"Muss er uns erst alle umbringen?"
In der Oppositionshochburg Benghazi liegen die Nerven blank. Gaddafi greift an, Zivilisten flüchten aus der Stadt. Für viele kommt die Hilfe Frankreichs spät.

Foto © APEin Kampfjet wird abgeschossen: Wie sich herausstellt, handelt es sich um eine Maschine der Aufständischen. "Wir haben wenige Flugzeuge und sie sind alt", sagt ein Rebell
J ubel, Angst und Verzweiflung liegen in Benghazi nahe beieinander: Noch am frühen Samstagmorgen feiern die Menschen in der libyschen Rebellenhochburg die Entscheidung der internationalen Gemeinschaft, gegen Muammar Gaddafi vorzugehen. "Libyen, Libyen", rufen sie; der Jubel schwillt an, als französische Kampfflugzeuge über der Stadt zu sehen sind.
Doch dann kommt der Schock: Die gefürchteten Truppen Gaddafis rücken trotz der Waffenruhe, die der Despot verkündet hat, auf Benghazi vor. Artilleriefeuer und Rauchwolken sind zu sehen. "Die Atmosphäre in der Stadt ist sehr angespannt, die Kämpfer der Rebellen sind noch immer unorganisiert, fahren mit Taxis den Soldaten Gaddafis entgegen", berichtet der Reporter Jonathan Stock auf "Spiegel Online". In den Straßen Benghazis errichten die Menschen Barrikaden aus Bettgestellen und Metallresten, um sich vor den Angriffen zu schützen. Junge Männer bauen aus Flaschen Molotow-Cocktails. Panik breitet sich unter Benghazis Bewohnern aus, als Gaddafis Truppen Wohngebiete unter Beschuss nehmen.
Heimlich eingedrungen
Viele versuchen zu fliehen, lange Autokolonnen stauen sich aus der Stadt hinaus. Sie fahren in Richtung Osten, wo die Rebellen noch weitere Gebiete unter Kontrolle haben. "Muss Gaddafi uns erst alle umbringen, bevor die Welt handelt?", fragt einer der flüchtenden Zivilisten. Und die Situation in der Stadt wird verworren und heikel für die angreifende Staatengemeinschaft: Augenzeugen berichten, Gaddafi-Getreue hätten in den vergangenen Tagen die Stadt infiltriert und würden von innen heraus gegen die Aufständischen vorgehen. Gegen sie sind Schläge aus der Luft ohne schreckliche zivile Opfer unmöglich.
Man hört Artilleriefeuer näherkommen, im Süden der Stadt steigen Rauchwolken auf. Rebellen fürchten, dass der Angriff der Allianz zu spät kommt. "Wo sind die Westmächte? Sie haben gesagt, sie können binnen Stunden zuschlagen", klagt ein Rebellensprecher gegenüber dem "Spiegel"-Reporter.
Mustafa Abdul Jalil, der Vorsitzende des oppositionellen libyschen Übergangsrats, richtete über "Al Jazeera" einen dramatischen Appell an die Öffentlichkeit: "Heute gibt es in Benghazi eine Katastrophe, wenn die internationale Gemeinschaft die Resolution des Sicherheitsrats nicht durchsetzt", ruft er. "Stoppt diesen Tyrannen davor, Zivilisten umzubringen!" Immerhin - wenig später gibt es Berichte, die französische Luftwaffe habe mehrere Panzer Gaddafis vor den Toren Benghazis zerstört.










