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Zuletzt aktualisiert: 31.05.2007 um 17:44 Uhr

Problemschüler-Feuerwehr - Alle mit im Boot

Wie die Gesamtschule die Finnen zu den Musterschülern Europas machte.

Foto © APA

Hervanta, zehn Kilometer außerhalb von Tampere. Tampere ist eine Stadt so groß wie Graz. Hervanta ist der ungeliebte Satellit: Arbeiter, Ausländer, Probleme. Und Pohjois Hervannan koulu heißt die dort angesiedelte Vorstadt-Schule. Eine Schule im "sozialen Brennpunkt", wie es im Fachjargon heißt: Ein Drittel der Kinder hat eine fremde Muttersprache.

Fakten

Bei den PISA-Werten liegen die Finnen an der Spitze. Das finnische Fernsehen sendet alle Filme im Originalton mit finnischen Untertiteln - da ergeben sich englische Sprache und sinnerfassendes finnisches Lesen quasi von selbst. In Büchereien geht man schon mit der Kindergartengruppe.

Intensivunterricht. Bei Tiina Lehtonen sitzen täglich drei Kinder, heute sind es nur zwei: Mirella aus Bosnien und Fatima aus dem Irak. Beide sind schon lange in Finnland, aber immer noch schwach in der Landessprache. Während ihre Klasse, es ist die fünfte, Finnisch hat, bekommen sie Intensivunterricht, um aufzuschließen zu den anderen. Begonnen wird so früh wie möglich. Viele Kinder sind schon als Kindergartenkinder Gäste an der Schule, kommen ein Jahr lang täglich vorbei.

Intensive Förderung. Nächste Woche will sich Tiina Lehtonen mit Mirellas Mutter unterhalten. Der Dolmetsch ist schon bestellt. Intensive Förderung, ein Optimum an Kontakt mit den Eltern - das sind die Voraussetzungen dafür, dass Mirella den Anschluss findet. Dass sie ihn nicht findet, ist nicht vorgesehen, auch Sitzenbleiben nicht.

Fakten

Der Unterricht an finnischen Schulen beginnt mit drei Vormittags-einheiten, dann gibt es ein Mittagessen. Schule und Essen sind gratis. Danach gibt es weitere Unterrichtseinheiten, Schluss ist um 14 Uhr. Für danach gibt es Horte.

Flächendeckend. Finnland hat flächendeckend die Gesamtschule eingeführt. Es gibt fixe Schulsprengel, alle Kinder des Wohndistrikts gehen im Alter von sieben bis 16 Jahren in dieselbe Schule. An der Hervannan Koulu gibt es zwei Sonderpädagogen, eine Schulpsychologin, einen Kurator (eine Art Sozialarbeiter, der auch für eine zweite Schule zuständig ist) und eine Krankenschwester (auch zuständig für Ernährungsfragen). 56 Lehrer unterrichten 500 Schüler.

Problemschüler-Feuerwehr. Bezahlte Nachhilfe kennt man in Finnland nicht, die Schule haftet für den Erfolg. Nachzügler werden innerhalb der Klasse gefördert, das ist die Stufe 1 der Betreuung. Für die Intensivbetreuung kommt die "Problemschüler-Feuerwehr" zum Einsatz. Stufe 2 ist Gruppenunterricht parallel zum Unterricht der Stammklasse. Stufe 3 sind individuelle Lernpläne und die Betreuung durch Sonderpädagogen und Lernpsychologen. Die meisten Probleme werden bereits im Ansatz erledigt.

Einzelunterricht. Wir kehren zurück ins Lehrerzimmer. Ein etwa 14 Jahre alter Bub grüßt freundlich, wechselt scherzhafte Worte mit der Lehrerin. Später sagt sie mir, das ist im Moment ihr Sorgenkind. Scheidung der Eltern, rapider Leistungsabfall, massive Störmanöver bis hin zu unkontrollierten Wutausbrüchen im Klassenverband. Er genießt elf Stunden pro Woche eine "Sonderbehandlung" - Einzelunterricht. Wie lange? "Noch drei Wochen", sagt Frau Haapaniemi. Dann sind Ferien. Und danach hat er sich hoffentlich wieder selbst im Griff. "Er ist in der Pubertät, da zucken viele Jugendliche vorübergehend aus." Und wenn nicht wieder alles im Lot ist Anfang August? "Dann werden wir uns etwas Neues einfallen." Gelassenheit spricht aus dieser Stimme, die nüchterne Bereitschaft, sich mit Problemen auseinanderzusetzen, wenn sie da sind. Es gibt keine Aggression. Weder von Lehrer zu Schüler, noch von Schülern zu Lehrer. "Wenn ich einem Schüler allein gegenübersitze, verhält er sich anders als in der Gruppe. Viele sind auch froh darüber, dass es jemanden gibt, mit dem sie über ihre Probleme reden können."


Fakten

Für die Reform ihres Schulwesens haben sich die Finnen 20 Jahre Zeit genommen. Die flächen-deckende Gesamtschule wurde zunächst in dünn besiedelten ländlichen Gebieten, 1977 dann in Helsinki eingeführt, im Übergang mit unterschiedlichen Niveaustufen.

Fakten

Noten gibt es erst ab der 7. Schulstufe, vorher jährliche Beurteilungen. Die Note hängt nicht nur von der objektiven Leistung, sondern auch von der Anstrengung, die dazu führt, ab. Die Matura erfolgt zentral.

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