Ausländische Pressestimmen zu den Folgen von Haiders Tod
"Versuchung für die Erben" - "Bewährungsprobe für Pröll" - "Mehr Gewicht für Rabauken Strache"

Foto © AP
Mit den Auswirkungen des Todes des Kärntner
Landeshauptmanns und BZÖ-Chefs Jörg Haider auf die innenpolitische
Entwicklung und die Regierungsbildung in Österreich befassen sich am
Dienstag deutsche und schweizerische Blätter:
"Berliner Zeitung": "Es klingt würdigend, wenn man behauptet, Österreichs Politik sei
nach Jörg Haiders Tod nicht mehr dieselbe. Aber wahr ist es nicht.
Sein Tod ändert nicht viel. Darin liegt gerade sein Erfolg oder, wenn
man so will, seine Leistung. (...) In den mehr als zwanzig Jahren
seines Wirkens hat Haider das Tabu durchbrochen, das in Österreich
über der Erinnerung an den Nationalsozialismus lag. Mit einer feinen
Taktik aus ausdeutbaren Kommentaren, halben Rückzügen und neuerlichen
Vorstößen schaffte er es immer wieder, sich im Spiel zu halten.
Haiders BZÖ dürfte den Tod ihres Gründers, Vordenkers und alleinigen
Kaderchefs kaum lange überleben. In Kärnten, seiner Domäne, stehen
schon im Frühjahr Landtagswahlen an. Einen Teil von Haiders Potenzial
dürften neben den noch radikaleren 'Freiheitlichen' auch die
sogenannten Altparteien erben. Aber auch ohne Haider wird Kärnten
gegen das starke Element einer radikalen Rechtspartei nicht zu
regieren sein - und ganz Österreich nur schwer. Darin liegt eine
Versuchung für die Erben, sich mit dem Gedankengut und den Methoden
des Verstorbenen zu befreunden. Seit dem Wochenende ist Österreichs
radikale Rechte nicht nur in den Salons, sondern auch auf dem
Ehrenfriedhof vertreten."
"Neue Zürcher Zeitung" (NZZ): "(Der designierte ÖVP-Obmann Josef) Pröll wird sich die
Unterstützung für seinen Kurswechsel im ÖVP-Vorstand hart erkämpfen
müssen. Dies wird eine erste entscheidende Machtprobe für den jungen
Thronfolger sein, nachdem er seinen Vorgänger Wilhelm Molterer
ausgebootet und den früheren Kanzler Wolfgang Schüssel neutralisiert
hat. Ein wichtiges Thema bleibt vorerst ausgeklammert, nämlich die
abrupte Wende in der sozialdemokratischen EU-Politik. (...) Die
Veränderung der politischen Landschaft nach dem plötzlichen Ableben
Jörg Haiders blieb zwar in Prölls Begründung unerwähnt, war aber mit
Sicherheit ein wichtiger Faktor bei der Eile, mit der er jetzt den
Brückenschlag zur SPÖ sucht. Seit Haiders Tod hat sich das Gewicht
des rechtsradikalen Rabauken Heinz-Christian Strache und seiner FPÖ
beträchtlich vergrößert. Strache ist jetzt die dominierende Figur des
rechten Lagers. Dem Jünger, Imitator und Nachfolger Haiders ist ohne
eigenes Zutun eine beträchtliche Macht-, ja eine Monopolstellung
zugefallen. Sollten manche in der ÖVP mit einem Mitte-Rechts-Bündnis
als Alternative zur Neuauflage der Großen Koalition geliebäugelt
haben, so ist diese Option jetzt de facto vom Tisch."
"die tageszeitung" (taz) (Berlin): "Eine Rechtskoalition wird durch Haiders Tod unwahrscheinlicher.
Die plötzliche Bereitschaft Prölls, sein taktisches Kokettieren mit
einer Dreierkoalition ÖVP-FPÖ-BZÖ zu beenden, dürfte einerseits der
großen Finanzkrise, anderseits dem Ableben Haiders zuzuschreiben
sein. Außerhalb Kärntens erwartet kaum jemand, dass die One-Man-Show
BZÖ ohne ihren Schöpfer auf Dauer ein politischer Faktor bleibt.
FPÖ-Chef Strache machte bereits unmissverständliche Angebote an die
21 Abgeordneten der Haider-Partei. Dagegen verwahrt sich der neue
BZÖ-Chef Petzner. Der 27-jährige Haider-Intimus ist der jüngste jener
Knaben-Groupies, mit denen sich der Landeshauptmann immer umgeben
hatte. Wer ihm gefiel und durch bedingungslose Treue auffiel, wurde
schon in jungen Jahren mit wichtigen Ämtern überhäuft, wie der
spätere Finanzminister Karl-Heinz Grasser und der zeitweilige
Fraktionsvorsitzende Peter Westenthaler."
"Abendzeitung" (München): "Die Frage ist allerdings, ob Petzner, der gerade seine
Diplomarbeit über Udo Jürgens schreibt, genug Strahlkraft hat, um
Haiders Partei am Leben zu halten. Doch die FPÖ lockt. Bisher gibt es
in Österreich zwei rechte Parteien mit einem ähnlichen Programm und
nur einem großen Unterschied: Jörg Haider. (...) Das ist nun anders,
und FPÖ-Chef Strache wirbt offensiv um die BZÖ-Leute: 'Ich bin der
wahre Erbe des Dritten Lagers.' Das BZÖ habe nur aus der Person
Haider bestanden. Die ersten FPÖ-Abgesandten sind bereits bei
desorientierten BZÖ-Funktionären vorstellig geworden. Auch die ÖVP
denkt schon an 'Rückholaktionen', wie man frühere Anhänger aus dem
konservativen Lager, die man wegen Haider verloren hat,
wiedergewinnen kann. Ob der junge Petzner diesen Fliehkräften
entgegenwirken kann, muss er noch beweisen."











