Soziologe Kellermann: "Die Politik wurde aufgeklatscht"
Der Klagenfurter Soziologe Paul Kellermann über das fehlende Unrechtsbewusstsein korrupter Politiker und die Mitschuld der Wähler.

Foto © JustSoziologe Paul Kellermann
Herr Kellermann, ist Gier die Triebfeder von Korruption?
PAUL KELLERMANN: Ich glaube, es ist der Neid. Nehmen wir an, jemand bekommt etwa im Bankgeschäft 600.000 Euro, erfährt aber dass wer anders 800.000 bekommt. Den wurmt das fürchterlich. Dabei geht es ihm gar nicht um das Geld, sondern um das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Er will das unbedingt ausgleichen, ob seine Methoden nun erlaubt sind oder nicht. Das muss sich nicht immer auf Geld beziehen, das kann auch dazu führen, dass man rücksichtslos den Ellenbogen einsetzt.
Sind korrupte Politiker also Schwächlinge, Verführte? Oder kann der eine oder andere womöglich gar nicht anders?
KELLERMANN: Wenn wir sehen, wie viel gegenwärtig mit Geld gesteuert wird, weil anders kein Erfolg zu erreichen ist, dann kann ich die Verlockung zumindest sehr gut verstehen, die darin besteht, sich Geld geben zu lassen, um im Kampf um Stimmen erfolgreich zu sein. Das hängt auch mit der geringen Aufgeklärtheit des Wahlvolks zusammen.
Das sich von teuren Wahlgeschenken beeinflussen lässt . . .
KELLERMANN: Auch das ist eine Form von Korruptheit.
Sind also ehrliche Politiker zum Scheitern verurteilt?
KELLERMANN: Das politische System zwingt Leute in allen etablierten Parteien, nach Möglichkeiten zu suchen, die Sie, ich und viele andere als nicht legitim ansehen. Anständiges Handeln lässt sich oft nicht durchsetzen.
Fällt Ihnen denn gar kein erfolgreicher Politiker ein, der sich nicht durch Macht oder Geld korrumpieren lässt?
KELLERMANN: Ich meine, dass Willy Brandt (Anm. SPD-Bundeskanzler von 1969-1974) nicht korrumpierbar war. Weil er eine Basis hatte im Programm seiner Partei. Das gibt es heute nicht mehr, heute gibt es nur noch populistische Parteien, die sich nach Umfragewerten richten.
Es fällt auf, dass ertappte Politiker selten Reue zeigen. Josef Martinz gestand erst, als es nichts mehr zu leugnen gab, noch immer plädiert er auf unschuldig. Ernst Strasser spricht von "Intrigen", Karl-Heinz Grasser von einer "Jagdgesellschaft". Fehlt diesen Politikern das Unrechtsbewusstsein?
KELLERMANN: Ich bin überzeugt, dass beispielsweise Grasser glaubte, was er macht, sei legitim. Wer in einer Kultur aufgewachsen ist, in der es völlig richtig erscheint, sich auf Kosten anderer nach oben zu drängeln, kann kein Unrechtsbewusstsein haben.
Sie meinen damit das "System Haider"?
KELLERMANN: Wenn man im Laufe seiner Karriere gewisse Modell-Karrieren vorgelegt bekommt, ist es klar, dass man sich an denen orientiert. Die Haider-Jünger haben sich an ihm orientiert. Sein Vorbild hat, möglicherweise missverstanden, dazu geführt, dass jüngere Leute dachten, es sei legitim, alles zu kassieren, was nehmbar war.
Setzt hier eine Änderung ein?
KELLERMANN: Ich glaube, dass durch die jüngsten Vorgänge jetzt auch in Kärnten durchaus ein Unrechtsbewusstsein geweckt wird.
Die Parteien wollen nun sogar eine Obergrenze für Wahlkampfkosten beschließen.
KELLERMANN: Diese Vereinbarungen gab es schon in vielen Ländern, im Nachhinein kommt heraus, dass doch geschummelt wurde. Allerdings sind wohl alle Parteien mehr oder weniger verschuldet. In der gegenwärtigen Situation, wo die Politik aufgeklatscht wurde, kann ich mir sehr wohl vorstellen, dass ein Umdenken einsetzt.
















