Nach dem EU-Jubel ist vor dem Euro-Jammer
Die Lösung der Eurokrise erfordert weiter Geduld.
Viel Zeit zum Jubeln hatten die Spitzenpolitiker der Eurozone nicht, seit das Komitee in Oslo das europäische Einigungsprojekt mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet hat. Ab Donnerstag schon sitzen die Staats- und Regierungschefs wieder bei einem der regelmäßigen Gipfel in Brüssel beisammen, da wird es nichts zum Jubeln geben. Wie sich bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds in Tokio gezeigt hat, sind die Debatten zur Schuldenkrise und zur Wirtschaftsflaute in der Eurozone erneut in vollem Gang. Sie werden der Öffentlichkeit wieder das Bild des Zauderns und der Uneinigkeit vermitteln, welches sie schon zu lange hat.
Dabei sollte sich eigentlich längst die Erkenntnis durchgesetzt haben, dass eine solche Krise, für die es in noch keine Vorbilder und Erfahrungen gibt, nicht rasch und mit einem Schlag zu lösen ist. Doch diesem Hinweis praktisch aller Fachleute steht die Ungeduld einer Öffentlichkeit entgegen, welche nicht verstehen kann, dass keiner den Schalter findet, mit dem sich die Krise beenden lässt.
In diesem Umfeld muss beispielsweise untergehen, dass die Euro-Spitzen den Hilfsfonds ESM in weniger als zwei Jahren auf die Füße gestellt haben. Für eine der drei größten Finanzinstitutionen der Welt ist das ein durchaus rekordverdächtiges Tempo. Aber auch der ESM ist nicht der ersehnte Schalter, der dem Spuk ein Ende bereitet.
Das Wichtigste ist, dass die Krise eben nicht ein abstrakter Vorgang irgendwo in Politikerbüros oder auf fernen Finanzmärkten ist, sondern Millionen europäischer Bürger tiefe existenzielle Einschnitte beschert. Die Angst der Menschen steigt mit der Wahrscheinlichkeit, selber davon erfasst zu werden.
Eben weil es so eine Krise noch nie gegeben hat, gibt es aber auch so einen Ausschalter nicht, den sich manche wünschen, damit der Spuk endlich ein Ende hat. Die Politiker, Notenbanker und Finanzexperten müssen viele, höchst unterschiedliche Felder bearbeiten, um der Lösung der Krise näher zu kommen. Das geht nicht schnell, es erfordert manchmal Umweg, auch Rückschläge. Und sogar Fehler sind nicht ausgeschlossen.
Der Gipfel in der zweiten Wochenhälfte wird deshalb nicht die Lösung der Krise bringen. Aber wenn die Akteure klug und kompromissbereit sind, wird er wichtige Zwischenschritte für einen großen Schritt beim nächsten Gipfel im Dezember setzen. Geduld und Augenmaß sind - auch wenn es schwerfällt - jedenfalls weiter die wichtigen Werkzeuge in dieser Krise.
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