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Zuletzt aktualisiert: 17.09.2011 um 20:02 UhrKommentare

"Ist der Euro noch zu retten?"

Wirtschaftshistoriker Joachim Voth im Gespräch mit Stefan Winkler über das Verkommen der EZB, die Euro-Zone als Transferunion und das Zerbrechen von Währungsunionen in der Geschichte.

Foto © ARD/Mediathek

Herr Professor Voth, ist der Euro noch zu retten?

HANS-JOACHIM VOTH: Mit viel Geld lässt sich alles retten, auch eine Währungsunion. Man kann fast endlos immer größere Schecks ausschreiben, damit niemand pleitegeht. Aber politisch wird das nicht gut gehen. Da hat Europa sich in eine Situation manövriert, wo der Euro in seiner jetzigen Form nur sehr schwer zu bewahren sein wird.

Warum sehen Sie schwarz?

VOTH: Die Europäische Zentralbank ist dabei, zur gigantischen Bad Bank zu verkommen, weil sie immer wertlosere Staatsanleihen der Mittelmeeranrainer aufkauft. Auf diese Weise verwandelt sich die Eurozone in eine vollständige Transferunion, in der die reicheren Regionen des Nordens auf Dauer die ärmeren Länder des Südens finanzieren. Das kann nicht die Zukunft Europas sein.

Warum kann es das nicht?

VOTH: Weil damit alles gebrochen wird, was den Nordländern bei der Gründung der gemeinsamen Währung versprochen wurde, von der Klausel, dass ein Staat nicht für die Schulden des anderen einstehen darf, über Schuldengrenzen bis hin zum Schwur, dass es keinen Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB geben wird. Die Geschwindigkeit, mit der man das alles aus Staatsräson ignoriert, ist abenteuerlich.

Was nützt Dogmentreue, wenn das große Ganze in Gefahr ist?

VOTH: Eine Währung kann man teilen, ohne dass um jeden Preis der Bankrott eines Mitglieds vermieden wird. Ecuador hat den Dollar und ist pleitegegangen, ohne dass das die USA gekümmert hat. Die Europäer ketten sich an ein sinkendes Schiff. Zugleich wächst die Kluft zwischen dem, was die Bürger in weiten Teilen Europas empfinden, und dem, was die politischen Eliten tun. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble verstellt sich gar nicht. Er sagt quasi: 'Lasst uns weniger Demokratie wagen' und ist dabei, die letzten Mitbestimmungsrechte des Parlaments bei der Eurorettung auszuhebeln. Das führt zum enormen Vertrauensverlust in die Demokratie.

Wird der Euro am Ende vom Demokratieloch verschlungen, das sich bei seiner Rettung auftut?

VOTH: Noch gibt es im Norden keine besonders wohlartikulierte demokratische Alternative zum Euro. Die FDP in Deutschland probiert das ein bisschen, auch in Finnland, der Slowakei, Österreich und Holland regt sich Widerstand. Aber die Leute klettern noch nicht auf die Barrikaden. Aber mein Gefühl sagt mir, dass der Euro eher an den kleineren Ländern zerbrechen wird.

Warum an den kleineren?

VOTH: Weil die kleineren in einer Art und Weise übergangen werden, die eigentlich unerträglich ist. Deutschland und Frankreich entscheiden in der Krise fast im Alleingang. Und den Finnen, den Holländern und den Österreichern sagen wir: "Pech gehabt, ihr seid zu klein. Haltet die Klappe!" Das lässt sich keine gewählte Regierung lange gefallen.

Wie lange gibt's den Euro noch?

VOTH: Bis vor Kurzem hätte ich gesagt, fünf Jahre. Der Rücktritt von Jürgen Stark, dem Chefökonomen der Europäischen Zentralbank, und der Umstand, dass sich trotz enormer Anleihenkäufe durch die EZB die Zinsen für Italien nicht in die richtige Richtung bewegen, bestärken mich im Verdacht: Das Endspiel ist nahe.

Wäre es das erste Mal, dass eine Währungsunion zerbricht?

VOTH: Nein. Im 19. Jahrhundert gab es die Lateinische Münzunion. Da gehörten Frankreich, Belgien, der Vatikanstaat, die Schweiz, Griechenland und sogar Venezuela dazu. Die ist auch deshalb zusammengebrochen, weil die Italiener zu viel entwertetes Geld in Umlauf gebracht haben. Eines der ersten Länder, die ins Trudeln geraten sind, war Griechenland. Und der Goldstandard, der bis in die Zwischenkriegszeit viele Währungen an Gold gekoppelt hat, ist kollabiert, weil die Märkte für Arbeit und Güter nicht flexibel genug dafür waren.

Was ist das große Problem der Eurozone?

VOTH: Die Zwangsjacke Einheitszins, in die alle europäischen Länder gesteckt werden, ist unsinnig und gefährlich. Damit verdammen wir die Südländer zu 20, 30 Jahren Stagnation - mit kaputten Banken, überhöhten Lohnkosten und null Wachstum.

Welche Rolle spielen für die Krise kulturelle Unterschiede?

VOTH: Eine große. Im Deutschen heißt es, mit dieser oder jener Person ist kein Staat zu machen - der Begriff "Staat" ist positiv besetzt, steht für Ordnung und Vernunft. Für viele Südeuropäer ist der Staat eine ferne Raubritter-Institution, die man auch hintergehen kann, ohne dass man jemandem Schaden zufügt. "La ley se obedece, pero no se cumple" lautet ein spanisches Sprichwort. Das Gesetz wird befolgt, aber nicht ausgeführt. Als Uniprofessor in Barcelona müsste man eigentlich laut Gesetz gut Katalanisch sprechen. Das hat mir Sorgen gemacht. "Aber, aber", haben mich meine Kollegen beruhigt. "Das steht zwar so im Gesetz, aber wir sind ja keine Taliban."

Lässt sich der Krise mit dem jetzigen Radikalsparen beikommen?

VOTH: Sparen ist gut, aber für die Sanierung eines Haushaltes nur in Grenzen tauglich. Übertreibt man, bricht die Wirtschaft ein. In Deutschland hatten wir in der Weimarer Republik Heinrich Brüning, den Hungerkanzler. Sein Radikalsparen hat der Demokratie den letzten Stoß versetzt. Denn es gibt eine Obergrenze dafür, was eine Gesellschaft an Einschnitten erträgt.

Sparen wir uns in die Anarchie?

VOTH: Versetzen Sie sich in die Lage eines jungen Spaniers oder Griechen, der nicht zwei, drei Jahre, sondern vielleicht sein ganzes Berufsleben lang keinen festen, guten Job haben wird. Momentan sind die Proteste noch friedfertig. Aber wer sagt, dass das bis zum Sankt Nimmerleinstag so bleiben wird? Ich habe in einer Studie mit Daten aus 28 Ländern und für 90 Jahre herausgefunden, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Unruhen kommt, sich verdoppelt, wenn das Budget um mehr als drei Prozent gekürzt wird.

Zerbricht Europa am Euro?

VOTH: Unsinn. Europa gab es lange, bevor es die EU gab. Sollte der Euro in seiner jetzigen Form scheitern, würde gar nicht so viel passieren. So wie er jetzt konzipiert ist, war er sowieso eine dumme Idee. Wir haben in der EU zehn andere Währungen als Euro. Wenn daraus elf, zwölf oder dreizehn werden, ist das nicht das Ende Europas.

Soll Athen raus aus dem Euro?

VOTH: Das hätte viele Vorteile für die Griechen, ist aber nur schwer umsetzbar. Der bessere Weg wäre, dass die Südeuropäer beim Euro bleiben und ihn zur Weichwährung machen, wie sie sie immer hatten. Auf dem Weg ist die EZB ja bereits. Die Nordeuropäer dagegen spalten sich ab und bekommen einen Nord-Euro, so wie er ursprünglich geplant und ihnen versprochen worden ist.

Das wäre das Ende des Traums vom vereinten Europa.

VOTH: Aber nein. Die Europäer müssen sich nur davon verabschieden, die Währung als politisches Potenzsymbol zu sehen. Eine Währung ist dazu da, dass die Wirtschaft läuft, Leute ruhig sparen und sich von ihrem Geld etwas kaufen können. Mehr nicht. Alles andere ist reines Protzgehabe. INTERVIEW:

STEFAN WINKLER


Fakten

Hans-Joachim Voth, 43, ist zurzeit einer der gefragtesten Wirtschaftshistoriker und erforscht an der Universität Barcelona Spekulationsblasen und die Gesetze der Finanzmärkte. Bevor der Deutsche nach Katalanien ging, studierte er in Oxford und arbeitete für die Unternehmensberatung McKinsey.

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DIE MASSNAHMEN

  • 50 Prozentiger Schuldenschnitt für Griechenland.
  • Erhöhung der öffentlichen Mittel von 109 Mrd. Euro auf 130 Mrd. Euro.
  • Eine Bankenrekapitalisierung von 106 Mrd. Euro. Davon fallen 2,9 Mrd. Euro an Österreich.
  • Schlagkraft des Euro-Rettungsschirms wird auf eine Billion Euro angehoben.

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