Für Hollande beginnt die Zeit der Wahrheit
Auf Frankreichs neues Staatsoberhaupt warten keine Jachtferien im Mittelmeer, wie einst bei Vorgänger Nicolas Sarkozy, sondern Berge von Arbeit in Paris.

Foto © ReutersBeim Anblick der Fotografen ringt sich François Hollande nur ein kurzes Lächeln ab
PARIS. Der Tag nach dem Machtwechsel ist ein Montag. Die Stimmung des neuen Präsidenten ist danach. Seine Miene ist die eines Werktätigen vor Schichtbeginn. François Hollande macht ernste Miene zum ersten Arbeitstag an der Staatsspitze. Nicolas Sarkozy hatte sich nach strapaziösem Wahlkampf einen Jachturlaub auf dem Mittelmeer gegönnt. Hollande arbeitet durch. Er hat keine andere Wahl. Der Sozialist pflegt nicht nur einen anderen Stil als der Vorgänger. Er übernimmt die Regierungsverantwortung auch in anderer Zeit. Die Krise macht nicht Pause, nur weil im Elysée-Palast Wachablösung ist.
Die jüngsten Wirtschaftsdaten sind deprimierend. Die Arbeitslosenquote hat die Zehn-Prozent-Schwelle überschritten. Das Wirtschaftswachstum dürfte geringer ausfallen, als in den Wahlprogrammen zugrunde gelegt. Das Urteil der Märkte über die Kreditwürdigkeit des Landes wird davon abhängen, wie es Hollande mit der Haushaltsdisziplin hält - am 17. Mai muss Frankreich zwölf Milliarden Euro aufnehmen.
Doch so deprimierend die Rahmenbedingungen auch sind, die Erwartungen sind enorm. Hollande selbst hat sie geschürt, nicht nur als Wahlkämpfer. Geradlinig, wie er ist, hat er seine Versprechen noch erneuert. Den Wandel wolle er herbeiführen, Europa vom Spardiktat erlösen, und alles hier und jetzt.
Hollande muss also die Ärmel hochkrempeln. Am 15. Mai ist offizieller Amtsantritt. Drei Tage später folgt der G8-Gipfel in Camp David, anschließend der Nato-Gipfel in Chicago. Und ein Kabinett muss Hollande auch zusammenstellen. Paritätisch soll es sein, gleichviel Männer wie Frauen zählen. Außerdem sind Grüne und Linksradikale zu bedenken, die ihn unterstützt haben. Die Gerüchteküche dampft. Der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoe wird als Justizminister gehandelt, der Fraktionschef der Sozialisten Jean-Marc Ayrault als Premier.
Die Arbeit türmt sich zu Bergen. Will er einlösen, was er versprochen hat, braucht er nicht zuletzt eine stabile Mehrheit in der Nationalversammlung. Am 10. und 17. Juni sind Parlamentswahlen. Der nächste Wahlkampf ist zu organisieren. Auch das steht auf Hollandes Agenda.
Der politische Gegner krempelt bereits die Ärmel hoch. Anstatt Wunden zu lecken, machen Sarkozys Rechtsbürgerliche mobil. UMP-Chef Jean-François Copé ruft zur Geschlossenheit auf. Anstatt Führungskämpfe auszutragen, gelte es gemeinsam die Parlamentswahlen zu gewinnen, fordert Copé.
Und Sarkozy? Er tut sich schwer, die Niederlage zu verkraften, hüllt sich in Schweigen. Am Vortag hatte er angedeutet, sich aus der Politik zurückziehen zu wollen. Nun heißt es aus dem Umfeld, er werde nicht den Wahlkampf anführen, aber weiterhin eine wichtige Rolle spielen. AXEL VEIEL, PARIS











