Unser Schulsystem ist veraltet: Fehlersuche statt Förderung
In unserem Schulsystem wird nicht nach den Stärken der Schüler gesucht, sondern nach deren Fehlern. Die Schulverwaltung ist schwerfällig und altertümlich. Die Politik wird von der Lehrergewerkschaft gegängelt und ist unfähig zur Reform. Die Frage ist, wie lange wir uns das noch gefallen lassen.

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Der Sommer stimmt milde - selbst der gegenwärtige - und die neun Wochen Ferien, die jetzt vor den Schülern und Lehrern liegen, tun ein Übriges. Vergessen ist das scheußliche Gerangel um die zwei Stunden Mehrarbeit der Lehrer zur Budgetsanierung wie auch der drohende Verlust von schulautonomen Tagen für Schüler, den ihnen die Lehrergewerkschaft einbrocken wollte. Alles Schnee von gestern - oder?
Dickes Lob. Sogar die OECD ist offensichtlich in Ferienstimmung. Sie beginnt ihren jüngsten Österreich-Bericht mit einem dicken Lob. Unser Land habe seit dem zweiten Weltkrieg eine sehr erfolgreiche Berufsbildung betrieben. Österreich ist heute unbestritten die Nummer eins der Welt bei berufsbildenden Abschlüssen. Was uns postwendend eine lange, ausgezeichnete Beschäftigungslage bei niedrigen Jugendarbeitslosenraten beschert habe. Aber nicht genug damit. Die Prüfer aus Paris halten unser soeben eingeführtes verpflichtendes Kindergartenjahr zum Nulltarif ebenso für gut und richtig wie den Ausbau der Ganztagsbetreuung. Jeder Cent, den wir in die Frühförderung stecken, erspart uns später, so die OECD, hunderte Euros an Reparaturaufwand. Allerdings erwartet man in Zukunft "eine hochwertige vorschulische Bildung ab dem Alter von drei Jahren".
Veraltet. Schon beinahe euphorisch werden die sonst so kritischen Damen und Herrn schließlich beim Thema "Neue Mittelschule". Mit ihr habe man 2007 eine "umfassende Reform" begonnen, um endlich die viel zu frühe Festlegung unserer Schüler auf eine "normale" oder eine "akademische" Schullaufbahn zu korrigieren. Dieses bedeutende Vorhaben verdiene eine großzügige Umschichtung der Mittel (von der teuren Schulverwaltung) hin zur ausreichenden Ausstattung dieses Modellversuchs mit Lehrern und einer geeigneten Infrastruktur samt stark erweiteter Schulautonomie. Noch nicht Stellung nehmen konnte die OECD zur frisch beschlossenen Zentralmatura. Sie würde aber zweifellos ihren Beifall finden. Denn diese erste umfassende Standardisierung und Vereinheitlichung der Reifeprüfung ist ein Meilenstein auf dem Weg zu vergleichbaren Qualitätsniveaus in Österreich.
Gefährliche Zustimmung. So viel Zustimmung ist hier zu Lande gefährlich. Bekanntlich kippt unsere Stimmung sehr leicht. Heute noch Pisa-Tristesse, morgen schon OECD-Euphorie. "Also haben wir ja doch eines der besten Schulsysteme der Welt". Keine Angst: Wir haben nicht. Alles was wir haben, ist die Gewissheit, dass in Österreich nur etwas weitergeht, wenn den Parteien, Verbänden und Gewerkschaften statt ihrer üblichen ideologischen Nabelbeschau und den kleinkarierten Machtspielchen einmal doch die eigentlichen Ziele der Bildungspolitik ins Visier geraten. Nämlich die bestmögliche Charakterbildung und Qualifizierung jedes einzelnen Schülers sowie eine deutliche Niveausteigerung des gesamten Standorts Österreich. Dann und nur dann gibt es gemeinsame Lösungen, die halten.
Keine Zweifel. Daran lässt auch die OECD keine Zweifel. Unser altes Rezept der mittleren Abschlüsse beispielsweise reicht heute längst nicht mehr. In einer Dienstleistungs-und Wissensgesellschaft werden bereits überwiegend akademische Qualifikationen verlangt. Also gehen im Durchschnitt aller OECD-Länder bereits 55 Prozent eines Jahrgangs an die Universitäten und Fachhochschulen. Bei uns sind es gerade einmal 32 Prozent. Noch schlimmer schaut es bei den Absolventen aus. Den 21 Prozent in Österreich stehen OECD-weit 47 Prozent gegenüber - also mehr als doppelt so viele. Durch die frühe Selektion mit 10 Jahren werden bei uns akademische Abschlüsse vererbt: Söhne und Töchter von Maturanten und Akademikern haben eine siebenmal größer Chance auf eine A-Qualifikation als Kinder aus bildungsfernen Schichten. Das heißt aber, Österreich vergeudet durch seine ständische Trennungsideologie jährlich tausende von Talenten.
Fehlersuche statt Förderung. Noch ärger ist das bei den Migrantenkindern. Da es sie nach der herkömmlichen Vogel-Strauß-Politik höchstens als "Gastarbeiter" geben darf, kümmern wir uns - mit Ausnahme von Wien - so gut wie nicht um ihre Ausbildung. Also bleiben 30 Prozent überhaupt ohne Schulabschluss und der Rest hinkt den Österreichern um zwei Jahre nach. Zudem sind wir und Deutschland die einzigen Länder der Welt, wo die zweite und dritte Generation der Einwanderer schulisch noch schlechter abschneiden als die erste.
Kopie. Da unsere Schule eine Kopie der alten preußischen Militärschule mit Jahrgangsklassen, 50- Minuten-Exerzierstunde und ständiger Suche nach Fehlern und Defiziten bei den Schülern ist, tun wir uns mit der modernen Individualisierung des Unterrichts schwer. Statt sofort nach den Stärken und Talenten jedes einzelnen Schülers zu suchen und ihn von Anfang an bestmöglich zu fördern, überlassen wir die Förderung den Eltern und der privaten Nachhilfe. Die allein kostet jährlich 150 Millionen Euro. Gleichzeitig halten wir den Weltrekord im Sitzenbleiben. Mehr als 30.000 Schüler wiederholen jährlich eine Klasse. (In Finnland sind es 600 – Freiwillige!). Das sind nicht nur sinnlose Frusterlebnisse der Schüler, sondern auch jährlich rund 300 Millionen Euro an Zusatzkosten, die dem Normalbetrieb der Schule abgehen. Dazu kommen fast 200 Millionen Euro, die uns jene 33 Prozent der Schüler in der Oberstufe kosten, die mindestens einmal, oft auch bis zu dreimal die Schule wechseln, weil sie ihre beruflichen Interessen und Begabungen auch nach acht Schuljahren nicht kennen.
Schwerfällige Verwaltung. Das absolute Sahnehäubchen stellt aber zweifellos unsere 140 Jahre alte Schulverwaltung dar, die nicht nur eine der teuersten aller OECD-Länder ist, sondern auch eine der schwerfälligsten und altertümlichsten. Statt den Schulen eine möglichst große Eigenverantwortung und Autonomie einzuräumen, mischt sich diese Verwaltung in jedes Detail ein und erlaubt es der einzelnen Schule nicht einmal, ihre Lehrer selber einzustellen. Noch bemooster ist nur die Einrichtung der Schulinspektion: Sie geht in ihrer Grundstruktur auf ein Dekret Kaiser Josefs II. aus dem Jahr 1785 zurück.
Die Rückständigkeit des österreichischen Schulsystems liegt freilich nicht an den handelnden Personen, den Lehrern und Verwaltern, sondern an den uralten, starren und kostspieligen Strukturen. Überall, wo österreichische Lehrer freier und selbständiger agieren können, sei es im Ausland oder in besonderen Schulversuchen, arbeiten sie meist gerne in ganztägigen Schulen, in denen genügend Zeit für Beziehungsarbeit und damit für vertrauensvolle, lebensnahe Lehr- und Lernprozesse bleibt. Bevorzugt werden von solchen Lehrern auch "Schulen unter einem Dach", die vom Kindergarten bis zur Matura reichen und den Schülern gute Gelegenheiten bieten, jahrgangsübergreifend mit- und voneinander zu lernen.
Leidensdruck. Fragt sich noch, warum man diese alten hinderlichen Strukturen nicht schon längst beseitigt hat. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen scheint der Leidensdruck noch nicht groß genug zu sein. Die ultimative Herausforderung für unser Schulsystem kommt offenbar noch. Zum anderen liegt es an den politischen Eliten in Österreich, die einfach nichts mehr zustande bringen. Wie das erwähnte Schulbudget-Gerangel gezeigt hat, halten sich starke Gewerkschaften "ihre" Politiker, die dann auch reihenweise umfallen, wenn sie auf den Widerstand der Verbände stoßen. Dasselbe ereignet sich gerade bei der ÖBB-Reform, die von der Eisenbahnergewerkschaft diktiert wird, bei der Gesundheitsreform, wo die Ärztekammer das Sagen hat, und bei der Verwaltungsreform, die die Länderchefs traditionell blockieren. Solange aber der blanke Gruppenegoismus dominiert und das Gemeinwohl nur noch eine Sonntagsfloskel ist – und solange sich das die betroffenen Bürger gefallen lassen –, wird sich am gegenwärtigen Stillstand nix ändern. Bleibt nur die Hoffnung, dass den Bürgern endlich der Kragen platzt.
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