einigen Punkten überein und bedachte bei der Formulierung seiner politischen Ziele auch die Interessen der traditionell nicht republikanisch wählenden Bürger. So wies Romney zum Beispiel zurück, Steuern für die Reichen kürzen oder das Leben der amerikanischen Streitkräfte bei Konflikten außerhalb des Landes riskieren zuwollen ? selbst in Ländern wie Syrien oder Iran, obwohl er den Präsidenten lange Zeit vorgeworfen hatte, zu unentschlossen zu reagieren oder gänzlich untätig zu sein. Obama kritisierte indes einige politische Ziele seines Herausforderers, von denen Romney wiederum behauptete, er hätte sie nie formuliert.
"Er verändert seinen Standpunkt schnell. Heute so, morgen so", sagte Obama. "Wir müssen einen Namen finden für diesen Zustand, den er durchmacht. Ich glaube, er wird 'Romnesie' genannt." Auch Obama hat seit seinem Wahlkampf im Jahr 2008 politische Vorhaben geändert oder Versprechen gebrochen. Angefangen von der Schließung des US-Gefängnisses auf Guantanamo Bay bis hin zu einer weitreichenden Reform des amerikanischen Einwanderungsgesetzes. (Keines der beiden Ziele hat er erreicht.)
Politiker handeln oft vorhersehbar und Meinungswechsel gehören zur Politik. Doch eine Sache ist anders: Romney hat es geschafft, Obamas Chancen auf eine Wiederwahl zu schmälern. Dem amtierenden Präsidenten bleiben weniger als zwei Wochen, um das Ruder nochmals herumzureißen.
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Jonathan MannFoto © CNN
Zur Person
"Political Mann"
In der "Political Mann"-Kolumne befasst sich Jonathan Mann, Moderator und Journalist bei CNN International, wöchentlich mit den aktuellen Themen der US-Innenpolitik.
Die gleichnamige Show "Political Mann" ist samstags um 11 Uhr und sonntags um 22.30 Uhr auf CNN International zu sehen.
Seine Kolumne steht in Österreich exklusiv für kleinezeitung.at zur Verfügung.











