Ungestillte Sehnsucht nach Europa
Bis Jahresende soll der Kosovo aus der internationalen Überwachung entlassen werden und die volle Souveränität erhalten. Doch von einem EU-Beitritt ist das Land noch weit entfernt.

Foto © ReutersKosovos Premierminister Hashim Thaci
Die USA und die europäischen Schutzmächte wollen den seit 2008 unabhängigen Kosovo bis Ende des Jahres aus ihrer Überwachung entlassen. Bis dahin soll Pieter Feith, "ziviler Repräsentant" der internationalen Gemeinschaft, sein imposantes Büro in Prishtina aufgelöst haben. Viel zu tun hatte der Niederländer ohnehin nie: Die Botschaften der Westmächte haben ihre eigenen Kanäle, um in dem ganz von ihrer Wirtschaftshilfe abhängigen Land ihre Ansprüche und Interessen durchzusetzen.
Seine zweite Funktion als "EU-Sonderbeauftragter" hat Feith schon vor zwei Jahren aufgegeben. Sie wird jetzt vom Leiter der EU-Mission im Kosovo wahrgenommen. Damit soll in der Sprache der Verwalter zum Ausdruck kommen, dass die Phase der "EU-Integration" beginnen soll.
Ausgerechnet der Kosovo, für das etliche europäische Mächte 1999 sogar Krieg führten, hat aber als einziges Land der Region bis heute keine wirkliche Beitrittsperspektive. Schuld daran sind nicht die Kosovaren, sondern Spanien, die Slowakei, Rumänien, Griechenland und Zypern: Weil die fünf EU-Länder die Unabhängigkeit nicht anerkennen, steht Kosovo immer noch auf Stufe null - während Serbien, das damals von der Nato bombardiert wurde, inzwischen offizieller Beitrittskandidat ist.
Junge Bevölkerung
Das Land, um ein Drittel kleiner als die Steiermark, ist das am dichtesten besiedelte der Region, seine Bevölkerung die jüngste Europas. Die rapide wachsende Hauptstadt Prishtina täuscht Boom und Zukunftshoffnung aber nur vor. Mehr als 50 Prozent sind arbeitslos. Haupteinnahmequellen sind internationale Hilfen und die Überweisungen von Verwandten. Aus jeder Familie arbeitet jemand im Ausland. Als letzte in Europa brauchen die etwa 1,7 Millionen Kosovaren für die Schengen-Staaten noch immer in Visum.
Gemessen an den Verhältnissen ist das Land politisch ein kleines Wunder an Stabilität. Zwei Parteien, die "Liga" des verstorbenen Gründungspräsidenten Ibrahim Rugova und die PDK des gegenwärtigen Premiers Hashim Thaci, wechseln sich an der Regierung ab. Demokratie und Wirtschaftsleben funktionieren allerdings nicht tadellos: Immer wieder kommen prominente Fälle von Korruption, Bedrohung, und Erpressung ans Tageslicht. Erst vor zwei Wochen wurde der Chef der Privatisierungsagentur am Schreibtisch erstochen aufgefunden. Sein angeblicher Selbstmord wird vom FBI untersucht.
Mehr als überall sonst in der Region ist "das Ausland" im Kosovo präsent: Englisch und Serbisch sind neben Albanisch Amtssprachen. Viele Studenten sprechen perfekt Deutsch, weil sie mit der Familie in den Kriegsjahren Flüchtlinge waren. Missionen aus aller Welt prägen das Stadtbild Prishtinas. Entsprechend gering ist die Gefahr, dass der jüngste europäische Staat in nationalen Autismus verfällt.
Der Hass auf die Serben allerdings ist unter der Oberfläche noch deutlich spürbar. Zwar kann man in Prishtina auf der Straße wieder gefahrlos serbisch sprechen. Für die Ansprüche der Minderheit, die vor dem Krieg gut zehn Prozent der Bevölkerung ausmachte, herrscht aber kaum Verständnis. Junge Extremisten kitzeln die Ressentiments mit Erfolg immer wieder hervor.
Bis zum Herbst nun soll das Parlament in Prishtina die letzten Autonomiebestimmungen für die Serben in die Verfassung aufnehmen. Maßgabe ist der sogenannte Ahtisaari-Plan, den der frühere finnische Präsident entworfen hatte, um auch der serbischen Minderheit ein Leben in einem unabhängigen Kosovo möglich zu machen.
Rebellischer Norden
In den "Enklaven", Dörfern und kleineren Siedlungsgebieten im Süden des Kosovo, sind die Bestimmungen weitgehend in Kraft und werden von der serbischen Bevölkerung auch angenommen. Anders ist es im Norden, einem kompakten serbischen Siedlungsgebiet mit etwa 40.000 Einwohnern: Dort beharren die Serben auf ihre Zugehörigkeit zu Serbien und wehren sich mit Barrikaden und Demonstrationen, manchmal auch mit Gewalt gegen die Autorität Prishtinas.
Setzt die albanisch dominierte Regierung die Minderheitenrechte alle bis zum Ende des Jahres um, endet nach neuerlichem Beschluss des internationalen Steuerungsgremiums die internationale Überwachung.
Keine Auswirkung hat die "volle Souveränität" auf die beiden großen internationalen Missionen im Land: die Nato-geführte Schutztruppe Kfor und die Rechtsstaatsmission Eulex mit ihren Polizisten, Richtern und Staatsanwälten. Sie sollen im verbliebenen großen Projekt eine Rolle spielen: der "Integration" des Nordens in das Staatsgebiet des Kosovo. Solange die Verbündeten, besonders die Deutschen, die Herstellung der Souveränität auf dem ganzen Territorium des Kosovo als ihre Aufgabe betrachten, steht die albanische Republik mit ihren Streitkräften Gewehr bei Fuß. Geben sie auf, droht eine gewaltsame Intervention - mit Flüchtlingsströmen wie in den Neunzigerjahren.
Leitartikel Seite 8
Features
Europas Sorgenkind
Der Kosovo ist Europas jüngster Staat. Er gründet auf dem Konflikt zwischen Albanern und Serben, der 1998 eskalierte. Bis Ende des Jugoslawienkrieges 1999 war das heute ärmste Land Europas eine serbische Provinz. 2008 erklärte sich der Kosovo für unabhängig. Belgrad will das nicht akzeptieren.












