Der Welterklärer und sein Sohn
Peer Steinbrück will deutscher Bundeskanzler werden und die Ära Merkel beenden. Dafür ließ er sich von Altkanzler Helmut Schmidt politisch adoptieren und stilisiert sich zum Ruhepol inmitten der Krise. Ein strategischer Schachzug mit Risiken. Von Sebastian Krause.

Foto © APASteinbrück, Schmidt: Gemeinsam gegen Merkel, die Krise - und die SPD
Nein, rauchen will Peer Steinbrück bei Günther Jauch nicht. Das wäre dann wohl doch zuviel des Guten gewesen, obwohl Altkanzler Helmut Schmidt neben ihm in gewohnter Manier eine nach der anderen qualmt, und, wenn er die Hände mal frei hat, Tabak schnupft. Rauchen im TV, das darf nur der Altkanzler, das personifizierte deutsche Gewissen, wie der "Spiegel" einmal über Schmidt schrieb. Keinem anderen, schon gar keinem Politiker, glauben und vertrauen die Deutschen mehr - und vergeben ihm alle politische Fehler. Schmidt, die moralische Leitfigur in Zeiten der Krise. Und er macht, was er immer tut, wenn ihm das Talk-Fernsehen Sondersendungen widmet zur Lage der Nation, der Welt: Kette rauchend politisches Geschehen kommentieren, erklären, kritisieren - mit ruhiger Stimme, überlegten Sätzen und messerscharfem Denken. Manchmal überheblich, fast immer treffend, erklärt Schmidt den Deutschen die Welt. Mit 93 ist er der weise Mann, der den Staat nie von seinen Schultern genommen hat, auch jetzt nicht, im Rollstuhl. Weit weg vom Alarmismus der politischen Gegenwart, ein Ruhepol der politischen Vernunft. Und doch ist dieses Mal vieles anders. Dieses Mal hat er eine Mission.
Der Mann neben ihm, der ohne Zigarette, obwohl er Raucher ist, ist weitaus umstrittener in Deutschland. Peer Steinbrück gilt manchen als einzig logischer Kanzlerkandidat der SPD. Seit Monaten wird debattiert, gestritten, gesucht: Ist der sperrige und eher kühle ehemalige Finanzminister, der als Spitzenkandidat noch nie eine Wahl gewonnen hat, der richtige Mann? Und ist jetzt die richtige Zeit, sich diese Frage zu stellen? 24 Monate vor der Wahl, inmitten der größten Krise des gemeinsamen Europa? Für seine frühe Offensive erntet Steinbrück Kritik: "Die SPD entscheidet nicht jetzt und auch nicht auf Zuruf noch so verdienstvoller Ex-Politiker", heißt es aus der Parteizentrale. Steinbrück grinst verstohlen, als Jauch die "K-Frage" stellt: Er stehe bereit, wenn man an ihn herantreten sollte.
Politische Adoption
"Zug um Zug" heißt das gemeinsame Buch der beiden, das dieser Tage erscheint. Es ist ein kritisches Gespräch der beiden über Politik und Wirtschaft, über Schach und wohl auch das Rauchen. Zitiert werden darf nicht aus dem Werk, 50.000 Euro Strafe drohen. "Der Spiegel" widmet dem Dokument der politischen Adoption Steinbrücks durch den Altkanzler trotzdem Titelblatt und Interview, Günther Jauch erzielt seine erste Rekordquote als Sonntagabend-Talkmeister der ARD. Knapp sechs Millionen Deutsche sahen zu, auch in Österreich lässt sich das Interesse sehen: 81.000 fanden Interesse an den Thesen des Altvaters und seines Ziehsohns. Die Kernaussage des Buches, der Interviews und des TV-Auftrittes: Schmidt will Steinbrück als Kanzler. Reicht das Wort des weisen Denkers, um Steinbrück dem Volk als wahren Mann der Mitte zu verkaufen? "Er kann regieren - und er versteht die Wirtschaft, ganz im Gegenteil zu denen, die jetzt an der Macht sind", sagt Schmidt zu Jauch und den Deutschen. Steinbrück als Retter in der Krise. Schmidt hat einen schwarzen Fleck vom Tabak unter der Nase, Steinbrück ein Lächeln im Gesicht: "Das Gespräch läuft an mir vorbei". Da musste sogar Schmidt grinsen.
Steinbrück ist das Gespräch, zumindest innerhalb der SPD. Es wird auf einen Dreikampf um die Kanzlerfrage hinauslaufen, in den nächsten Monaten bis zur Nominierung des Kanzlerkandidaten, zwischen Steinbrück, Sigmar Gabriel und Frank-Walter-Steinmeier. Auch Gabriel fand einen politischen Vater in Günther Grass, doch das ist der Basis zu weit links. Steinbrück hat den Mann der Mitte, einen besseren gibt es in ganz Deutschland nicht. Steinmeier steht noch zur Adoption - und gilt nicht zuletzt deshalb als Außenseiter.
In Position bringen
"Wahlen werden in der Mitte gewonnen", sagt Schmidt und fügt einen seiner philosophisch-politischen Beisätze an: "Ist es nicht so, steht es nicht gut um die Demokratie eines Landes". Teilweise sind die Antworten des Duos ident mit jenen im Spiegel-Interview, denn: Auch das ist nur Werbung, eine Show, ein Verkaufsgespräch. Für ein Buch und eine Kandidatur und für eine Taktik der beiden Freunde. Ob wiederholt oder nicht: Der Klartext, frei von den Sperrgebieten des Tagesgeschäfts, ist ungemein wohltuend, auch, wenn die beiden kaum etwas davon nicht schon vor Monaten an anderer Stelle und alleine gesagt haben. Steinbrück und Schmidt wissen, dass die Zeiten des besonnenen Duos ohnehin bald zu Ende gehen. Ist der Sohn erst mal im Wahlkampf, kann ihn auch der Vater nicht mehr aus den politischen Schützengräben befreien.
Steinbrück und Schmidt werden bis dahin keine Chance verpassen, sich in Position zu bringen. Zwei Jahre sind früh, doch Steinbrück will einen Vorsprung erreden. Er will Schmidts Aura einfangen und irgendwie durch einen Wahlkampf schleppen, um der taumelnden schwarz-gelben Koalition am Ende ihr Ende zu bereiten. Dass es in der SPD viele Stimmen gibt, die ihn für zu wenig charismatisch halten und Steinmeier für den besseren Wahlkämpfer, der seltener die Parteilinie verlässt, entkräftet nicht er selbst, sondern Schmidt: "Bis ´74 habe ich auch keine Wahl gewonnen und dann war ich Kanzler".
Steinbrück lässt erst mal Schmidt reden, weil es ihm ernst ist mit der Wahl. Sonst hätte er auch gleich rauchen können.
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Die deutschen Sozialdemokraten wollen erst Ende des nächsten oder Anfang des übernächsten Jahres ihren Kanzlerkandidaten benennen. Das bekräftigte SPD-Parteichef Sigmar Gabriel am Montag in Berlin.
Kritik
Mit Blick auf einzelne kritische Stimmen vom linken Parteiflügel zu den Interviews und öffentlichen Auftritten Schmidts und Steinbrücks sagte Gabriel, es gebe "eine große Ruhe und Gelassenheit in der Partei".
Steinbrück und Steinmeier gelten wie Gabriel als Favoriten, um für die SPD als Kanzlerkandidat in den nächsten Bundestagswahlkampf zu ziehen. "Das ist für die SPD eine ausgesprochen sympathische und hilfreiche Debatte", sagte Gabriel mit Blick darauf, dass mehreren SPD-Kandidaten zugetraut wird, die nächste Regierung zu führen.













