Frau Merkels Gespür für den richtigen Ton
Die deutsche Kanzlerin ist isoliert und sonnt sich doch im Popularitätshoch. Sie sucht nun Verbündete für die Eurokrise und kommt nach Wien.

Foto © APAngela Merkel
Die österreichischen Seen mag sie. Das hat sie mit ihrem Vorvorgänger im Kanzleramt gemeinsam. Während sich Helmut Kohl aber eindeutig für den Wolfgangsee entschied, bleibt Angela Merkel wie so oft im Ungefähren. "Ich mag die Berge und die schönen Bergseen auch", sagte sie in einer Videobotschaft, die sie ihrem Besuch in Wien am Freitag vorausschickte.
Merkel will mit ihrem Kanzlerpendant Werner Faymann über die Eurokrise sprechen und - so heißt es in Wien und Berlin - auch über dessen Abdriften aus der trauten deutsch-österreichischen Zweisamkeit. Merkel sei verärgert über den Hollande-freundlichen Kurs des SPÖ-Chefs. Verständlich: Immerhin hat der französische Präsident ein gleichfarbenes Parteibuch wie der Kanzler - im Gegensatz zur CDU-Chefin, was sie im Video auffallend oft betont.
"Österreich und Deutschland sind Nachbarn und haben ausgezeichnete bilaterale Beziehungen. Das führt manchmal dazu, dass man sich gar nicht mehr so oft sieht, wie das nötig wäre", sagt Merkel und es klingt, als rufe sie Faymann damit zum vereinten Kampf gegen die Eurokrise auf. Sie sucht Verbündete, denn derzeit steht sie isoliert da. Was ihr selbst Gegner bescheinigen. "Es fehlt in Europa an Führung. Die letzten Führungspersonen sind längst von der Bühne abgetreten. Ich beneide Frau Merkel nicht um ihre Aufgabe", sagte Altkanzler Helmut Schmidt. Der Sozialdemokrat erkennt bei etlichen inhaltlichen Differenzen Merkels taktisches Geschick an.
Das ist es, was sie immer stärker in die Rolle der "Königin von Europa" bringt. Alle innenpolitischen Kämpfe prallen an Merkel ab. Sie hängt in der Beliebtheitsskala der deutschen Politiker alle Konkurrenten ab und führt ihre Partei auf Umfrage-Rekordwerte. Vieles spricht im Herbst 2013 für ihre Wiederwahl. Tatsächlich lässt sich dieser Erfolg auf sie beziehen, da es in der CDU keine Konkurrenz mehr gibt und sich die bayerische Schwesterpartei CSU wie auch der andere Koalitionspartner FDP in kleinkariertem Gezänk überbieten.
Doch woher kommt ihre Beliebtheit bei den Deutschen? Die Antwort führt auf wenige Punkte: Merkel legt sich nicht fest, verspricht nichts und hält doch eisern Kurs. Dabei hat sie ein Gespür für Stimmungen entwickelt und stibitzt bei anderen Parteien Ideen, die im Volk gut ankommen. Gleichzeitig strahlt sie Vertrauen aus. Keine Skandale, keine emotionalen Ausbrüche. Merkel kann aus einer Position der Stärke heraus regieren, weil die Wirtschaft brummt wie fast nirgends in Europa. Dass macht die Suche nach Verbündeten nicht leicht. Damit sie in Wien einen solchen findet, verbringt sie ihren Besuch bei Faymann nicht nur mit der Eurokrise. Beide werden sich am Abend "Don Carlos" anschauen. Auch dabei lässt Merkel ihr Gespür für den richtigen Ton erkennen: "Die Wiener Oper zu besuchen, ist immer eine besondere Freude", so Merkels charmanter Türöffner im Video.












