Springe zu: Inhalt | Hauptnavigation | Seitenleiste | Fußzeile
  • Zur Kärnten-Ausgabe
  • 23. August 2014 21:19 Uhr | Als Startseite
    Neu registrieren
    Home » Politik » EU
    Brüssel: 125 Mio. Euro für Bauern Energie-Einsparziel 2030 bei 30 Prozent Voriger Artikel Aktuelle Artikel: EU Nächster Artikel Brüssel: 125 Mio. Euro für Bauern Energie-Einsparziel 2030 bei 30 Prozent
    Zuletzt aktualisiert: 24.02.2012 um 22:34 UhrKommentare

    Vom Unglück der Griechen

    "Ein Grieche lebt zweimal über seine Verhältnisse und verspricht das Dreifache von dem, was er halten kann", hat der Athener Autor Nikos Dimou vor 37 Jahren geschrieben. Sein Befund ist aktueller denn je. Ein Interview mit der Kleinen Zeitung.

    Foto © Reuters

    Herr Dimou, sind Sie in diesen Tagen eigentlich sehr unglücklich?

    NIKOS DIMOU: Als Grieche ja! Das ist ja die These meines Buchs, das jetzt auf Deutsch erschienen ist. Ich bezeichne es als eine philosophisch-satirische Meditation über das Schicksal der Griechen. Die philosophische These ist, dass der Mensch sowieso unglücklich ist, weil er nie alle seine Wünsche verwirklichen kann, vor allem nicht den wichtigsten Wunsch: die Unsterblichkeit. Aber ein Grieche ist unglücklicher als die meisten anderen Menschen, weil für ihn die Distanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit besonders groß ist - denken Sie nur an die Spaltung zwischen der glorreichen Vergangenheit und dem miserablen Heute.

    Womit wir bei der gegenwärtigen Misere Ihres Landes sind. "Ein Grieche lebt zweimal über seine Verhältnisse und verspricht das Dreifache von dem, was er halten kann." Das haben Sie vor 37 Jahren geschrieben. Die aktuelle Krise kann Sie nicht überrascht haben.

    DIMOU: Nein, das hat sie auch nicht. Dieses Zitat stammt aus dem Kapitel "Die griechische Übertreibung". Sie ist ein sehr wichtiges Merkmal des griechischen Charakters. Diese Übertreibung befindet sich im Kern jeder Tragödie oder Komödie, denn Komödie und Tragödie sind Formen der Übertreibung. Der tragische Held versucht etwas, was nicht machbar ist, und der komische Held übertreibt ebenso. Ein Grund der Krise ist diese Übertreibung: die Lust, alles zu haben, alles zu geben, alles zu genießen, ohne zu bedenken, dass nicht alles machbar ist. Der zweite Grund: Die Griechen sind nicht rational. Sie denken mit dem Gefühl. Das macht es ihnen so schwer, diese Krise zu bewältigen.

    Hat es mit der Krise zu tun, dass Ihr Buch erst jetzt, fast vier Jahrzehnte nach der ersten Veröffentlichung, in deutscher Sprache erscheint?

    DIMOU: Ja, so ist es. Ich bin sicher, dass man mich anklagen wird, von der Krise zu profitieren und das Ansehen der Griechen herabzusetzen. Aber ich glaube, dass es kein antigriechisches, sondern ein progriechisches Buch ist, entstanden aus Liebe zu Griechenland. Denn wirkliche Liebe bedeutet, nicht zu verherrlichen, sondern kritisch zu beobachten, um seinem Land zu helfen. Ich sehe das Buch als einen Botschafter, der den schwierigen und widersprüchlichen griechischen Charakter unseren Freunden oder Feinden erklären kann.

    Das Buch ist in Griechenland ein Dauerbrenner, viele Menschen haben es gelesen, aber es hat sicher nicht allen gefallen.

    DIMOU: Viele Griechen betrachten es als ein humoristisches Buch. Aber das ist eine Form der Abwehr. In Wirklichkeit ist das Buch nicht zum Lachen. Es ist ein satirisches Buch. Humor macht gute Laune. Aber Satire ist bitter. Für einen Griechen ist dieses Buch im Grunde eine Qual. Denn es ist keine lustige Sammlung von Aphorismen über das Zukurzkommen der Griechen, sondern ein bitteres Nachdenken über ihr tragisches Schicksal, gespalten zu sein zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Norden und Süden, Osten und Westen.

    Sie schreiben von der Last des antiken Erbes, von der "unmenschlichen Vollkommenheit" der Vorfahren. Liegt dort eine der Wurzeln der heutigen Probleme?

    DIMOU: Jedenfalls liegt in dieser schwer erträglichen Last des antiken Erbes eine Quelle unseres nationalen Minderwertigkeitskomplexes. Eine andere Quelle ist der ebenfalls unbefriedigende Vergleich mit den "höher entwickelten" Zeitgenossen, nämlich mit Europa. Wann immer ein Grieche von "Europa" spricht, schließt er Griechenland automatisch aus. Aber wenn ein Ausländer von Europa spricht, ist es undenkbar für uns, dass er Griechenland nicht mit einschließt. Das erklärt einige der aktuellen Konflikte.

    Wegen der Krise wandern jetzt mehr Griechen aus als je zuvor seit den 1960er-Jahren. Verliert Griechenland seine besten Talente?

    DIMOU: Ich fürchte. Es gibt viele junge Leute, die mit diesem System der Freunderlwirtschaft und der Korruption nichts zu tun haben wollen. Leider emigrieren die meisten dieser guten Leute. Man muss ja ein Masochist sein, um in Griechenland zu bleiben und etwas bewegen zu wollen.

    Wir erleben jetzt in Athen Straßenschlachten - sind das die Vorboten einer sozialen Explosion?

    DIMOU: Könnte sein. Aber die Wurzeln liegen tiefer. In den Jahren seit dem Ende der Obristendiktatur wurde in Griechenland von der Linken eine Art revolutionäre Kultur gepflegt, eine Kultur der Anomie, also der Gesetzlosigkeit, die sich in der Gesellschaft sehr weit verbreitet hat. Das beginnt schon damit, dass man sich nicht an die Verkehrsregeln hält und glaubt, einfach Steuern hinterziehen zu dürfen.

    Von der Krise profitieren bisher vor allem linksextreme Parteien.

    DIMOU: Die linksextremen Parteien bekommen Zulauf, weil sie gegen das Spar- und Reformprogramm sind - übrigens auch gegen Europa. Wenn Sie diese Parteien fragen, wofür sie sind, bekommen Sie entweder einen puren Stalinismus serviert, der aus den 30er-Jahren stammt, oder eine anarchistische Ideologie.

    Haben Sie Hoffnung auf eine Erneuerung der politischen Kultur?

    DIMOU: Ach, ich bin nicht sicher. Ich habe viele gute Leute gesehen, die in die Politik gegangen sind und in kürzester Zeit völlig verdorben wurden. Sie haben eine Wahl, wenn Sie in Griechenland Politiker werden: Entweder Sie spielen mit, und dann sind Sie einer von denen, oder Sie spielen nicht mit. Dann werden Sie vom System ausgespuckt.

    Wie wird die griechische Tragödie, die wir gerade erleben, enden?

    DIMOU: Ich bin kein Prophet. Wir sind in einer sehr schwierigen Lage, nicht nur finanziell. Das eigentliche Problem ist ein politisches. Die Regierung von Giorgos Papandreou hat alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. So eine klägliche politische Vorstellung habe ich noch nie erlebt. Ich sage das, obwohl ich ihn gewählt habe. Die nächste Wahl wird wahrscheinlich Antonis Samaras gewinnen, der die im Grunde einzige noch übrig gebliebene Volkspartei führt, die konservative Nea Dimokratia. Ich schätze ihn nicht besonders, aber er hat eingesehen, dass seine Politik der puren Verweigerung zu nichts führte.

    INTERVIEW: GERD HÖHLER, ATHEN

    Foto

    Foto © NIKOS PILOS

    Bild vergrößernDie Antworten des Schriftstellers Nikos Dimou auf die griechische Identität sind prägnant und provokativ Foto © NIKOS PILOS

    Zur Person

    Nikos Dimou, geboren 1935 in Athen, Griechenland.

    Werdegang: Ging auf ein Privatcollege in Athen, studierte französische Philosophie. Von 1954 bis 1960 studierte er Philosophie in München. Kehrte nach Athen zurück und gründete 1965 seine eigene Werbefirma. War Kolumnist bei diversen Tageszeitungen und hatte ab 1979 seine eigene Talkshow im griechischen Fernsehen.

    Nach dem Sturz der Diktatur der Obristen im Jahr 1974 veröffentlichte er in Griechenland sein Buch "Über das Unglück, ein Grieche zu sein", das erst heuer ins Deutsche übersetzt wurde. Er war Mitglied der nur kurz existierenden und wenig erfolgreichen griechischen Partei Drasi (Aktion).

    Mehr EU

    Mehr aus dem Web

      EU-Wahl 2014

      • EU-Wahl 2014

        Wahlergebnisse Eurobarometer Wahlhintergründe EU-Instituitionen EU-Erweiterung
       

      KLEINE.tv

      Cameron: "Ich beuge mich nicht"

      Die EU Staats- und Regierungschefs haben Jean Claude Juncker als neuen E...Bewertet mit 5 Sternen

       

      Bilderserien

      Die Gäste des EU-Sondergipfels 

      Die Gäste des EU-Sondergipfels

       




      Seitenübersicht

      Zum Seitenanfang
      Bitte Javascript aktivieren!