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Zuletzt aktualisiert: 10.10.2011 um 22:39 UhrKommentare

"Dies ist auch unser Land!"

Kopten in Ägypten fühlen sich von der Militärregierung im Stich gelassen. Nach der blutigen Nacht mit einem prügelnden Mob und 24 Todesopfern herrscht ein Streit über die Hintermänner.

Chaos nach den blutigen Unruhen: Polizei im Großaufgebot

Foto © ReutersChaos nach den blutigen Unruhen: Polizei im Großaufgebot

Feuerbänder erhellen das Nilufer, Steine prasseln, dazwischen fallen vereinzelt Schüsse. Von Weitem schon hört man Schreie und Kampfgeheul. Einzelne taumeln in die dunklen Seitenstraßen, halten sich den blutenden Kopf, während hinter ihnen durch Tränengaswolken hindurch die nächste Angriffswelle Knüppel schwingender Horden rollt. Am Ende sind 24 Menschen tot und 213 verletzt. Kairo erlebte in der Nacht auf gestern die schlimmste Gewalt seit dem Fall Mubaraks. Die Straßenkämpfe stürzen das post-revolutionäre Ägypten in seine bisher gefährlichste Krise, die Gewalt könnte sich wie ein Flächenbrand im ganzen Land ausbreiten. Für die zweite Nachthälfte verhängte der Oberste Militärrat eine Ausgangssperre. Am nächsten Morgen eilten Übergangsregierung und Religionsführer von Kopten und Muslimen zu Krisentreffen, während die Prügeleien vor einem Spital im Stadtzentrum ungehindert weitergingen.

Unklar ist bisher, was diese katastrophale Eskalation auslöste, die ganz Ägypten "in Gefahr bringt", wie es Übergangspremier Essam Sharaf auf seiner Facebook-Seite formulierte. "Vandalisierende Kräfte" wollten Chaos im Land säen und religiöse Spannungen schüren, sagte er später in einer Fernsehansprache. Schon mehrfach hatten Kopten in der Vergangenheit auf der Nil-Corniche vor dem staatlichen Fernsehgebäude gegen Übergriffe von radikalen Muslimen und für ihre Rechte demonstriert. Auch am Sonntag waren wieder 2000 Gläubige mit Kreuzen und Jesusbildern aus dem Stadtteil Shobra, wo viele Christen wohnen, friedlich in die Innenstadt gezogen. "Tantawi, wo ist deine Armee - dies ist auch unser Land", skandierten die Menschen, die sich von der Militärführung mit dem Feldmarschall an der Spitze nicht geschützt fühlen. So hatten vor anderthalb Wochen Salafisten im Dorf Marinab in Südägypten erneut einen Kirchbau in Brand gesteckt, der gerade renoviert und erweitert wurde.

Gewalt eskalierte <7h2>

Als der Kairoer Protestzug in der Abenddämmerung das Nilufer erreichte, wo die Menschen zusammen mit ihren Geistlichen ein symbolisches Sit-In halten wollten, eskalierte die Gewalt. Das staatliche Fernsehen blies sofort in die Propaganda-Trompete. Kopten hätten auf Soldaten geschossen und drei von ihnen getötet, hieß es in ersten Meldungen am Abend. Die Armeeführung sprach laut CNN sogar von 12 getöteten und 50 verletzten Soldaten. Mit dramatischem Tremolo in der Stimme forderte der TV-Sprecher die Bevölkerung auf, auf die Straße zu gehen und die Soldaten vor dem christlichen Mob zu schützen.

Augenzeugen jedoch zeichnen ein deutlich anderes Bild. Ein Reporter von Al Jazeera berichtete, Banden von zwielichtigen Typen in Zivilkleidung hätten den singenden und skandierenden Koptenzug sofort mit einem Steinhagel empfangen. Unbekannte eröffneten aus einem vorbeifahrenden Zivilauto heraus das Feuer auf die Demonstranten. In dem anschließenden Getümmel raste dann ein Panzerspähwagen in die Menge, überrollte und tötete fünf Demonstranten. Nach diesen tödlichen Provokationen gab es für die rasende Menge keinen Halten mehr. Mehrere Soldaten wurden offenbar auf der Stelle tot geprügelt, wie Zeugen noch am Abend berichteten. Wer auf wen einprügelte, war den ganzen Abend nicht genau zu enträtseln. Immer wieder skandierten Demonstranten "Muslime und Christen gehen Hand in Hand", sammelten sich zu Menschenketten vor den Dreierreihen der schwarzen Bereitschaftspolizei.


KLEINE.tv

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