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Zuletzt aktualisiert: 17.01.2012 um 23:01 UhrKommentare

Die Geier kreisen schon über Hellas

Ein Land liegt am Boden: Die Chancen, dass Griechenland nicht pleite geht, stehen denkbar schlecht. Selbst Medikamente gibt es nur noch gegen Bargeld und Schüler müssen ohne Bücher lernen.

Foto © Reuters

Vielen Griechen graut es vor der Zukunft, ihre Gegenwart ist schon schlimm genug. Wer krank ist und Medikamente braucht, kann sich das Rezept sparen, er bekommt die Medizin ohnehin nur gegen Bares, weil die Krankenkassen ihre Schulden bei Apothekern seit Monaten nicht bezahlen.

Doch die Spirale setzt sich fort: Auch die Apotheker bekommen Medizin nur noch gegen Bargeld vom Großhandel, und der wiederum bekommt seine Waren von der Pharmaindustrie nur gegen Cash.

Die Athener Regierung muss Pensionen kürzen und Zehntausende Staatsbedienstete entlassen, Griechenlands Finanzminister steht bei Baufirmen und Lieferanten mit 6,6 Milliarden Euro in der Kreide, die Kinder müssen ohne Schulbücher lernen und in staatlichen Kliniken fehlt es sogar an Mullbinden. Dafür gibt es den Müll auf den Straßen reichlich, Schaufenster sind leer, Hotels "closed",

Der vielleicht letzte Akt der griechischen Tragödie steht unmittelbar bevor: Die Regierung in Athen nimmt heute die Verhandlungen mit Banken über einen Schuldenschnitt wieder auf. Nur wenn Banken und andere private Gläubiger auf die Hälfte ihrer Forderungen in Höhe von 100 Milliarden Euro verzichten, sind auch Euro-Länder und der Internationale Währungsfonds zu neuen Milliardenhilfen bereit: Mehr als 100 Milliarden Euro umfasst das neue Notprogramm.

Die Vertreter der Troika - Internationaler Währungsfonds, EU und Europäische Zentralbank - kehrten gestern zurück nach Athen. Begrüßt wurden sie mit Streiks: Aus Protest gegen weitere geplante Lohnkürzungen traten am Dienstag die U-Bahn-Fahrer für 24 Stunden in den Streik. Auch die Fähren aus Piräus liefen nicht aus. Die Chancen, dass Athen das notwendige Geld bekommt, stehen denkbar schlecht. Für die Ratingagenturen steht Griechenland unmittelbar vor der Pleite (siehe Hintergrund).

Der Absturz Griechenlands zeigt sich am Athener Omoniaplatz wie unter einem Vergrößerungsglas. Die einzigen Geschäfte, die hier noch florieren, sind Drogenhandel und Prostitution.

Brot und Bohnen

Polizisten ziehen schusssichere Westen an, wenn sie in dieser Gegend auf Streife gehen. Noch vor einem Jahrzehnt schlug hier das Herz Athens, das Leben pulsierte rund um die Uhr. Heute kommt niemand mehr freiwillig her. Auch nicht der junge bärtige Mann, der die Piräus-Straße hinuntergeht. Scheu sieht er sich um, bevor er am Haus Nummer 35 auf die Klingel drückt. In dem Gebäude befindet sich Athens größte Armenküche. Heute gibt es Fassolada: Bohnensuppe, dazu eine Scheibe Weißbrot.

Laut Statistik lebt bereits jeder fünfte Grieche unter der Armutsgrenze. Mindestens 13.000 Menschen kommen Tag für Tag in Athen zu den Armenspeisungen, sagt Nikitas Kanakis. Der Zahnarzt ist Vorsitzender der griechischen Sektion der Hilfsorganisation Ärzte der Welt (MDM).

Sie betreibt in Griechenland vier Zentren, in denen Bedürftige kostenlos medizinisch versorgt werden. "Aber immer mehr Menschen fragen gar nicht nach Medikamenten, sondern nach Essen: Sie haben Hunger", berichtet Kanakis. Seit Gründung der Hilfsorganisation vor 22 Jahren haben die 600 griechischen Mitglieder in 50 Ländern geholfen. Jetzt müssen sie sich voll auf die "humanitäre Krise in Griechenland" konzentrieren, erzählt Kanakis. Im Vorjahr wurden noch sechs Container mit Nahrungsmitteln nach Uganda geschickt, jetzt werden alle Hilfsgüter "dringend im eigenen Land" gebraucht.

Von der Suppenküche ist es nicht weit zur Konstantinopel-Straße, zur Organisation Klimaka, dem Treffpunkt der Obdachlosen. Es ist die letzte Anlaufstelle für Leute wie Giorgos Barkouris: Mitte 2010 hat er seinen Job als Computertechniker verloren - "wegen der Krise", wie ihm der Chef erklärte. Von der Arbeitslosenhilfe, die es höchstens ein Jahr lang gibt und die derzeit 461,50 Euro beträgt, könne niemand leben und die Chance auf irgendeinen Job "ist null". Jeden Monat verlieren 20.000 Menschen in Griechenland ihre Arbeit. "Von der Arbeitslosigkeit ist es nur ein kleiner Schritt zur Obdachlosigkeit", sagt Ada Alamanou, ehrenamtliche Helferin bei Klimaka.

73 Milliarden Euro Hilfskredite haben die EU und der IWF in den vergangenen 20 Monaten nach Griechenland überwiesen. Bei Hilfsorganisationen wie Klimaka, die sich ausschließlich aus Spenden finanzieren, ist kein Cent davon angekommen.

THEMA-TEAM: GERD HÖHLER AUS ATHEN, ULRICH DUNST, MANUELA SWOBODA

Im Schuldensumpf

Die dramatische Verschuldung brachte Griechenland seit dem Frühjahr 2010 immer wieder an den Rand eines Staatsbankrotts – und führte zu massiven Problemen in der Euro-Zone.

 

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Nächtliche Ausschreitungen in Athen 

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