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Zuletzt aktualisiert: 22.06.2011 um 22:04 UhrKommentare

Euro-Krise: Fakten und Fiktion

Von manchen Experten wird die Euro-Zone bereits zu Grabe getragen. Zu Recht? Müssen Anleger um ihre Ersparnisse zittern, kommt die große Inflation? Wir haben nachgefragt.

Foto © Fotolia - Aaron-Amat

Euro ist kein Projekt auf Zeit

Regina Prehofer, Managerin der WU Wien

Ich gehe absolut davon aus, dass es den Euro als Währung auch in vier Jahren noch gibt. Dieses große Projekt war nie auf befristete Zeit angelegt. Es infrage zu stellen oder gar aufzulösen, wäre ein unermesslicher Schaden, schlussendlich auch für den Sparer. In der Rückkehr zu Einzelwährungen sehe ich keine Option. Der Euro hat sich seit seiner Einführung in Wirklichkeit als sehr starke Währung gehalten. Inzwischen wird ein großes Volumen der Weltwirtschaft in Euro abgewickelt, mit wachsender, nicht fallender Tendenz. Der Euro ist eine Weltwährung.

Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn sein Wert gegenüber dem Dollar weiter zulegt. Das wäre nur eine logische Fortschreibung einer langen Kurve. Die Euro-Dollar-Entwicklung ist aber natürlich abhängig davon, wie die USA ihre Schulden in den Griff bekommen wollen.

Die Inflationsgefahr schätze ich als gering ein. Die Zentralbanken werden ihre Zinsen auf absehbare Zeit in moderat niedriger Höhe halten. Wir sollten uns ins Bewusstsein rufen, dass wir zwei Jahre lang extrem niedrige Inflationsraten hatten. Das war ja nicht immer so.

Auf des Messers Schneide

Christian Helmenstein, Industrie-Ökonom

Ich glaube schon, dass der Euro Bestand haben wird, obwohl die Dinge derzeit sicher auf des Messers Schneide stehen. Kurzfristig gilt es daher, dass Griechenland konsequent auf seinem Konsolidierungskurs bleiben muss. Es müssen aber auch Wachstumsimpulse in Griechenland gesetzt werden. Derzeit wird unterschätzt, wie enorm die Konsolidierungsanstrengungen in Griechenland bereits waren, was hier umgesetzt wurde. Keine andere Regierung in der Eurozone hat jemals eine so enorme Konsolidierungsleistung zustande gebracht, wie es der griechischen Regierung innerhalb nur eines Jahres gelungen ist. Das strukturelle Defizit konnte etwa um 50 Prozent gesenkt werden. Wenn Griechenland auf diesem Weg fortschreitet, dann wird es in zwei, drei Jahren deutlichen Boden unter den Füßen haben. Deshalb bin ich im Moment auch vehementer Befürworter dieser Überbrückungsleistungen. Noch haben wir die Chance, dass es die Griechen aus eigener Kraft schaffen. Um eine weitersteigende Inflation in der Eurozone zu verhindern, muss es gelingen, die hohe Liquidität, die während der Finanzmarktkrise zur Verfügung gestellt wurde, wieder aus den Märkten zurückzuführen.

Inflation als einziger Ausweg

Ansgar Belke, Wirtschaftsprofessor an der Uni Duisburg

Die einzige Lösung, die ich sehe, um aus der Verschuldensspirale der EU herauszukommen, ist eine moderate Inflation, keine Hyperinflation, aber eine Verdoppelung der Inflationsraten auf vier Prozent. Wenn wir aber in der Eurozone kein Insolvenzverfahren einrichten, werden Länder wie Griechenland dauerhaft am Tropf staatlicher Finanzierung hängen, weil sie keinen Zugang mehr zum Kapitalmarkt haben werden. Dann wird uns die Eurozone um die Ohren fliegen, weil die Bürger in den nördlichen Ländern nicht mehr belastbar sind. Der Widerstand der Bürger wird ja derzeit völlig unterschätzt. Und es wird unterstellt, dass die Alternative zum dauerhaften Kreditrettungsprogramm der EU ein unberechenbares Chaos in der Eurozone hervorrufen würde. Das halte ich für übertrieben. Es wäre auch der Dominoeffekt beherrschbar, solange es Griechenland und Portugal betrifft. Wenn man die Eurozone erhalten will, muss man den Mut haben, ein Land in die Insolvenz fallen zu lassen, und nicht der Fiktion folgen, dass kein Land insolvent werden kann. Das überfordert die Bürger und birgt einen nicht beherrschbaren Sprengsatz.

Entwertung von Vermögen

Eva Pichler, Wirtschaftsexpertin, WU Wien

Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass es zu einer Geldentwertung kommen wird, keiner galoppierenden, aber im höheren einstelligen Bereich. Die Länder haben dann in fünf Jahren um 30 Prozent weniger Schulden. Ich wüsste nicht, wie die Schuldenberge der EU sonst abgebaut werden könnten. Das Vermögen der Leute wird entwertet. Dazu kommen die Kosten aus dem Atomausstieg, das Öl wird knapper. Das wirkt alles inflationär. Ich glaube auch, dass der Sparwille in Ländern wie Deutschland, Österreich abnehmen wird. Wenn immer mehr Geld nach Griechenland geht, wird dies die Akzeptanz von Sparprogrammen in anderen EU-Ländern gefährden und unterminieren. Es glaubt ja kein Mensch mehr, dass Griechenland je seine Schulden zurückzahlen kann. Die Frage ist nur, wann die EU dies auch eingesteht. Die Eurozone wird dennoch nicht als Ganzes zerbrechen, aber den Ausschluss einiger Länder halte ich für vorstellbar. Das wird sehr, sehr teuer, aber es gibt keine guten Lösungen mehr, sondern nur schlechte und noch schlechtere. Es zeigen sich jetzt einige Konstruktionsfehler der EU, die die Heterogenität von Mitgliedsländern einfach von sich weggeschoben hat.

Euro wird stark aufgewertet

Erich Streissler, Ökonomie- Professor

Eigentlich sollte die Frage lauten, wie es im nächsten halben Jahr mit dem Euro weitergeht. Da fallen so viele Entscheidungen, dass die weitere Entwicklung sehr klar ist. Aus meiner Sicht sehen wir derzeit hauptsächlich kurzfristige Aufregungen an den Finanzmärkten. Griechenlands Schulden entsprechen ja, wenn man alles einrechnet, gerade einmal vier Prozent des gesamten Bruttosozialproduktes der EU. Längerfristig glaube ich an eine erhebliche Aufwertung des Euro gegenüber dem Dollar. Ich schätze, der Eurokurs könnte sich bei 1,75, sogar bis zu 1,80 Euro einpendeln. Die binnenwirtschaftliche Inflationsgefahr ist null.

In Bezug auf Griechenland gehe ich davon aus, dass die Hälfte der aushaftenden Kredite verloren gehen wird. Die Frage ist für mich nur, ob man das jetzt ganz offen sagt oder diesen Prozess über einen längeren Zeitraum, vielleicht bis zu zehn Jahre, hinzieht. Es kann sogar wirklich gute Gründe geben für eine längerfristige Abwicklung. Aber in Wahrheit ist der Schuldenschnitt jetzt schon da. Die Finanzmärkte bilden diese Realität ab. Es war einfach definitiv ein Fehler, die Griechen in die Eurozone aufzunehmen.


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DIE MASSNAHMEN

  • 50 Prozentiger Schuldenschnitt für Griechenland.
  • Erhöhung der öffentlichen Mittel von 109 Mrd. Euro auf 130 Mrd. Euro.
  • Eine Bankenrekapitalisierung von 106 Mrd. Euro. Davon fallen 2,9 Mrd. Euro an Österreich.
  • Schlagkraft des Euro-Rettungsschirms wird auf eine Billion Euro angehoben.

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