Claudia Haider auf der Suche nach einem neuen Leben
"Er war wie ein Ozean, wo die Welle über dich schlägt." Sie trauert und gibt Halt. Und sie sagt allen, dass nicht nur der Kärntner Landeshauptmann, sondern auch dessen Frau begraben worden ist. Claudia Haider im Exklusiv-Interview mit der Kleinen Zeitung.

Foto © ReutersClaudia Haider
Kisten mit Kondolenzschreiben.
In ihrem Einfamilienhaus in der Lemischgasse in Klagenfurt stehen Kisten mit Kondolenzschreiben, auf den Regalen Fotos von Jörg Haider vor brennenden Kerzen, die sie aufgestellt hat. In den Kisten rund tausend Schreiben betroffener Bürger, die Claudia Haider ihr Mitgefühl ausdrücken. Manche kennt sie, viele hat sie nie gesehen.
Briefe werden persönlich beantwortet.
Zwei Stunden lang hat sie an diesem Tag Briefe geschrieben. Sie hat sich vorgenommen, jeden einzelnen persönlich zu beantworten. Claudia Haider, der Fels in Jörg Haiders rastlosem Leben, hat immer feine Sensoren für Zwischentöne und Menschen gehabt. "Da hat ja jeder ", sagt sie, "ein Stück von sich gegeben, ein Billet gekauft, eine Marke, ist auf die Post gegangen." Fast resolut fügt sie hinzu: "Es ist auch ein Teil meiner Trauerbewältigung."
Sie kennt die Trauerphasen, die Phase, in der Trauernde von Gefühlen überschwemmt werden. "Wenn ich in der Früh aufwache, habe ich das Gefühl, dass ein Ozean vor mir liegt, in dem mich immer wieder eine Welle erwischt. Zwischendurch entstehen Inseln. Das ist der Frieden, bis dann wieder eine Welle kommt und mich mitreißt."
Trauer zulassen.
Beim Abendessen am Vortag hat sie eine solche Insel erlebt und zu ihren Kindern gesagt: "Das ist jetzt der reine Frieden." Tage zuvor hat sie andere Gefühle durchlebt. Sie ist mit ihrer Familie an den Faakersee gefahren. Als der Koffer im Zimmer stand, hat sie zu weinen begonnen. Der Anblick des Koffers hat eine jener Wellen ausgelöst, die derzeit über sie hereinbrechen. "Man muss auch", sagt sie mit tonloser Stimme, "Schmerz und Trauer zulassen. Natürlich kann den Koffer jeder tragen, aber ich habe eine Stunde geweint, weil mir bewusst wurde: nie, nie mehr, wird er da sein." Über die Belastung, dass ihr Mann noch immer nicht bestattet wurde, will sie nicht sprechen. Auch nicht über die Gerüchte, dass es eine zweite Blutuntersuchung geben soll.
Abendessen mit Mitarbeitern.
Aktiv und bewusst arbeitet sie seit Wochen an ihrer Trauer. Zum Abendessen hat sie an diesem Tag Mitarbeiter ihres Mannes eingeladen. Da werden persönliche Erlebnisse erzählt, Kerzen angezündet. Und sie gibt allen eine, wie sie sagt, "tief empfundene Botschaft" mit: "Wenn jemand von uns gegangen ist, der uns nahe gestanden ist, hinterlässt das ein riesiges Loch, aber die Lebensfreude ist nicht mit ihm gestorben, sondern die steht als Auftrag in unserem Leben noch manifester da. Und an dieser muss man ganz bewusst arbeiten." Sie schluckt und sagt: "Das ist schwer, weil du niemandem mehr hast, mit dem du sie teilen kannst."
Neues Leben.
Fast schonungslos versucht sie auch sich selbst und allen anderen klar zu machen, dass nun ein neues Leben für sie beginnen muss. "Sie müssen wissen", teilt sie in solchen Runden mit, "dass nicht nur der Landeshauptmann, sondern auch die Frau des Landeshauptmannes begraben worden ist." Da schlucken dann viele. Wie der Intendant des Stadttheaters, den sie vor Tagen mit der Bitte angerufen hat, zwei Premierenkarten zu besorgen. "Er hat", erzählt sie, "zu mir gesagt: Aber Sie können doch weiter die Loge benützen." Sie hat ihm auf ihre oft ein wenig rau klingende Art geantwortet: "Nein, diese Zeit ist vorbei."












