Springe zu: Inhalt | Hauptnavigation | Seitenleiste | Fußzeile
22. Mai 2013 11:44 Uhr | Als Startseite
Neu registrieren
Weitere 7,5 Milliarden Euro für Griechenland Griechenland wird kräftig hochgestuft Voriger Artikel Aktuelle Artikel: Griechenland in der Krise Nächster Artikel Weitere 7,5 Milliarden Euro für Griechenland Griechenland wird kräftig hochgestuft
Zuletzt aktualisiert: 21.02.2012 um 20:26 UhrKommentare

Tausende müssen im Müll nach Nahrung suchen

Im Jahr drei der großen Krise sind die Griechen ein gedemütigtes, verzagtes Volk. Von den EU-Hilfsmilliarden kommt bei den meisten kein Euro an. Ein ganzes Volk verarmt - und resigniert.

Foto © Reuters

Es ist noch früh am Morgen, aber die Schlange ist schon lang vor der Geschäftsstelle der staatlichen griechischen Elektrizitätswerke DEI im Athener Vorort Ano Glyfada. Ungeduldig warten die Menschen darauf, dass die Schalter öffnen. Die meisten haben ihre Stromrechnung in der Hand. Wie Vyron Nikolopoulos. "Ich bin ein Opfer der Krise", sagt der 72-jährige Rentner. Das sind die meisten Menschen, die an diesem regnerischen Februarmorgen vor dem DEI-Büro anstehen. Sie könnten ihre Stromrechnung auch bei der Bank oder auf einem Postamt bezahlen. Aber sie haben nicht genug Geld. Deshalb stehen sie hier an. Sie wollen über einen Nachlass verhandeln. Oder einen Zahlungsaufschub.

825 Euro Pension bekam Nikolopoulos vor der Krise. Jetzt sind es wegen der Rentenkürzungen nur noch 715 Euro. "Hier, sehen Sie", sagt der alte Mann und zeigt mit zitternder Hand die Stromrechnung vor: 326 Euro. Davon gehen 240 Euro auf das Konto der Immobilien-Sondersteuer, mit der Finanzminister Evangelos Venizelos Haushaltslöcher zu stopfen versucht. 480 Euro soll Nikolopoulos für die 60 Quadratmeter große Eigentumswohnung bezahlen, die er mit seiner 71-jährigen Frau bewohnt. Die Steuer wird mit der Stromrechnung eingezogen. Im Dezember kam die erste Rate, jetzt die zweite. Wer nicht zahlt, dem lässt der Finanzminister den Strom abdrehen. "Ich weiß nicht, wo ich das Geld auftreiben soll", sagt der Rentner. 150 Euro hat er mitgebracht, die will er wenigstens anzahlen.

Die Griechen im Jahr drei der Krise: Ein gedemütigtes, verzagtes Volk, zermürbt von immer neuen Hiobsbotschaften, enttäuscht, weil sich Hoffnungen, die man kaum zu hegen wagte, in den vergangenen Monaten immer wieder zerschlagen haben.

Um fast sieben Prozent ist die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr eingebrochen, in diesem Jahr dürfte sich der Absturz ähnlich steil fortsetzen. Weil die Wirtschaft schrumpft, steigen Defizit- und Schuldenquoten.

Schon jeder Fünfte ohne Job

Auch die 74-jährige Evanthia Zigouli steht an diesem nasskalten Morgen vor der DEI-Geschäftsstelle an, um über einen Zahlungsaufschub für die Stromrechnung zu bitten. "Machen wir uns nichts vor, Griechenland ist pleite", sagt sie. "Und bei uns kommt von den Hilfsgeldern kein einziger Euro an." Die Frau, die für ihre Familie fünf Jahrzehnte lang den Haushalt geführt hat, bekommt monatlich 490 Euro Witwenrente - 60 Euro weniger als vor der Krise. Bisher hat ihr Sohn sie finanziell unterstützt. "Aber seit vier Wochen ist er arbeitslos, der weiß jetzt nicht einmal, wie er seine Frau und seine beiden Kinder durchbringen soll", sagt Zigouli.

Fast jede griechische Familie ist von der Arbeitslosigkeit unmittelbar betroffen. Mehr als jeder fünfte Grieche ist bereits ohne Job, unter den Jugendlichen sogar jeder zweite. Im November stieg die Arbeitslosenzahl erstmals in der jüngeren Geschichte des Landes über die magische Schwelle von einer Million. Nur etwa jeder dritte von ihnen bekommt Arbeitslosengeld.

Zu den Bedingungen, die an die neuen Hilfskredite geknüpft sind, gehört auch die Senkung des Mindestlohnes. Er wird jetzt von 751 auf 586 Euro zurückgenommen. Für bis zu 25-Jährige sinkt er sogar auf 511 Euro. Per Gesetz werden alle Löhne und Gehälter so lange auf dem gegenwärtigen Niveau eingefroren, bis die Arbeitslosenquote unter zehn Prozent sinkt. Experten sagen: Das kann ein Jahrzehnt dauern. Und weil die Arbeitslosenhilfe an den Mindestlohn gekoppelt ist, sinkt sie von 461 auf 360 Euro. Sie wird maximal ein Jahr lang gezahlt. Danach ist Schluss. Eine Sozialhilfe oder Grundsicherung gibt es in Griechenland nicht.

Knapp 28 Prozent der 18- bis 64-Jährigen leben an der oder unter der Armutsgrenze. Was das bedeutet, ist auf den Straßen Athens zu besichtigen. Immer öfter sieht man Menschen, die in Mülltonnen nach Verwertbarem wühlen oder abends, wenn die Supermärkte schließen, die Abfallbehälter vor den Geschäften nach Nahrung durchsuchen. Und in den Armenspeisungen der orthodoxen Kirche werden Tag für Tag 250.000 Menschen versorgt.

GERD HÖHLER, ATHEN

Im Schuldensumpf

Die dramatische Verschuldung brachte Griechenland seit dem Frühjahr 2010 immer wieder an den Rand eines Staatsbankrotts – und führte zu massiven Problemen in der Euro-Zone.

 

KLEINE.tv

Analyse: Neue Hilfe für Griechenland

Griechenland soll weitere 43,7 Milliarden Euro erhalten. Darauf haben si...Bewertet mit 3 Sternen

 

Bilderserien

Nächtliche Ausschreitungen in Athen 

Nächtliche Ausschreitungen in Athen

 




Seitenübersicht

Zum Seitenanfang