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    Zuletzt aktualisiert: 22.02.2012 um 07:08 UhrKommentare

    Aschermittwoch in Österreich

    "Diese Form der stundenlangen Beschimpfung des politischen Gegners hat es geschafft, alle Formen der bürgerlichen Mäßigung abzustreifen" - Der Philosoph Peter Strasser über den politischen Aschermittwoch in Österreich.

    Foto © AP

    Man könnte meinen, dass jetzt, nach der Faschingsgaudi, nach Lustbarkeiten jeder Art, vom Bussl in Ehren bis zum Bunga-Bunga-Treiben in Konfettilaune, endlich wieder Ruhe einkehrt. Ruhe, oh selige Ruhe: Aschermittwoch mit Aspirin im Sprudel gegen den Kater, den alkoholischen und den moralischen, und ein gedämpft geselliger Heringsschmaus als Auftakt zur Fastenzeit . . .

    Aber nein! Am Aschermittwoch gibt's noch eins drauf. Es gibt nämlich die Aschermittwochsrede, die mit besonderer Penetranz zelebriert wird. Diese Form der stundenlangen Beschimpfung des politischen Gegners hat es geschafft, alle Formen der bürgerlichen Mäßigung abzustreifen zugunsten eines rhetorischen Rowdytums, das in der politischen Arena seinesgleichen sucht.

    Dabei ist die Aschermittwochsrede keineswegs hierzulande erfunden worden. Einen ihrer Ursprünge hat sie, nach dem Ersten Weltkrieg, im Bayrischen. Dort gab es in Vilshofen, wo am Aschermittwoch ein Markttag stattfand, 1919 eine Versammlung des Bayerischen Bauernbundes, welcher gegen Adel, Klerus und den preußischen Militarismus wetterte. Das war der - "fortschrittliche" - Beginn des politischen Aschermittwochs. Seit 1932 bot er dann vor allem Nazi-Politikern eine Gelegenheit für Hetzreden gegen Andersgesinnte.

    Nach 1945 wurde die Tradition der Aschermittwochsrede in Bayern fortgesetzt, nun wieder unter demokratischem Vorzeichen. Ihre Derbheiten waren beliebtes Journalistenfutter und eine Hetz fürs Wahlvolk. Kein Wunder also, dass sich die Institution geografisch und politisch ausbreitete. Freilich, in Österreich geriet das Spektakel seit Jörg Haiders umjubelten Auftritten ins Rutschen - es rutschte endgültig ab aufs politische Bassena-Niveau, in Ausländerhäme und Antisemitismus.

    2001 wusste das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" aus Österreich Gespenstisches zu berichten. Von "manischer Lust am Zündeln" war die Rede. "Seit Jörg Haider gegen die Juden hetzt, legt die Wiener FPÖ im Wahlkampf wieder zu." Wie das Zündeln konkret ausschaute, konnte der Leser einer umfangreichen Berichterstattung entnehmen; Haider verlor in einem riesigen Bierzelt in Wien-Donaustadt auf kalkulierte Weise jeden Anstand:

    "Die Waschmittelfirma Ariel hat sich bei mir bedankt, weil ich so mannhaft dafür eingestanden bin, dass Ariel nur mit Sauberkeit in Verbindung gebracht wird." Der Saal brüllt vor Entzücken. "Ich verstehe nicht, wie einer, der Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben kann" - Letzteres an die Adresse von Ariel Muzicant, dem Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde.

    Die unselige Hass-Spur, die Haider mit seiner Aschermittwochsrede legte (bevor er samt Gesinnungstross in der Regierung saß, war es sein deklariertes Ziel, die Regierungsparteien "vor sich herzutreiben"), ist bis auf den heutigen Tag heiß geblieben. Letztes Jahr, am 9. März, trat der aktuelle Parteiführer der FPÖ in der Rieder Jahnturnhalle vor etwa 2000 Anhängern auf, um seinen politischen Führungsanspruch lautstark zu erheben. Darüber ist in der Presse, selbst in der konservativen, großkoalitionskritischen "Presse", degoutiert Kopfschüttelndes zu lesen.

    Während Kellnerinnen schwere Tabletts mit Heringsschmaus und Rieder Bier durch die enger werdenden Gänge jonglieren, beginnt der Hauptakt des Abends. Jeder Sager ein Treffer ins Herz der Fangemeinde: "Grüß Gott, ich sage Grüß Gott, weil das zu unserer christlich-abendländischen Tradition gehört, und die lassen wir uns nicht verbieten." Pfiffe, Grölen, Klatschen. "Wenn es nach unseren linkslinken Gutmenschen geht, würde ja heute nicht die Fastenzeit beginnen, sondern dann müssten wir wahrscheinlich alle den Ramadan einhalten."

    Und so wird weitergezündelt. Der Aschermittwochston, der sich da im Bierdunst unter dem Gejohle der Masse Bahn bricht, lässt die relativ harmlose Faschingshetz von gestern als das Vorspiel einer weitaus weniger harmlosen Enthemmung von morgen erahnen. Man darf sich am ausgenüchterten Aschermittwoch, in moderater Fastenzeitlaune, über das Wesen jener Enthemmung nicht täuschen. Sie hat etwas mit den Wutbürgerspielen zu tun, die neuerdings regelrecht modisch werden.

    Zwar haben diese Spiele mitten im demokratischen Leben ihren Ursprung. Der mündige Demokrat, die wehrhafte Demokratin sind wütend angesichts der Verluderung einer politischen Kaste, die immer unfähiger und korrupter zu werden scheint. Man ist also bereit, aus legitimer Politikverdrossenheit, alle gewaltfreien Mittel bis zum "zivilen Ungehorsam" einzusetzen; man will die Demokratie vor parasitärer Aushöhlung und staatsbürgerlicher Ermüdung schützen.

    Doch leider hat es damit nicht sein Bewenden. Denn unters Volk der Wutbürger mischen sich die als Saubermänner getarnten "Populisten". Ihr Argument ist die "Säuberung der Augiasställe", während ihr wahres Ziel gerade die etablierten Posten und Pfründe sind. Ihr politischer Aschermittwoch soll - nachdem die Narren das Schlachtfest eingewitzelt haben - die Verdrossenheit der Masse gegen alles "Etablierte" anheizen: Aus Politikverdrossenheit soll Demokratieverdrossenheit werden.

    Es gilt, den liberalen Rechtsstaat als unfähig zu schmähen, um im Namen der "Heimattreuen" und "Anständigen" die Arbeitsweise demokratischer Institutionen herunterzuputzen. So verhöhnte Haider einst die Verfassungsrichter, und so schreit heute ein anderer "Politjustiz!", falls sich die Staatsanwaltschaft erdreistet, gegen die Umtriebe seiner Kumpane und Schützengehilfinnen zu ermitteln.

    Man kann nur hoffen, dass nach der ganzen Gaudi, die heuer wieder einmal "narrisch guat" war, nicht erst Österreichs langer Weg in den politischen Aschermittwoch beginnt.


    Foto

    Foto © Foto: KLZ Digital/Hoffmann

    Peter StrasserFoto © Foto: KLZ Digital/Hoffmann

    Fakten

    Peter Strasser, Jahrgang 1950, lehrt an der Universität Graz Philosophie.

    Publikationen: u. a. "Die ein- fachen Dinge des Lebens" (2009), "Was ist Glück?" (2011).

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