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    Zuletzt aktualisiert: 20.08.2011 um 22:02 UhrKommentare

    "Könnte mir vorstellen, den Beruf mit Familie zu leben"

    Pfarrer Helmut Schüller und die Pfarrer-Initiative haben zum Ungehorsam aufgerufen. Anders, sagt er, sind Reformen in der katholischen Kirche nicht durchzusetzen. Auf Konsequenzen ist er gefasst.

    Foto © APA

    Herr Pfarrer Schüller, Sie haben einen etwas unpopulär gewordenen katholischen Zentralbegriff wieder in die Debatte gebracht, den Gehorsam. Was bedeutet das Gelübde für Sie?

    SCHÜLLER: Ich habe meinen Gehorsam 1977 einer Kirche gelobt, die damals noch deutlich auf dem Weg der Erneuerung des II. Vatikanischen Konzils war. Wir hatten kein Problem mit dem Begriff, weil wir annahmen, es geht in diese Richtung weiter, wenn auch langsam.

    Damals war Kardinal König Ihr Bischof?

    SCHÜLLER: Ja, Kardinal König hat uns das stark signalisiert. Für uns war damit klar, Gehorsam ist das Mitwirken an diesem Kirchenaufbau - unter Führung der Bischöfe. Das hat sich stark verändert. Späteren Generationen von Priestern wurde ausdrücklich der Gehorsam gegenüber den Äußerungen des Lehramts zur Bedingung gemacht.

    Wird Gehorsam nicht erst schlagend, wenn es um Dinge geht, die einem nicht passen?

    SCHÜLLER: Für mich ist ein Punkt erreicht, wo es um bloßen Durchführungsgehorsam oder offenen Ungehorsam geht. Die Kirchenentwicklung läuft nicht mehr in dem Sinne, wie ich und viele Pfarrerkollegen es sehen.

    Deshalb der Protestaufruf zum Ungehorsam?

    SCHÜLLER: Viele haben geraten, macht einfach, was ihr für richtig haltet, still und leise. Ich halte es für unhygienisch, geduldet und still etwas zu tun, was im Widerspruch zu den offiziellen Vorgaben steht. Warum ist geduldeter Ungehorsam im Stillen in der Kirche kein Problem, sehr wohl aber offener Ungehorsam?

    Sind diese innerkirchlichen Streitthemen eine solche Frontalkollision wert?

    SCHÜLLER: Es wird immer wieder behauptet, wir würden Mickymaus-Themen präsentieren aus unserer kleinen Pfarrerswelt, es gebe viel größere. Unsere Forderungen hängen mit den großen Themen zusammen: die Stellung des Laien in der Kirche, die Stellung der Wiederverheirateten, die Ökumene, Mahlgemeinschaft, die Stellung der Frau in der Kirche. Letztlich alles Fragen der Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, die sich weiterentwickelt hat. Fragen der Auseinandersetzung mit der Moderne, heruntergebrochen auf die kleine Ebene der Gemeinden.

    Man wirft Ihnen vor, Sie wollten Strukturen aus der Zeit Kaiser Josephs II. erhalten.

    SCHÜLLER: Joseph II. könnte sich heute als Pastoraltheologe verkaufen lassen im Gegensatz zu vielen Bischöfen. Da kann ich wirklich emotionell werden. Es ist ja kein so kirchenferner Gedanke, Kirchen an die Menschen heranzurücken, Fußwege zu verkürzen, wie Joseph II. es getan hat.

    Die Menschen sind mobiler.

    SCHÜLLER: Das ist auch so ein schönes Schlagwort, interessanterweise ein Lieblingswort der Bischöfe: Mobilität. Die Leute fahren in den Supermarkt. Ich sage, das ist größtenteils unfreiwillige Mobilität.

    In der Freizeit fahren sie auch.

    SCHÜLLER: Ich könnte Sie an der Hand nehmen und Ihnen zeigen, wie die Leute hier sind. Wenn sie von ihrer Mobilität zurückkommen, sind sie an die Orte gebunden, suchen Netzwerke und Gemeinschaft. Aber sie kommen nicht mehr von selbst zu uns.

    Kardinal Schönborn spricht deshalb von "Mission first".

    SCHÜLLER: Wenn ich sage "Mission first" - jetzt haben wir ja mittlerweile Englisch in der Kirche -, dann müssen wir näher heranrücken an die Menschen.

    Nicht Großpfarren gründen?

    SCHÜLLER: Ja. Das Land wird auf die Kopfzahl der Pfarrer verteilt. Aber wieso fragen wir nicht, wie viele Gemeinden wir brauchen?

    Das Erzbistum rechnet Ihnen vor, dass heute auf jeden praktizierenden Katholiken mehr Priester kommen als je zuvor.

    SCHÜLLER: Ich muss schon ein bissl lächeln, wenn die Bischöfe so genau wissen wollen, wer wann den Glauben praktiziert: Der "praktizierende Katholik" ist da der jeden Sonntag in der Kirche sitzende. Nur, die Zahlen stimmen nicht. Meistens wird der Gottesdienstbesuch als Messzahl genommen. Der ist durch den geringeren Sozialdruck zurückgegangen. Noch mein Vorvorgänger hier hat in den Sechzigerjahren die Leute namentlich getadelt, die nicht in der Kirche waren.

    Das ist Gott sei Dank vorbei.

    SCHÜLLER: Jetzt, wo dieser Druck nachlässt, beginnt die Überzeugungsarbeit. Deswegen sollten wir möglichst viele Gemeinden haben.

    Folgt man der Debatte, hat man den Eindruck, der Zölibat wäre eine reine Zumutung. Empfinden Sie ihn so?

    SCHÜLLER: Ich habe mich daran gewöhnt. Aber ich muss ganz offen sagen, ich könnte mir auch vorstellen, den Beruf mit Familie zu leben. Er würde halt dann anders ausgeübt werden. Nicht weniger hingegeben, wie sofort vermutet wird, das hat damit gar nichts zu tun. Ich kenne eine ganze Reihe von zölibatären Kollegen, die meines Erachtens schreckliche Egoisten sind. Und ich kenne Gemeindemitglieder, die trotz und mit Familie mehr tun als mancher Pfarrer. Ich habe meinen Weg gefunden, aber ich möchte, dass sich das Kollegen von mir in Zukunft selbst auswählen können. Ich kenne eine Reihe von Priestern, für die das zu einem Drama geworden ist - für alle Beteiligten.

    Würden Sie sich für eine Familie entscheiden?

    SCHÜLLER: Man entscheidet sich für Ehe und Familie ja nicht abstrakt. Man findet jemanden, mit dem man das Leben teilen will, man kann das nicht prognostizieren, auch nicht rückwärts. Ich trete nur dafür ein, dass man dem Einzelnen die Wahl lässt.

    Ihr Aufruf zwingt den Kardinal, zu reagieren.

    SCHÜLLER: Zu handeln, ja, aber es bestehen mehrere Optionen für ihn.

    Welche?

    SCHÜLLER: Das hängt von seiner Einstellung zu den Anliegen ab. Er könnte es zum Anlass nehmen, zu sagen, ich stelle mich vor diese Anliegen.

    Das tut er aber nicht, weil es nicht seine Überzeugung ist.

    SCHÜLLER: Ja, aber man kann nicht sagen, er kann nicht anders. Er hat offenbar Gründe, es nicht anders zu tun. Das halte ich der Sauberkeit halber auseinander. Ich ahne, dass sich viele Bischöfe nicht hinter unsere Anliegen stellen werden wollen - ich kenne die kirchliche Realpolitik.

    Konzedieren Sie dem Kardinal, dass auch er das Beste will?

    SCHÜLLER: Natürlich, ja.

    Sie haben einfach eine andere Vorstellung davon, wie man das gleiche Ziel erreicht?

    SCHÜLLER: Ich sage nicht so schnell, wir wollen ohnedies alle dasselbe. Da müssen wir uns vorher fragen, meinen wir dasselbe Kirchenbild? Ich glaube aber auf jeden Fall, dass der Papst und Kardinal Schönborn wollen, dass Kirche Jesus Christus zu den Menschen trägt. Das bezweifle ich überhaupt nicht. Nur ist die Frage offen, wie diese Kirche aussehen soll. Und da können die Funken fliegen. Das, glaube ich, sollte zulässig sein.

    Wie soll es weitergehen?

    SCHÜLLER: Mir ist dieses Thema so wichtig, dass ich persönlich - und ich kann hier nicht für andere sprechen - allfälligen Konsequenzen ins Auge schaue. Wir vier vom Vorstand werden dem Kardinal persönlich antworten. Dem Inhalt nach kennt er die Antwort. Sollte er keinen gemeinsamen Weg sehen, muss ich das auch zur Kenntnis nehmen. Ich horch wirklich in mich hinein und ich bete. Ich hoffe nicht, dass ich den Eindruck erwecke, dass ich völlig erstarrt bin in mir.

    INTERVIEW: THOMAS GÖTZ


    Fakten

    Helmut Schüller, geb. 24. Dez. 1952 in Wien.

    Werdegang: 1977 Priesterweihe, 1981 Diözesanjugendseelsorger, 1988 Caritas-Direktor in Wien, 1991 auch Österreich-Chef. 1995-1999 Generalvikar in Wien, Uni-Seelsorger und Pfarrer, 2006 Gründung der Pfarrer-Initiative.

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