Schutzwall mit gefährlichen Lücken
Die Euroretter haben beim Gipfel in Brüssel bedeutende Fortschritte erzielt, doch das große Rettungswerk bleibt unvollendet.

Foto © © jamdesign - Fotolia.com
Der große Schicksalsgipfel endete im Morgengrauen, kurz nach vier Uhr früh. Abgekämpft, aber erleichtert traten die Euroretter nach zehnstündigem Sitzungsmarathon in Brüssel dem heraufziehenden Tag entgegen. "Wir haben heute Nacht gezeigt, dass wir die richtigen Schlüsse aus der Krise ziehen", sagte die Frau, auf die sich alle Blicke richteten. Angela Merkel hatte wieder einmal eine Gipfelschlacht gewonnen.
Am Ende gaben sowohl Banken als auch EU-Partner klein bei. Die Kanzlerin hat bekommen, was sie wollte: den Schuldenschnitt für Griechenland, einen Milliardenhebel nach deutschem Geschmack, frisches Geld für die Banken und ein Sparprogramm für Italien.
Ist der Euro also gerettet?
Ach wo! Merkel selbst gab zu verstehen, dass die Sache mit dem Euro längst nicht ausgestanden ist. "Es gibt nicht den einzigen Paukenschlag, aber dies hier ist ein wichtiges Paket auf dem Weg zu einer Stabilitätsunion". Andere übten sich da weniger in Zurückhaltung: Der griechische Premier Giorgos Papandreou sah sein Land in eine "neue Ära" eintreten. Und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy nannte die Beschlüsse gar "historisch". Tatsächlich haben die Europäer für ihr großes Rettungswerk in den kommenden Wochen noch viele hohe Hürden zu überwinden.
Jede Menge Stolpersteine
Die erste ist der G-20-Gipfel der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer am 3. und 4. November in Cannes. Dort müssen die Europäer aufstrebende Länder wie China, Indien, Brasilien erst einmal davon überzeugen, sich mit Anleihen kriselnder Euroländer einzudecken.
Zweitens brauchen die Euroretter die Unterstützung der Europäischen Zentralbank. Ob deren neuer Chef, der Italiener Mario Draghi, aber weiter die schwere Hypothek der Krisenhilfe schultern und wie sein Vorgänger Jean-Claude Trichet im großen Stil faule Staatsanleihen aufkaufen will, ist fraglich.
Drittens. Kann Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi das ihm von der Gipfelrunde ultimativ abverlangte Reformprogramm erfüllen? Seine fragile Koalitionsregierung drohte schon vor dem Gipfel an der Eurokrise zu zerbrechen.
Viertens: Wie werden die Märkte à la longue das von den Eurorettern geschnürte Gesamtrettungspaket aufnehmen?
Bisher war es so, dass auf jeden Befreiungsschlag nach einem kurzen Hoch eine umso tiefere Depression folgte.
Fünftens: Wird ein 50-prozentiger Schuldenschnitt für Griechenland reichen? Manche Ökonomen bezweifeln das.
Nicht alles an der Vereinbarung ist nämlich so golden, wie Merkel, Sarkozy & Co tun.
Zwar müssen private Gläubiger auf 100 Milliarden Euro verzichten. Aber der Euro-Rettungsfonds soll Banken, Fonds oder Versicherungen eine Absicherung von 30 Milliarden Euro gewähren, die von Athen zur Hälfte über Privatisierungen erwirtschaftet werden soll. Angesichts des schleppenden Privatisierungstempos in Hellas ist das ein ehrgeiziger Plan.
Und wer sagt, dass alle Privaten die bitteren Pillen der Euroretter schlucken werden? Der internationale Bankenverband IIF, der mit den Eurorettern in Brüssel verhandelt hat, vertritt nur die größten Geldinstitute. "Harte Arbeit wartet", sagte der scheidende EZB-Chef Trichet. Das ist stark untertrieben.
Leitartikel Seite 8 Porträt Seite 9
Debatte Seite 44













