Und es hat Clegg gemacht
Der Parteichef der Liberaldemokraten ist im Wahlkampf zum politischen Superstar mutiert. Selbst Platz eins ist für seine Partei in Reichweite.

Foto © APANick Clegg gibt der britischen Politik neuen Schwung
Wahlkämpfer Nick Clegg, die Wunderwaffe der britischen Liberaldemokraten, drang am Wochenende weit in eine Labour Hochburg vor. "Wer hätte noch vor ein paar Wochen gedacht, dass Liberaldemokraten eine Chance haben, in Redcar zu gewinnen", rief er im schmucken Anzug in ein Mikrofon, um ihn herum jubelnde Parteifreunde.
Redcar ist ein traditioneller Labourwahlkreis im Nordosten Englands, wo Spitzen der Partei wie Tony Blair und Lord Mandelson einst ihre sicheren Wahlkreise hatten. Die verstorbene Nordirlandministerin der ersten Blair-Jahre, die legendäre Mo Mowlam, war hier Wahlkreisabgeordnete. Sollten die "Libdems" diesen Wahlkreis erobern, der bei der letzten Wahl eine Labour-Mehrheit von 12.000 Stimmen hatte, wäre das ein Zeichen, dass die Briten Labour den Rücken kehren. Die Liberaldemokraten hätten Labour als führende politische Kraft abgelöst. Genau das wäre passiert, was sich britische Liberalen seit 1923 erträumen, als sie damals von einer jungen, unbewährten neuen politischen Kraft aus dem britischen Zweiparteiensystem verdrängt wurden: Der Labour Partei.
Nun geben sich die Liberaldemokraten als neue Kraft, obwohl sie aus einer der ältesten Parteien hervorgegangen sind. Drei TV-Debatten, ein Novum in der britischen Wahlgeschichte, gaben Nick Clegg die Chance, sich als Alternative zum Wechselangebot der Tories zu präsentieren. Er wird von einer beispiellosen Welle der Begeisterung hochgetragen. Sogar Harry-Potter-Darsteller Daniel Ratcliffe oder Evolutionsbiologe Richard Dawkins sowie die Aktivistin Bianca Jagger stehen hinter Clegg.
Aus einem Kampf zwischen Labour und der "offiziellen Opposition", den Konservativen, wurde plötzlich ein Kampf zwischen den Liberaldemokraten und den Konservativen. Labour steht in den Umfragen an dritter Stelle und ist aus dem Boxring schon fast hinausgeworfen.
Kein Wunder, dass Labourchef Gordon Brown auf den telegenen Clegg eindrischt. "Es geht um die Zukunft unseres Landes, nicht darum, wer der nächste Gastgeber einer Fernsehshow werden soll", schimpfte er im "Observer". "Sehen Sie doch seine Politik an. Regionalquoten bei der Immigration, eine Amnestie für illegale Immigranten, 4,5 Milliarden Pfund wollen sie allein von Steuerhinterziehern eintreiben. Das sind Sachen, die man sich bei einer Dinner Party ausdenkt".
Schrullige Mischung
Vor Beginn der "Cleggmania" hielt es niemand für nötig, sich intensiver mit den Libdems zu befassen. Sie galten als schrullige Mischung aus Sandalen tragenden Müsli-Essern und schicken Jungunternehmern, ein buntes Häuflein, gescheckt wie die Geschichte der Partei. Im 19. Jahrhundert waren die Liberalen die klassische Freihandelspartei, Anfang des 20. Jahrhunderts begründeten ihre Reformen die Grundlagen des britischen Wohlfahrtsstaates.
Dann kam der Niedergang. 1951 gewannen die Liberalen nur sechs Wahlkreise - die ihnen die Tories überließen. 1988 verbündeten sich die Liberalen mit den Sozialdemokraten, die sich von der weit nach links abgedrifteten Labour Partei abgespalten hatten: So entstanden die "Liberal Democrats", als eine Koalition von Wirtschaftsliberalismus und Sozialdemokratie, eine Art von Vorhut für Blairs "dritten Weg".
Lange standen die Liberaldemokraten links von der Labour Partei. Clegg gehört zu der "Orange Book Gruppe", die auf einen Kursschwenk nach rechts drängte. Sie bekämpften beispielsweise den Vorschlag einer generellen Steuererhöhung, die der Popularität der Partei nicht gerade nützte. Bevor der unbekannte Parteichef Clegg vor drei Wochen berühmt wurde, war Finanzfachmann Vince Cable Star der Partei. In väterlicher Art und einfachen Worten erklärte er Fernsehzuschauern die Komplikationen der Finanzkrise und flößte Vertrauen ein.
Hoffen auf Systemwechsel
Nun sind die Liberaldemokraten die Hoffnung für einen Systemwechsel. Doch nicht nur Premier Brown findet Kritikwürdiges in ihrem Programm. "Sie wollen etwas für Klimaschutz tun, aber sind gegen Atomkraftwerke, sie wollen Häftlinge freilassen, die weniger als 6 Monate absitzen müssen", höhnte Tory-Chef David Cameron. "Und am seltsamsten ist, dass sie uns in die Eurozone bringen wollen". Seit ein paar Tagen sinken die Umfragewerte der Liberaldemokraten wieder.
Mehrere Zeitungen haben sich in ihren Wahlempfehlungen von Labour ab- und den Libdems zugewendet. Der "Guardian" hat "Vorbehalte und Frustrationen" über sie, ist aber "begeistert von der riesige Chance, die der Aufstieg der Liberaldemokraten bringt: Die Reform des Wahlsystems". Auch wenn ihre politischen Rezepte nicht immer aufgehen, argumentierte die Zeitung, "je mehr Wähler am Donnerstag für die Libdems stimmen, desto wahrscheinlicher wird, dass Großbritannien ein Wahlrecht bekommt, das ins 21. Jahrhundert passt".
Denn das System hat nach und nach an Legitimation verloren. 1951 stimmten 97 Prozent der Wähler für eine der beiden großen Parteien. 2005 waren es nur noch 66 Prozent. Protestwähler, Splitterparteien, Regionalparteien in Wales, Schottland und Nordirland haben das Duopol aufgeweicht. Der Überraschungsaufstieg der Libdems hat die Übereinstimmung von Wahlrecht und Parteienlandschaft vollends gesprengt.
"Die Leute haben gemerkt, dass wir etwas anderes versuchen können", sagte Clegg bei der letzten TV-Debatte. Aber als er erklären sollte, wie er das Defizit abbauen will, kam er ins Schwitzen. Vielleicht wacht er am Freitag nach der Wahl als Königsmacher auf. Vielleicht schneiden die Liberaldemokraten aber auch nur exzellent ab und bleiben ohne genügend Sitze und ohne Einfluss und alle Hoffnung wäre verpufft.
Features
Nick Clegg
...wurde am 7. Jänner 1967 im britischen Chalfont St. Giles geboren.
Kariere: Archäologie- und Anthropologie-Studium in Cambridge. 1999 in das Europaparlament gewählt. Seit 2007 Vorsitzender der Liberal Democrats.












