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Zuletzt aktualisiert: 09.02.2012 um 14:38 UhrKommentare

Strategie zur Verringerung von Schulabbrüchen gefordert

Jugendliche mit Migrationshintergrund leiden häufiger an Bildungsarmut. Die Folgen: Die Gefahr, arbeitslos zu werden, ist doppelt so hoch wie bei Jugendlichen mit Abschluss einer Lehre oder Matura.

Foto © APA

Jugendliche mit Migrationshintergrund sind in Österreich überproportional oft von Bildungsarmut betroffen: Sie verlassen das Schulsystem häufiger ohne weiterführenden Schulabschluss als Schüler mit österreichischen Eltern und fallen bei der Bildungsstudie PISA öfter in die Gruppe derer, die mit einfachsten Lese- und Rechenaufgaben Probleme haben. "Das ist ein soziales und bildungspolitisches und nicht ein migrantisches Problem", betonte Grünen Integrationssprecherin Alev Korun am Donnerstag bei einem Pressegespräch. Sie fordert von der Bundesregierung eine politische Strategie zur Verringerung der Zahl früher Schulabgänger.

An Sonderschulen überrepräsentiert

Die Gründe, die zum vorzeitigen Verlassen des Schulsystems führen, sind laut Mario Steiner vom Institut für Höhere Studien (IHS) vielfältig und reichen von Orientierungslosigkeit wegen mangelnder Berufsinformation bis zu schlechtem Selbstbewusstsein wegen Selektionserfahrungen (Sitzenbleiben, negative Noten). Steiner ortet in Österreich auch Probleme beim Schulsystem, das zu selektiv sei. So seien Jugendliche mit Migrationshintergrund an AHS, berufsbildenden Schulen und höheren Schulen unterrepräsentiert. An den Sonderschulen seien sie hingegen deutlich überrepräsentiert, und "wir wissen, dass es faktisch kein Zurück gibt aus der Sonderschule", so Korun.

Im europäischen Vergleich steht Österreich zwar beim Anteil der frühen Schulabbrecher (ESL) gut da: Nur 8,3 Prozent der 18- bis 24-Jährigen haben maximal Pflichtschulabschluss und befinden sich nicht mehr in Ausbildung, das EU-Ziel liegt bei zehn Prozent bis 2020. Doch der geringe Anteil "schmeichelt Österreich mehr, als es der Problemlage im Land geschuldet wäre", betonte Steiner. Die aus Steiners Sicht problematische Folge: Das Problem bekomme nicht die nötige Aufmerksamkeit. Ziehe man etwa die Risikoschüler bei PISA als Indikator heran, zeige sich mit 27,5 Prozent Risikoschülern ein ganz anderer Handlungsbedarf. "Bildungsarmut ist unter Jugendlichen auch in Österreich ein quantitatives Problem und dementsprechend groß ist der Handlungsdruck."

Dabei sei das Risiko zum frühzeitigen Bildungsabbrecher zu werden in Österreich stark sozial ungleich verteilt, wie Steiners Untersuchung Betroffener zwischen 15 und 24 Jahren zeigt. Sind die Eltern arbeitslos, ist das Risiko für Bildungsarmut dreimal so hoch wie wenn die Eltern beschäftigt sind. Haben die Eltern niedrige Bildung, sind die Kinder fünfmal so gefährdet die Schule frühzeitig zu verlassen wie bei Eltern mit hohem Bildungsabschluss. Für Migranten der ersten Generation (im Ausland geboren) ist die Gefahr der Bildungsarmut 6,5 Mal so hoch, für Jugendliche der zweiten Generation (in Österreich geboren) immer noch 4,5 Mal so hoch wie für Jugendliche mit österreichischen Eltern.

Die Folgen von Bildungsarmut: Die Gefahr, arbeitslos zu werden, ist doppelt so hoch wie bei Jugendlichen mit Abschluss der Sekundarstufe zwei (berufsbildende mittlere Schule, Lehre, Matura). Das Risiko, mehr als zwei Jahre mit Jobsuche zu verbringen bzw. nur Hilfstätigkeit auszuüben, ist vier Mal so hoch und jenes, gar nicht im Erwerbsleben zu landen (Frühpension, Karenz, ausschließliche Tätigkeit im Haushalt) fünf Mal so hoch wie für Maturanten und Co.

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Um die Zahl der frühen Schulabgänger zu verringern, müsse dieses Ziel "bei allen auf der politischen Agenda vorne stehen", betonte Steiner. "Aber ich sehe auf politischer Ebene nicht, dass das zu einer Priorität erklärt worden wäre", kritisiert Korun, auch wenn sie Maßnahmen wie das jüngst von der Regierung gestartete Projekt der Jugendcoaches lobt, bei dem Jugendliche im neunten Schuljahr bei ihrer Bildungs- und Berufsentscheidung unterstützt werden. Sie fordert Bildungs- und Berufsberatung für alle Jugendlichen und vor allem mehr Einzelfördermaßnahmen für jene, die bereits aus dem Schulsystem gefallen sind. Außerdem plädiert Korun für die Einführung einer gemeinsamen Schule der Sechs- bis 15-Jährigen, Abschaffung der Sonderschulen und die Einführung einer zweijährigen Kindergartenpflicht - und zwar für alle Kinder.


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