Gusenbauer: "Ich will keine Nabelschau betreiben"
Bundeskanzler Alfred Gusenbauer denkt nicht ans Aufgeben und widersetzt sich Wünschen aus seiner Partei nach einem vorzeitigen Kanzlerwechsel. Im Gespräch mit Thomas Götz und Hubert Patterer von der Kleinen Zeitung gibt er Einblick in seine Gedanken.

Foto © APAEin nachdenklicher Kanzler
Herr Bundeskanzler, Sie haben
wie Faust einen Pakt geschlossen
und Ihre politische
Seele verkauft. Was haben Sie heute
in der Früh beim Rasieren im
Spiegel gesehen?
ALFRED GUSENBAUER: Nachdem wir
uns heute in der Früh schon gesehen
haben, Sie im Kaffeehaus, ich
laufend, bin ich danach vor den
Spiegel getreten und hab in Bezug
auf gestern eigentlich keine
Veränderung festgestellt. Ich bin
mit wachem, heiterem, optimistischem
Gesicht den Tag wieder
angegangen.
Es geht Ihnen gut?
GUSENBAUER: Mir geht's gut. Spanien
hat gewonnen, das hat mich
auch sehr gefreut.
Wir dürfen Ihnen etwas vorlesen,
was ein halbes Jahr alt ist.
GUSENBAUER: Ein Zitat von mir?
"Ich glaube nicht, dass die EU-Skepsis
in diesem Land durch ein
Referendum behoben werden
kann." 7. Oktober 2007. Wer hat's
gesagt?
GUSENBAUER: Das könnte von mir
sein.
Stimmt. Gestern haben Sie das
Gegenteil gesagt: dass Sie über
EU-Verträge abstimmen lassen
wollen, um den Frust zu dämpfen.
GUSENBAUER: Wenn wir merken,
dass die EU-Skepsis so groß ist,
dass die Kritiker nicht einmal
mehr zuhören, dann muss man
sich überlegen, wie man das Ohr
der Leute wieder gewinnen kann.
Es geht nur mit einem ernsthaften
Dialog. Nur dann besteht die
Chance, eine Abstimmung auch
zu gewinnen.
Hätten Sie das nicht bisher
schon führen können?
GUSENBAUER: Zu glauben, wir
könnten so weitermachen wie
bisher und die Menschen laufen
Europa in Scharen davon, das
kann nicht und darf nicht in unserem
Interesse liegen. Ebenso das
Ansinnen, ein drittes Mal zu sagen,
wir brauchen eine Ratifizierung,
ohne dass wir das Volk einbinden.
Klar ist, dass man das
nächste Mal dieselbe Kraftanstrengung
unternehmen muss
wie 1994 beim Beitritt zur Union.
Man kann bei 28 Prozent Akzeptanz
nicht zur Tagesordnung
übergehen. Im übrigen hat auch
die Kleine Zeitung geschrieben,
dass das Volk die Reife hätte, über
den Vertrag zu urteilen.
Sie unterschlagen die Bedingung,
die wir beigefügt haben: eine
Regierung, die für die europäische
Idee einsteht und sie den Menschen
nahe bringt. So eine Regierung
habe Österreich nicht. Die 28
Prozent sind ja auch das Resultat
dieser Regierung und der Zeitung,
der Sie sich jetzt gebeugt haben.
GUSENBAUER: Ich denke, hinter den
schlechten Werten steckt Tieferes.
Die Verunsicherung der Bevölkerung ist enorm. Zukunftsängste
nehmen zu, das ist erschütternd.
Jugendliche diskutieren
heute über Pensionen. Das
wäre uns vor 30 Jahren nicht eingefallen.
Die Menschen fühlen
sich den Umbrüchen in der Gesellschaft
ausgeliefert. Sie hören
von guten Wirtschaftsdaten und
spüren nichts davon. Auch nichts
von den guten Lohnerhöhungen.
Unterm Strich bleibt dem einzelnen
ein Verlust, und das in einem
guten Wirtschaftsjahr. Und dann
hören die Leute noch, dass in
Österreich die Zahl der Millionäre
am stärksten steigt. Wer da
nicht bereit ist, in Richtung eines
sozialeren Europas zu gehen, gefährdet
das gesamte Einigungswerk.
Sozial- und Steuerpolitik ist
doch Aufgabe der Nationalstaaten,
Sie machen Europa hier zum
Sündenbock für eigene Versäumnisse.
GUSENBAUER: Ich schiebe gar
nichts ab. Aber natürlich könnte
sich die EU darauf einigen, eine
Spekulations-Steuer gegen die hohen Ölpreise zu machen oder
eine Finanztransaktionssteuer.
Das verbietet ihr gar niemand.
Beispiellos war die Art und Weise,
wie Sie Ihren Schwenk in der
Europapolitik bekanntgemacht
haben: in einem devoten Brief an
den Herausgeber jener Zeitung, die
seit Jahren gegen Europa hetzt.
Wolfgang Schüssel hat diesem
Druck standgehalten, Sie haben
Ihre Überzeugung geopfert.
GUSENBAUER: Es war nicht das erste
Mal, dass ich an Hans Dichand in
Beantwortung von Leserpost einen
Brief geschrieben habe. Ich
hab auch kein Problem, mich an
den Herausgeber der Kleinen Zeitung
zu wenden. Ich habe auch
nicht mit meiner Überzeugung
gebrochen. Ich habe keine Angst
vor dem Volk. Ich war auch im
Jahr 1994 dabei, als wir die Volksabstimmung
über einen möglichen
EU-Beitritt gewonnen haben.
Ich habe damals über 500
Veranstaltungen in ganz Österreich
gemacht und mich mit den
EU-Gegnern aktiv auseinandergesetzt.












