Gaddafi schuf sich durch Terror Gehör
Der exzentrische Langzeitdiktator Muammar al-Gaddafi, der 42 Jahre lang Libyen beherrscht hat, hinterließ auch in Österreich deutliche Spuren. Blutige und freundschaftliche: von Bruno Kreisky bis Jörg Haider.

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U nter den zahlreichen Diktatoren Afrikas war er einer der aggressivsten. Da gab es zwar auch noch Idi Amin in Uganda oder Bokassa in der Zentralafrikanischen Republik, aber Muammar al-Gaddafi übertraf sie in einem Punkt alle: Im Gegensatz zu den anderen war dem Hauptmann - den Titel Oberst verlieh er sich später ebenso wie die Huldigung "König der Könige" - sein eigenes Land viel zu klein. Er fühlte sich berufen, die Welt zu verändern. Aber diese hörte nicht auf ihn.
Seinem "Grünen Buch", 1975 in millionenfacher Auflage erschienen, wurde zwar in Tripolis das "Weltzentrum für das Studium des Grünen Buches" gewidmet, aber die Welt blieb in diesem Fall auf Libyen beschränkt. Und dort wurde das konfuse 100-Seiten-Machwerk auch nur studiert, weil es zur staatlich verordneten Pflichtlektüre gehörte.
Der Unfehlbare, so die Selbsteinschätzung des schrillsten aller arabischen Diktatoren, war verstört, dass niemand seine hausgemachte Volksbefreiungsideologie kopierte.
Die Geschichte ist voll von selbst ernannten Messiassen, die überzeugt sind, dass die Welt an ihnen genesen wird. Und die sich Gehör verschaffen, wenn sie keiner hören will. Gaddafi tat dies laut und mit viel Blut.
Den wohl erschütterndsten Anschlag ließ er vor dem Weihnachtsfest 1988 durchführen. Über der schottischen Ortschaft Lockerbie explodierte eine Pan-Am-Maschine. 270 Menschen fanden den Tod. Jahre später hat Gaddafi den angeblichen Täter ausgeliefert und den Hinterbliebenen Millionen bezahlt.
Bereits Jahre vor Lockerbie hat Gaddafi in Österreich seine todbringenden Spuren hinterlassen. Bei einem Anschlag in Wien-Schwechat, bei dem am 27. Dezember 1985 Palästinenser auf Passagiere am EL-AL-Abfertigungsschalter schießen, werden drei Personen getötet, 39 weitere verletzt. Einem Untersuchungsbericht ist zu entnehmen, dass die Terroristen aus "libyscher Hand Pässe zur Einreise nach Österreich" erhalten haben. Verbindungen führen auch nach dem Überfall auf die Opec 1975 und nach der Ermordung von Stadtrat Hans Nittel 1981 zu Gaddafi.
Man hätte glauben können, dass der Diktator in Österreich zum Feindbild avanciert, dem man mit radikaler Ablehnung begegnet. Bruno Kreisky tut dies nicht. Seine Politik ist es, den "Revolutionsführer" wieder "berechenbar" zu machen, indem er ihn aus der Isolation holt. Er lädt Gaddafi 1982 nach Österreich ein. Die beiden so gegensätzlichen Charaktere verstehen sich gut. So gut, dass die Regierung sogar Geschichtsglättung betreibt und Innenminister Erwin Lanc die Behauptung, Gaddafi sei der Strippenzieher des internationalen Terrors, als "unzutreffend" zurückweist.
Ab 1999 war es dann Jörg Haider, der den Kontakt zu Gaddafi, vor allem aber auch zu dessen Sohn Saif al-Islam pflegte. Die Beziehung war aber deutlich weniger politisch als jene unter Kreisky. Sie waren stark von wirtschaftlichen Interessen geprägt. Hinter der von Gaddafi oft zur Schau gestellten Theatralik, die sich unter anderem darin äußert, dass er bei Staatsbesuchen in Rom oder Paris sein Beduinenzelt aufbauen lässt, verbirgt sich offenbar ein rationales Kalkül. So überrascht Gaddafi 2003 mit der Ankündigung, er schwöre dem Terror ab. Rasch wird er international salonfähig. Zahlreiche europäische Politiker reisen nach Tripolis, um sich der Freundschaft des "Bruder Führers" zu versichern. Deren Intensität ließ sich in lukrativen Geschäftsverträgen messen.
Die Jahre der Umgänglichkeit Gaddafis sind kurz. 2009 zerreißt er die UN-Charta und 2010 erklärt der Schweiz den "heiligen Krieg". Endgültig zum Feind wird er, als er sich zum Ausbruch des Arabischen Frühlings weigert, Reformen durchzuführen. Dies war schließlich sein Todesurteil.









