Nicht alles wurde zu Gold
Als Kreiskys größter politischer Rückschlag gilt die Abstimmung gegen das Atomkraftwerk in Zwentendorf, das im Jahr 1978 mit knappen 50,5 Prozent abgelehnt wurde. Auch seine Fehde mit Simon Wiesenthal ging unrühmlich in die Geschichte ein.

Foto © APABruno Kreisky mit seinem Nachfolger als Kanzler Fred Sinowatz
Auch bald 30 Jahre nach dem Ende der Kreisky-Ära neigt die Rückschau zur Verklärung. Doch nicht alles, was der Bruno Kreisky, den Thomas Bernhard einmal als "Höhensonnenkönig" schmähte, politisch angriff, wurde zu Gold. Als Kreiskys größter politischer Rückschlag gilt die Abstimmung gegen das Atomkraftwerk in Zwentendorf, das im Jahr 1978 mit knappen 50,5 Prozent abgelehnt wurde.
Wiewohl er zuvor für diesen Fall seinen Rücktritt angedroht hatte, schaffte es Kreisky, seine Partei hinter sich zu sammeln und sogar gestärkt aus der Niederlage hervorzugehen. Ein herber Schlag war auch der Kärntner Ortstafelsturm 1972, nach dem Kreisky die Aufstellung von zweisprachigen Ortstafeln in 205 Kärntner Ortschaften mit zumindest 20 Prozent Anteil slowenischsprachiger Bevölkerung stoppen musste. Laut Volksgruppengesetz und Topographieverordnung wurden es schließlich 25 Prozent und 91 Tafeln, die allerdings nie gänzlich aufgestellt wurden - die Rechtsgrundlagen hat der VfGH in den 2000er-Jahren teilweise aufgehoben.
Als unrühmliches Kapitel in Bruno Kreiskys Biografie gilt die erbitterte Fehde mit Simon Wiesenthal. Der "Nazi-Jäger" und Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums hielt Kreisky die SS-Vergangenheit des damaligen FPÖ-Obmannes Friedrich Peter vor, der politisch ein gutes Verhältnis zu Kreisky aufgebaut und dessen Minderheitsregierung unterstützt hatte. Kreisky konterte mit der Unterstellung, Wiesenthal selbst sei ein Nazi-Kollaborateur gewesen, und wurde Jahre später für diese Behauptung letztendlich zu einer Geldstrafe verurteilt.
Mehrere Mitglieder des ersten Kreisky-Kabinetts waren ehemalige Nazis gewesen, was angesichts Kreiskys jüdischer Herkunft heute unverständlich anmutet. Kreisky indes hatte im Ständestaat ein Jahr in Haft verbracht und dort so manchen "Illegalen" als Leidensgenossen kennengelernt, schildern Wegbegleiter und Biografen. Als wahre Feinde habe er die Austrofaschisten betrachtet, so die Interpretation. Sein Verhältnis zum Judentum wird als äußerst differenziert beschrieben: In diesem sah der assimilierte, bürgerliche Jude eine Religionsgemeinschaft, die der Holocaust zu einer Schicksalsgemeinschaft gemacht habe; zionistische Strömungen lehnte er ab.
Die Kreisky-Ära, das war auch sein zermürbender, Jahre andauernder Konflikt mit Hannes Androsch, der einst als "Kronprinz" galt und von dem er sich schließlich tief enttäuscht abwendete; das waren Skandale und Skandälchen, die Ende der 70er Jahre die rote Republik zu erschüttern begannen; und sie endete mit Verbitterung, die Kreiskys Verhältnis zur eigenen Partei in den späten Jahren störte. Kreisky, der eigentlich "kein Adenauer" werden wollte, zog 1983 schwer krank in den Wahlkampf, stelle sein Schicksal zur Abstimmung, verlor - und hatte seine Nachfolge nicht geregelt.
Als er von der politischen Bühne abtrat, erreichte gerade eine Generation das Jugendalter, die nie einen anderen Bundeskanzler gekannt hatte: Die vor einigen Jahren viel strapazierte Generation "Wickie, Slime und Paiper" hätte eigentlich "Generation Kreisky" heißen müssen. Und sie musste sich an das Ende einer Ära gewöhnen. "Sie schauen zu ihm auf wie zu Vater, Kaiser und Gott zugleich", höhnte Wiesenthal einmal über die Österreicher, und so manche schauen noch heute gerne zurück in eine Zeit, die mit hohem Reformtempo begann und dann doch in gemütlicher österreichischer Enge endete.









