Frust in Gaza trotz Blockade-Lockerung
Kein Job, kein Geld, keine Zukunft. Immer mehr junge Menschen im Gazastreifen nehmen sich das Leben. Die von Israel unter massivem internationalen Druck angekündigten Lockerungen im Warenverkehr werden die Misere von 1,5 Millionen Palästinensern nicht beheben.

Foto © APAMehr Güter kommen nun in Gaza an
Wie sich Krise auf den Gemütszustand der Einwohner auswirkt, erklärt Fadel Abu Hein, Direktor eines Gesundheitszentrums in Gaza: "35 bis 40 Prozent der Menschen leiden unter Depressionen und Angstzuständen". Mehr als hunderttausend Menschen hätten ihre Arbeit verloren. Eine Folge von Ärger und Frustration sei die Zunahme von häuslicher Gewalt. Andere Männer flüchteten sich in Religion oder Isolation.
"Der Tod ist besser als das Leben", sei eine gängige Redewendung im Gazastreifen. Die Zahl der Selbsttötungen habe sich verfünffacht - und dies vor allem in der Gruppe der 17- bis 25-Jährigen, sagt Fadel Abu Hein. "Die jungen Leute stehen unter Stress. 'Geh los und suche dir Arbeit', heißt es zu Hause. Es ist aber nicht einfach, einen Job zu finden. Sie können überhaupt nichts finden, worauf sie ihr Leben aufbauen können."
Abu Ahmed ist verbittert. 1,5 Millionen Schekel (316.000 Euro) Umsatz hat der 70 Jahre alte Möbelunternehmer noch im Mai 2007 gemacht. Das war vor Beginn der israelischen Blockade. "In mein Geschäft verirrt sich heute kein Kunde mehr. Meinen letzten Schreibtisch habe ich vor drei Monaten verkauft (...) Von meinen 52 Angestellten ist noch der Tee-Bursche geblieben. Ich werde wahnsinnig", sagt der Vater von drei Kindern. Hat er noch Hoffnung? "Keine Hoffnung", kommt es wie aus der Pistole geschossen.
Kein Ketchup
"Wir brauchen Rohmaterialien, wir brauchen Baustoffe und nicht mehr Ketchup und mehr Mayonnaise", klagt der verhinderte Unternehmer. Die Wirtschaft müsse wieder in Gang kommen, Jobs seien notwendig, damit die Leute kaufen können - beispielsweise seine Möbel. Und teilt man Abu Ahmeds Pessimismus, dann wird die von Israel avisierte Lockerung der Blockade keinen Schub auslösen.
Die israelische Regierung von Premier Benjamin Netanyahu hat jetzt zwar ihre Absicht erklärt, mehr als die bisher 114 Waren in den Gazastreifen durchzulassen. Es fehlt aber noch eine Liste mit den künftig wieder gestatteten Gütern. Allein ein Trend zeichnet sich ab: Danach könnten künftig Materialien für zivile Projekte die Grenze passieren, falls diese unter Aufsicht von bestimmten international anerkannten Hilfsorganisationen wie dem UNO-Hilfswerk UNRWA stehen. Mit Rohren könnte beispielsweise das völlig marode Wasser- und Abwassersystem repariert werden. Die zweite Gruppe umfasst Dinge des täglichen Lebens wie Nahrungsmittel, Gewürze, Haushaltswaren, Schreibsachen und Spielzeug.
"Diese Ankündigung macht deutlich, dass Israel nicht die Absicht hat, die kollektive Bestrafung der Zivilbevölkerung im Gazastreifen zu beenden, sondern nur zu mildern", kritisiert die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Restriktionen bei der Einfuhr von Rohmaterialien, ein fast vollständiges Exportverbot und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Menschen hätten die Wirtschaft in dem palästinensischen Gebiet zerstört und die Menschen in Arbeitslosigkeit, Armut und Abhängigkeit von Hilfsorganisationen gestürzt. "Diese Probleme werden nicht gelöst, wenn die Blockade weitergeht", schreibt Amnesty International.
Hamas-Regierung
Die im Gazastreifen herrschende Hamas-Organisation trägt ein gerüttelt Maß Mitschuld an der Misere. Israel hat die Abriegelung unter anderem mit dem jahrelangen Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen und der Entführung des Soldaten Gilad Shalit begründet. Den Hamas-Funktionär Ahmed Youssef lässt das kalt. Er stellt Forderungen: "In Gaza fehlen insgesamt 7000 Artikel, die die Menschen brauchen. Die Ankündigung (Israels) ist deshalb nur ein Weg, die Welt hinters Licht zu führen, dass Israel die Sanktionen lockern wird. Notwendig ist, dass die Blockade ganz aufgehoben und die Grenze zu Ägypten geöffnet wird. Wir müssen keine Geschäfte mit Israel machen."













