Gaddafis Stasi-Gefängnis: Ort des Verschwindens
Im Polit-Knast des libyschen Machthabers verschwanden Dissidenten oder Islamisten für Jahre. Viele überlebten die Haft nicht. Fast ungläubig über ihr Glück, taumelten die Gefangenen nun in die Freiheit.

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Die Wachtürme sind unbesetzt, die schweren Eisentore weit geöffnet. Die hohen, pastellfarbenen Mauern stehen funktionslos da, die langen Trakte mit den Zellen sind leer und verwaist. Zwei Wochen nach dem Zusammenbruch der Gaddafi-Herrschaft in Tripolis ist das Staatssicherheitsgefängnis Abu Salim nur noch ein Ort der Erinnerungen - böser und schrecklicher Erinnerungen. Rund 1.200 Menschen wurden hier bis vor kurzem gefangen gehalten, die meisten aus politischen Gründen. Sie saßen ohne Gerichtsurteil, ohne Anhaltspunkte dafür, wann sie je wieder in Freiheit kommen würden.
Als die libysche Revolution Ende August die Hauptstadt erreichte, zog sich das Wachpersonal hastig zurück. Fast ungläubig über ihr Glück, taumelten die Gefangenen in die Freiheit. In den weiß getünchten Zellen blieben die Matratzen zurück, einige Unterhemden, Fotos von Moscheen oder Blumen, die einige an die Wand geklebt hatten. Vor der Krankenabteilung stapeln sich Unmengen von leeren Medikamenten-Verpackungen.
Das Bild, das sich Betrachter in den berüchtigten Gefängnis bietet, ist zwiespältig. Ex-Gefangene berichten von Folter und Erschießungen, doch wirkt heute vieles in Gaddafis Knast weniger schlimm als in anderen Gefängnissen im Nahen Osten. Im Vergleich zu Abu Ghraib bei Bagdad oder Tora bei Kairo wirkt dieses Gefängnis weniger schrecklich. An jede Zelle schließt sich eine kleine Küche und ein Klo mit Dusche an. Aus zwei Oberlichten fällt Sonnenlicht ein. Lampen sorgen für ordentliche Beleuchtung.
"Es war viel schlimmer"
"Das sind relativ neue Verbesserungen, zu unserer Zeit war es hier viel schlimmer", meldet sich Osama Abdulkader Sankuli zu Wort. Der 42-jährige Buchhalter ist an seinem traditionellen weißen, knöchellangen Gewand und seinem Vollbart als gläubiger Muslim zu erkennen. Er saß hier fast fünf Jahre und ist am Wochenende mit seinen Leidensgefährten Ali Abu Khalifa und Ali Astani nach Abu Salim zurückgekehrt. "Wir sind gläubig, beten in der Moschee und kümmern uns um Gottes Gebot", sagt Sankuli. "Das ist der einzige Grund, warum man uns hier eingesperrt hat."
Die drei Männer bestreiten energisch, einer geheimen islamistischen Organisation angehört zu haben. "Unter Gaddafi reichte es, wenn du fromm warst und dich irgendjemand als Islamist denunziert hat", behaupten sie. Jedenfalls kamen sie wie alle anderen Häftlinge ohne Gerichtsurteil hierher, wurden sie misshandelt und gedemütigt. "Ich dachte, ich komme hier nicht mehr lebendig heraus", berichtet Sankuli.
Sie durften keine Briefe empfangen, es gab keine Besuche von Angehörigen. Lediglich Päckchen mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln waren erlaubt. Auf die Frage, ob er je einen Rechtsanwalt sah, lacht Sankuli nur auf. "Wir wussten ja nicht einmal, wieso, unter welcher Anklage und für wie lange wir hier waren."
Sankuli und seine zwei Freunde waren hier von 1997 bis 2001 gefangen. Die materiellen Bedingungen ihrer Haft waren schlimmer als in der Endzeit des Gefängnisses. "Küche und Klo gab es nicht, nur einen Kübel für die Notdurft, und von der Decke hing lediglich eine nackte Glühbirne", erinnern sie sich. In der Woche gab es gerade mal vier Stunden Hofgang, in einem 20 Meter langen und fünf Meter breiten Innenhof, der nach oben mit einem Gitter abgedeckt ist. Kranke blieben unversorgt. "Ich sah, wie etliche an Tuberkulose starben", fügt Sankuli hinzu. Zaghafte Beschwerden der Häftlinge wurden von der Gefängnisleitung mit der Bemerkung quittiert: "Wenn ihr euch weiter beschwert, werdet ihr erschossen."
Keine leere Drohung
Das war keine leere Drohung. Abu Salim ist notorisch bekannt für ein Massaker im Juni 1996. Eine Revolte wegen der üblen Haftbedingungen war zunächst durch Verhandlungen beigelegt worden. Am nächsten Tag wurden dennoch aus Vergeltung bis zu 1.200 Gefangene erschossen. Angeordnet hatte das Blutbad der Geheimdienstchef von Gaddafi, Abdullah Senussi. Er ist, wie Gaddafi und dessen Sohn Saif al-Islam, vom Strafgericht in Den Haag angeklagt und untergetaucht.
Die Opfer des Gefängnis-Massakers wurden verscharrt. Vor zwei Jahren begannen in Benghazi (Bengasi) bis dahin nie gesehene Mahnwachen von Angehörigen der Vermissten. Sie waren die Keimzelle für die Revolte gegen Gaddafi in diesem Februar, die ihren Ausgang in Benghazi genommen hatte. Der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrates der Aufständischen, Mustafa Abdul Jalil, hatte sich als Richter und Justizminister unter Gaddafi - wenn auch vergeblich - für eine Aufklärung dieses Verbrechens eingesetzt. Dies trägt maßgeblich zu seiner heutigen Autorität unter den Libyern bei.
Osama Abdulkader Sankuli ist an diesen Ort des namenlosen Verschwindens zurückgekehrt, um mit seiner traumatischen Erinnerung fertig zu werden. "Ich will Mut daraus schöpfen und mein Leben weiterbringen", sagt der Vater zweier Kinder. "Und das nächste Mal bringe ich meine Familie mit, um ihr zu zeigen: So war es unter Gaddafi!"










