Wenn Zensur nicht mehr funktioniert
Angesichts der anhaltenden Massenproteste hat die Regierung in Teheran die unabhängige Berichterstattung aus dem Iran stark eingeschränkt - doch Zensur ist im Internet-Zeitalter ungleich schwieriger durchzusetzen.

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Bilder, Videos und Berichte gelangten
trotz aller Restriktionen an die Öffentlichkeit. Vor allem soziale
Netzwerke wie Flickr, Twitter oder auch Facebook wurden zur
Veröffentlichung genutzt, Augenzeugenberichte wurden per E-Mail
verschickt, Videos bei YouTube eingestellt.
Ausländische Medien und deren iranischen Angestellte dürfen seit
Dienstag nicht mehr aus den Straßen Teherans berichten, sondern
können de facto nur noch aus dem Büro arbeiten und zum Beispiel
Telefoninterviews führen. Die Massenproteste im ganzen Land nach der
umstrittenen Präsidentenwahl vom Freitag sollen offenbar ohne Zeugen
stattfinden. Doch der Nachrichtensender CNN beispielsweise machte aus
der Not eine Tugend. Der Sender zeigte Bilder, die von Iranern über
Facebook und Twitter ins Netz gestellt wurden.
Fakten
Twitter selbst verschob angesichts der Ereignisse im Iran für den Montagabend geplante Wartungsarbeiten.
"Kreativität". Angesichts der Regierungsauflagen müsse man "Kreativität" walten lassen, erklärte CNN. Der Sender betonte allerdings auch, dass eine unabhängige Überprüfung des Materials oft nicht möglich ist, da die Beiträge anonym gepostet werden. CNN-Reporterin Christiane Amanpour rief unterdessen in ihrem Facebook-Account dazu auf, Video-Beiträge aus dem Iran direkt nach London zu schicken. Zudem appellierte sie an Twitter-Nutzer in anderen Ländern, ihre Einstellungen so zu ändern, dass sie als iranische Nutzer wahrgenommen werden. Damit soll es den Behörden schwieriger gemacht werden, Iraner herauszufiltern und zu verfolgen.
Kritik
Auch zahlreiche internationale Sender, darunter ARD und ZDF, beklagten Einschränkungen durch die iranischen Behörden.
Gegen inländische Blogger und Journalisten geht die Regierung laut
Reporter ohne Grenzen (ROG) bereits drastisch vor. Mindestens zehn
Journalisten seien jüngst festgenommen worden. "Wir sind sehr
besorgt", sagte ROG-Generalsekretär Jean-Francois Julliard. Auch
Demonstranten, die mit Mobiltelefonen Fotos machten, wurden
festgenommen, wie ROG und Augenzeugen im Iran erklärten.
Von den strengen Auflagen der Regierung waren auch die
internationalen Nachrichtenagenturen betroffen. Die Berichterstattung
sei ohne die Möglichkeit, vor Ort Bilder und Videos aufnehmen zu
können, stark eingeschränkt, erklärte AP-Chefredakteurin Kathleen
Carroll. Die in London ansässige Nachrichtenagentur Reuters versah
alle ihre Texte mit einem Redaktionshinweis, der auf die strikten
Auflagen der Regierung hinwies.
Hürden.
Die Behörden in Teheran geben sich alle Mühe, die Kommunikation zu
erschweren: Das Mobilfunknetz wird immer wieder abgeschaltet,
SMS-Mitteilungen können gar nicht mehr verschickt werden und auch
zahlreiche Internetseiten sind nur noch schwer oder über Umwege zu
erreichen. Doch Nachrichten und Bilder gelangen weiter nach draußen.
Wie viele Menschen die Nachrichten jedoch im Iran verfolgen konnten,
blieb unklar - selbst in normalen Zeiten hat nur etwa ein Viertel der
gut 70 Millionen Iraner Zugang zum Internet. Die Signale des
ansonsten beliebten Satellitenfernsehen wurden teils ebenfalls
gestört.
Aufmerksamkeit.
Um jegliche unerwünschte Kommunikation über das Internet zu
unterbinden, müsste die Regierung jedoch zu weit drastischeren
Maßnahmen greifen. Der Zugang müsste wie in Kuba und Nordkorea
komplett gesperrt werden, sagt ein Experte für Internet-Zensur an der
Universität Harvard, John Palfrey.
Das Internet garantiert im Iran auch weiterhin eine schützende
internationale Aufmerksamkeit, selbst wenn die Berichte aus dem Land
unter dem faktischen Arbeitsverbot für ausländische Medien leiden.
"Es ist sicher: Die internationale Aufmerksamkeit macht es
schwieriger, Dinge einfach unter den Teppich zu kehren", sagt Ethan
Zuckermann vom Zentrum Berkman für Internet und Gesellschaft an der
Universität Harvard. Die Proteste der Anhänger des nach offizieller
Lesart bei der Wahl unterlegenen Kandidaten Mir-Hossein Moussavi
werden weitergehen. Und das Internet wird sie in die Welt tragen.
Features
Fakten
Während das iranische Regime versucht, Informationen
über die Proteste nach der Präsidentenwahl zu unterdrücken, haben
sich Internet-User aus aller Welt in einem Forum zusammengeschlossen,
um dies zu verhindern. "
Wir hoffen, dass die Zusammenarbeit, die hier
ermöglicht wird, der Weiterverbreitung von Informationen über die
innenpolitischen Vorgänge im Iran dient", heißt es auf der Homepage
von
whyweprotest.net
Foto

Iranischer User versucht, sich auf Facebook einzuloggen: "Sperre erfordert Kreativität"Foto © Reuters
Iranischer User versucht, sich auf Facebook einzuloggen: "Sperre erfordert Kreativität"Grafik © Reuters
Fakten
Unterdessen erreichten die APA E-Mails von Privatpersonen zur Lage
im Iran, die zwar nicht nachprüfbar sind, aufgrund ähnlicher anderer
Berichte aber durchaus glaubwürdig erscheinen.
So schrieb ein
Österreicher, dessen Frau aus Teheran stammt , er habe per Telefon
erfahren, dass der "Zahnarzt meiner Schwägerin, ein gewisser Herr Dr.
Jozani, im Stadtteil Saadatabad von Milizen zu Tode geprügelt" worden
sei.














