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Zuletzt aktualisiert: 01.05.2012 um 20:10 UhrKommentare

Obamas toter "Wahlkampfhelfer"

"We got him": Am 2. Mai 2011 wird ein heruntergekommen wirkender Mitt-Fünfziger namens Osama bin Laden in Pakistan von Navy-Seals exekutiert. US-Präsident Obama feiert mit gestählten Worten seinen Triumph - und ein Jahr später muss der tote Top-Terrorist noch einmal herhalten. Von Thomas Golser.

Osama bin Mohammed bin Awad bin Laden

Foto © APOsama bin Mohammed bin Awad bin Laden

Dem US-Volk dauerte es gefühlte Ewigkeiten - und dann geht es doch schnell: In 40 Minuten gelingt Navy Seals, was für knapp zehn Jahre nicht exekutierbar war. Mit zwei Hubschraubern erreicht die Elite-Einheit das in der pakistanischen Garnisonsstadt Abbottabad nicht sonderlich brilliant versteckte Anwesen des Al-Kaida-Chefs Osama bin Laden und fackelt nicht lange. Obama hatte mit seinem "It's a go" für Osamas letzte Stunde bis zur letzten Sekunde gewartet. Das Risiko schien kaum kalkulierbar - doch man wollte eine Leiche haben, auch wenn diese dann im Meer versenkt wurde.

Obama als "Bush Plus"

Zitiert

Die Anweisung ist, reinzugehen und bin Laden zu kriegen, und falls er nicht da ist, dort auch wieder heil herauszukommen.

Aus dem handgeschriebenen Memo von Ex-CIA-Chef Panetta

Im Duell Obama vs. Osama glückte dem 44. US-Präsidenten jener Todesstoß, der seinem texanischen Vorgänger trotz verbissener "Smoke 'em out!"-Taktik nicht vergönnt gewesen war. Obama ersetzte beim Befehl "Tod oder lebendig" das "oder" durch ein "nicht". Bei aller Erleichterung, nicht nur in den USA, wollte die Adelung Obamas als Friedens-Nobelpreisträger mit der gnadenlosen Beseitigung des Oberschurken nicht für alle zusammengehen: "Wir haben jetzt einen 'Bush Plus'", ätzte z.B. Menschenrechtler Anthony Gregory vom "Independent Institute". "Es lohnt sich nicht, Himmel und Erde in Bewegung zu setzen und Milliarden von Dollar auszugeben, nur um eine Person zu fangen", kritisierte z.B. Obamas Widersacher Mitt Romney schon vor Jahren jene Unsummen, die das Aufspüren des Top-Terroristen und die militärischen Einsätze dazu verschlungen hatten. Die Popularitätswerte der USA in der Welt halten sich so oder so weiter in Grenzen.

Obama möchte noch einmal mit Osama punkten, schließlich ist Wahlkampf - und die Demokraten können dabei nicht nur auf die dieses Mal schwach geratenen Kandidaten der Republikaner setzen: Paradoxerweise wird so ein toter Osama zum "Wahlkampfhelfer" von Obama. Zum Jahrestag gab es - eine Premiere übrigens - im hochgesicherten "Situation Room" im Keller des Weißen Hauses ein Interview mit dem US-Präsidenten. Eben dort hatten er und seine engsten Mitarbeiter mit ernsten Mienen, aber fußfrei zugesehen, als das bärtige Phantom zur Strecke gebracht und erschossen worden war. Ein Jahr später ist das Thema noch heiß genug, um die Kommando-Aktion mit einem guten Maß Pathos erneut aufzurollen. Begleitend zum Interview und garniert mit grünen Nachtsicht-Aufnahmen des Einsatzes gibt es seit einigen Tagen ein Internetvideo, in dem Ex-US-Präsident und Parteikollege Bill Clinton die besondere Schneid Obamas lobt: "Der Oberbefehlshaber erhält nur eine Chance, die richtige Entscheidung zu treffen".

"We got him!": Diese drei Wörter genügten - dem Volk war da schon längst nicht mehr nach Abwägen zumute: Dort, wo neuneinhalb Jahre zuvor die Twin Towers zu Staub zerfallen waren und 3.000 Menschen ihr Leben verloren hatten, wurde ausgiebig gefeiert. Man fühlte sich erlöst und aus einem Albtraum erwacht, einem Trauma entkommen - gerade so, als wäre mit Osama auch der Terror gestorben. Wenigstens kurzfristig bescherte die Exekution des Staatsfeindes Nummer 1 dem zuvor schon offen als "Weichei" verspotteten Obama Popularitätsrekorde. Die in den USA immens wichtige "nationale Sicherheit" schien bei ihm plötzlich in guten Händen - nicht zuletzt war es auch ein Sieg der Demokraten über die Republikaner. Auf viele andere und für das Volk wirklich elementaren Fragen - vor allem auf die noch immer lahmende US-Wirtschaft und die nationalen Schuldenberge - stehen die definitiven Antworten weiterhin aus.

Sieg über den Terror?

Der Sieg über den Terror wurde es erwartungsgemäß nicht: Osama bin Laden wurde zwar liquidiert, seine Leiche auf einen im Arabischen Meer kreuzenden US-Flugzeugträger geflogen und auf See bestattet. Doch Schrecken lässt sich nicht hinrichten. Auch wenn viele Politologen der Al-Kaida in der Zeit danach ein gewisses "Popularitäts"-Manko bescheinigten: Das Terror-Netzwerk verlor (s)ein Gesicht und seinen großen Verführer - sein ehemaliger Weggefährte und Nachfolger Aiman al-Sawahiri ist es wohl nicht. Der Arabische Frühling bewies außerdem eindrucksvoll, dass man sich auch ohne Dschihad-Terror und Sprengstoffgürtel des einen oder anderen Diktators entledigen kann.

Zum Jahrestag liegt (offiziell) zwar keine erhöhte Gefahr für neue Anschläge vor, Washington wird den Tag aber bestimmt nicht nur mit Gedanken ans Feiern zubringen. Immerhin gab es 2011 zum Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 Pläne der Al-Kaida, den US-Präsidenten mit einer gezielten Attacke selbst zu töten. Erhöhte Wachsamkeit bleibt das Gebot der Stunde - seit mindestens zehneinhalb Jahren.

THOMAS GOLSER

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Foto © APA

Bild vergrößernDas Leben OsamasFoto © APA

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Bild vergrößernOsama bin Laden, Aufnahme undatiertFoto © AP

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Bild vergrößernOsama bin Laden, Aufnahme undatiertFoto © AP

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Bild vergrößernOsama bin Laden, Aufnahme von 1988Foto © AP

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