Iran-Wahl - Keine SMS am Tag der Entscheidung
Vor allem Herausforderer Moussavi nutzte Internet und Handy für die Mobilisierung der Jugend

Foto © APInternet und SMS-Dienste sind im Iran die wichtigsten Wahlwerkzeuge.
Am Wahltag ging im Iran nichts mehr per SMS. Der
Handy-Textdienst, neben dem Internet das wichtigste
Kommunikationsmittel vor allem junger Anhänger des Reformkandidaten
Mir-Hossein Moussavi, funktionierte am Freitag nicht. Moussavi warf
der staatseigenen Telekommunikationsgesellschaft vor, rechtswidrig
den Dienst zu blockieren. "Wir sollten uns nicht vor dem freien
Austausch von Informationen fürchten", mahnte er nach der Stimmabgabe
auf seiner Webseite.
Ausfall.
Ein Sprecher des Fernmeldeministeriums bestätigte einen Ausfall
des Kurznachrichtendiensts bereits seit Mittwochabend. "Wir gehen der
Sache nach", erklärte er ohne nähere Erläuterung.
Werkzeug Internet.
Internet und Mobilfunk sind in diesem Wahlkampf wie nie zuvor zum
Werkzeug geworden, das vor allem Moussavis Mannschaft nutzt. Es
verwandelte den 67-Jährigen, der in den 80er Jahren einmal
Ministerpräsident war und danach in der Versenkung verschwand, zum
Polit-Star mit Siegeschancen gegen Präsident Mahmoud Ahmadinejad.
Videos und Blogs.
"Moussavi war 20 Jahre lang nicht in den Medien und hatte kein
öffentliches Amt", erklärt Said Shariati, der seinen
Internet-Wahlkampf leitete. "Wir mussten ihn der jungen Generation
erst präsentieren." Dazu stellten sie Videos und Blogs sowie eine
Biografie Moussavis vor und nach der Islamischen Revolution 1979 ins
Netz, alles unterlegt in Grün - der Farbe des Propheten und
Erkennungsfarbe des Kandidaten. Moussavis "grüne Bewegung" bedient
sich gängiger Plattformen wie Facebook, Flickr oder Twitter.
110 Millionen SMS.
Die Zahl der SMS-Botschaften ist nach Angaben des Netzbetreibers
seit Beginn des Wahlkampfs vor drei Wochen auf 110 Millionen am Tag
gestiegen - das ist doppelt so viel wie vor der letzten Wahl 2005.
Alle vier Kandidaten benutzten den Textdienst, doch Moussavis
Mannschaft am intensivsten, erklärt der Teheraner
Kommunikationswissenschaftler Wahid Aghili. "Es ist populär bei den
jungen Leuten, an die er sich wendet. Das gleiche gilt für Blogs und
Webseiten." Die Reaktion überrascht selbst den Web-Kampagnen-Chef
Shariati: "Wir hätten uns nicht vorstellen können, dass das so
erfolgreich wird."
Medienschlacht.
Der Erfolg der Kampagne spiegelt den "islamischen Baby-Boom"
wider: Die Millionen junger Leute, die nach der Revolution 1979
geboren wurden, machen rund ein Drittel der 46 Millionen
Stimmberechtigten aus. Der Wahlkampf läutete aber auch eine neue
Runde der Medienschlacht mit den Regierenden ein. Die herrschenden
Mullahs können reformorientierte Zeitungen leicht zum Schweigen
bringen, doch mit dem Internet tun sie sich schwer. Hacker finden
rasch Wege, blockierte Adressen zu umgehen.
Einflussreich.
Blogs und soziale Netzwerke haben so viel Einfluss gewonnen, das
dass Establishment hart zurückschlägt. Um Moussavi auszubremsen,
wurde vorigen Monat Facebook vorübergehend gesperrt. Mehrere bekannte
Blogger wurden trotz internationaler Proteste gegen die Beschneidung
der Pressefreiheit festgenommen. Zwar bekam die Moussavi-freundliche
Zeitung "Kalemeh Sabs" (Grünes Wort) noch rechtzeitig zum Wahlkampf
eine Lizenz, doch "Jas-e-No" (Neuer Jasmin), eines der führenden
reformorientierten Blätter, wurde Anfang der Woche geschlossen. Am
Donnerstag wurde eine Webseite mit Moussavi-Videos gesperrt.
Rückhalt.
Im Vergleich zur Internet-Kampagne des Herausforderers wirkte
Ahmadinejads Wahlkampf altbacken. Er nutzte zwar auch das Netz,
verließ sich aber weitgehend auf die ausführliche Berichterstattung
im staatlichen Fernsehen, im Radio und in regierungsfrommen
Zeitungen. Zudem hat der Amtsinhaber Rückhalt in den meisten
Moscheen, wo die Vorbeter sein Loblied singen. Denn das könnte sich
letztlich immer noch als die erfolgreichere Kombination erweisen.













