Libyens Frauen machen die Hölle durch
Vergewaltigung auf Befehl Gaddafis: UN-Chefankläger hat Belege dafür, dass der libysche Machthaber systematisch sexuelle Gewalt als Kriegsmittel einsetzt.

Foto © APAIman Al-Obeidi fand den Mut, öffentlich zu berichten, dass sie von Gaddafis Schergen vergewaltigt wurde
Erst fesselten sie meinen Ehemann, dann vergewaltigten sie mich vor seinen Augen, schließlich erschossen sie ihn." Hunderte Aussagen von Frauen aus jenen Städten, in denen die Soldaten des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi wüteten, nähren den Verdacht, dass der Tyrann den sexuellen Missbrauch gezielt als Kriegswaffe einsetzt. Die libysche Ärztin Siham Sergewa, die sich um traumatisierte Kriegsflüchtlinge kümmert, hat viele dieser Fälle genauestens dokumentiert und das Material dem Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag übergeben.
Der Chefermittler des Tribunals, Luis Moreno-Ocampo, will Gaddafi deswegen möglicherweise nun auch wegen Anstiftung zur Massenvergewaltigung anklagen. Moreno-Ocampo beantragte deshalb bereits beim Gericht einen internationalen Haftbefehl gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al-Islam und Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi wegen Massakern an der Zivilbevölkerung, der Verschleppung von Oppositionellen und systematischer Folter.
Es gebe Informationen, wonach es "in Libyen eine Strategie ist, jene zu vergewaltigen, die gegen das Regime waren", sagte Generalstaatsanwalt Moreno-Ocampo bei einem Besuch der Vereinten Nationen in New York. Dazu gesellten sich auch Hinweise, "dass Gaddafi dies entschied". Offenbar habe das Regime massenweise Viagra-Produkte gekauft, "um die Möglichkeit der Vergewaltigung zu fördern".
Angst, darüber zu sprechen
Nach den Erkenntnissen der Ärztin Siham Sergewa, die in Flüchtlingslagern an der tunesischen und ägyptischen Grenze mit tausenden libyschen Frauen sprach, gab es Massenvergewaltigungen in praktisch allen Orten, in denen Gaddafis Truppen gegen die Opposition kämpften. "Sie benutzen die Vergewaltigung nicht nur, um den Frauen Schaden zuzufügen, sondern um Familien und ganze Dorfgemeinschaften zu terrorisieren." Die Opfer seien oft deprimiert, wollten sterben oder seien verstoßen worden. Viele würden aus Angst schweigen, die Dunkelziffer sei deswegen sehr hoch.
Auch zwei Gaddafi-Soldaten, die in der Stadt Misurata von den Rebellen gefangen genommen wurden, berichteten dem britischen Sender BBC vom Massenmissbrauch: "Die Offiziere nahmen die Mädchen mit nach oben. Als sie fertig waren, wurde uns befohlen, die Mädchen ebenfalls zu vergewaltigen." Wer sich geweigert habe, sei geschlagen worden. Die Kommandeure hätten ihre Soldaten auch zu diesen Verbrechen angestiftet: "Für jede Frau, die ihr missbraucht, bekommt ihr Geld von uns."
Ärzte aus der im Osten liegenden Stadt Ajdabiya hatten schon im März berichtet, dass Gaddafis Truppen Anhängerinnen der Opposition verschleppen und schänden. In den Jackentaschen toter Gaddafi-Soldaten habe man Viagra-Pillen gefunden, sagten die Mediziner. "Wir werden alle Frauen, welche auf Seiten der Opposition sind, holen und vergewaltigen", hatten Gaddafis Militärs unverblümt gedroht, als sie Ajdabiya vorübergehend belagert hatten.
Vor laufenden Kameras hatte eine 29-jährige Libyerin aus der Oppositionshochburg Benghazi ausländischen Journalisten in der libyschen Hauptstadt Tripolis berichtet, dass sie an einem Kontrollposten des Militärs entführt und dann von 15 Männern nacheinander missbraucht worden sei. "Schaut, was sie mir angetan haben", rief sie und zeigte im Journalistenhotel in Tripolis Wunden der Misshandlung im Gesicht und am Rücken, Fesselspuren an den Handgelenken.
Gaddafis Geheimpolizisten zerrten die Frau daraufhin gewaltsam aus dem Hotel und nahmen sie fest. Nach internationaler Vermittlung konnte die junge Frau namens Iman al-Obeidi das Land inzwischen aber verlassen und befindet sich in der Obhut des Flüchtlingshilfswerkes UNHCR in Rumänien.
Dauer-Bombardement
Nach einer kurzen Feuerpause hat die Nato gestern erneut Tripolis unter Beschuss genommen. Die libysche Hauptstadt wurde in der Nacht von heftigen Explosionen erschüttert, Kampfflugzeuge jagten im Tiefflug über die Stadt. Es war das heftigste Dauerbombardement seit März. Die Nato will mit den Angriffen auf Tripolis den Druck auf Gaddafi erhöhen. Dieser hat in einer Audiobotschaft am Dienstag allerdings erneut erklärt, nicht aufgeben zu wollen. "Wir werden in unserem Land bleiben - tot oder lebendig", sagte er.









