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Zuletzt aktualisiert: 28.11.2011 um 21:09 UhrKommentare

Belgien: Ein Land, zwei Welten

Belgien ist zerrissen. Das trifft auch die junge Generation. Sie lernt in zwei völlig getrennten Systemen. Das hat Folgen: Die Schüler in Flandern und in der Wallonie bringen höchst unterschiedliche Leistungen.

Belgien ist innerlich zerissen

Foto © ReutersBelgien ist innerlich zerissen

In einem Fenster in Pascal Henrottes Klasse ist ein Riss. Gekittet ist dieser seit Monaten nur mit Klebeband. 13 Jugendliche sitzen da und versuchen sich in Englisch. Das ist nicht einfach. "Viele unserer Schüler können schon die Landessprache Französisch nicht so gut", sagt Henrotte. Er lehrt am Collège Saint-François d'Assise in Ans, einem Vorort von Liège (Lüttich). Der liegt im französischsprachigen wallonischen Teil Belgiens, jenem Teil, der als wesentlich ärmer gilt als das niederländischsprachige Flandern im Norden.

Doch auch politisch liegen Welten dazwischen. Belgien ist gespalten wie kein anderes Land in Europa und es hält einen zweifelhaften Weltrekord: Es ist der am längsten unregierte Staat - noch vor dem Irak, der immerhin 289 Tage ohne Führung war. Die verhärteten Fronten zwischen den beiden großen Sprachgruppen lassen das Land seit rund 18 Monaten stillstehen.

Reist man durch Belgien, bekommt man den Eindruck, es handle sich um zwei zufällig aneinandergekettete Länder. Verwendet man die falsche Sprache, kann man verächtliche Blicke ernten. Ein Beispiel für die Spaltung ist das Schulsystem. Das es so nicht gibt. Denn auch hier gilt: Es sind zwei Welten.

Ratlosigkeit

Die Leistungen der Schüler klaffen weit auseinander - das hat auch die letzte internationale Bildungsstudie Pisa gezeigt. Belgien lag dabei beim Lesen zwar mit Platz 11 auch als Gesamtes über dem Durchschnitt (Österreich: Platz 31). Doch wertet man die Sprachgruppen gesondert aus, liegen die Wallonen unter dem Durchschnitt. Und die Flamen fast ganz vorne.

Was ist passiert in dem kleinen Land, in dem sich Nationalismen zunehmend ausbreiten?

"Wir haben drei Bildungsminister und drei Systeme", sagt Régine Joly, Direktorin des katholischen Collège St. François d'Assise. In Jolys Büro hängen Heiligenbilder. Doch auch muslimische Eltern schicken ihre Schüler dorthin. Die Direktorin spricht von mehr Multikulturalität und Migranten als in Flandern, wo zudem mehr Disziplin herrsche und Wert auf Traditionen gelegt wird. In der Wallonie ist Ratlosigkeit zu spüren. Eines fällt auf: Jeder spricht von sich - und von den anderen. Von "Belgiern" spricht niemand.

"Probleme angegangen"

"Eine offensichtliche Erklärung für die Leistungsunterschiede gibt es nicht", sagt Ariane Baye, die wallonische Pisa-Koordinatorin. "Vielleicht haben die Flamen aber früher begonnen, Probleme anzugehen."

Diese gibt es im erfolgreichen Flandern zwar weiterhin: So fallen die Leistungen zwischen einheimischen und Einwandererkindern stark ab, sogar mehr als in der Wallonie. Es gibt in Flandern aber auch einen großen Anteil an Spitzenschülern. Gemeinsam sind den beiden Systemen nur eine Gesamtschule bis zwölf, Ganztagsschulen, ein gut entwickeltes Vorschulsystem sowie eine Lehrerausbildung, über die Menschen im ganzen Land klagen.

Isabel Erauw sagt es offen: "Es gibt für die Bildungsminister in Belgien keinen Grund, zu kooperieren." Erauw arbeitet im flämischen Bildungsministerium in Brüssel mit Schwerpunkt Pisa-Studie. Seit den frühen 80er-Jahren sind die beiden Systeme getrennt. Die Flamen sind stolz. "Jetzt ist nur noch Finnland vor uns", so Erauw. Uns, das ist Flandern, nicht Belgien.

Kinder aus sozial schwachen Familien sammeln sich zwar auch in Flandern in bestimmten Schulen. Aber: In der Wallonie ist der Migrantenanteil fast doppelt so hoch wie in Flandern. Katholische Schulen gibt es überall, die Mehrzahl aber in Flandern. "Wir haben in Flandern eine Tradition von hoher Disziplin", sagt Erauw.

Bildungsreformen sind in beiden Landesteilen schwierig umzusetzen, erklären alle Experten. Konsequenzen hat das allerdings für die Wallonen schwerer wiegende als für die Flamen.

Dieser Bericht wurde im Rahmen von eurotours 2011 erstellt. eurotours ist ein Projekt der Europapartnerschaft, finanziert aus Gemeinschaftsmitteln der EU.

SONJA HASEWEND

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